Ökologie,  Politik

Wenn Effizienz tötet

Glyphosat

Die Aktualität dieses Artikels ist eindeutig gegeben: Ein EU-Ausschuss verhandelt während der Entstehung dieser Zeilen über die Verlängerung der Zulassung des Herbizits Glyphosat. Doch dieses effiziente Unkrautbekämpfungsmittel holt Krankheit, Tod und Qual auf unsere Felder, in unsere Viehbestände und auf unsere Teller.

Kathrin Schlüßler

Was bei den Verhandlungen vom 25.10.2017 herauskommt, müssen wir in der nächsten Ausgabe nachliefern. Ungeachtet dessen ergeht mit diesem Artikel der Appell, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Denn es betrifft uns alle, nicht nur die großen Landwirtschaftsbetriebe, auch Kleingärtnerinnen, Grundstücksbesitzende und jeden Menschen, der gekaufte Lebensmittel konsumiert.

Landwirtschaft & Hobbygärtner

Auf jedem zweiten Feld in Deutschland wird Glyphosat versprüht: Zur Unkrautvernichtung vor der Aussaat, gegen schnell keimende Unkräuter kurz nach der Aussaat, zwischen Winterfrucht und Sommeraussaat und zur Sikkation, also kurz vor der Ernte. Dabei stirbt die Mutterpflanze ab, die restliche Energie geht komplett in die Frucht, die dadurch schneller und flächendeckender ausreift. Pfluglose Bodenbearbeitung geben viele Landwirte als Begründung an. Seit 2014 unterliegt die Sikkation strikteren Auflagen.

Zum Einsatz in der Landwirtschaft kommt die Versprühung in Kleingärten und auf Grünanlagen hinzu. Allein Hobbygärtner*innen bringen jährlich um die 95 Tonnen Glyphosat aus (Stand 2014). Unerwünschte Pflanzen auf Gehwegen und an Beetgrenzen lassen sich damit gut bekämpfen. Dabei wissen die Wenigsten um die Wirkungsweise und die damit verbundene Gefahr.

Wie wirkt Glyphosat?

Glyphosat ist ein Breitbandherbizit, d.h. es wirkt nicht-selektiv auf alle ein- und zweikeimblättrigen grünen Pflanzen. Dabei wird es mit oberflächenaktiven Substanzen gemischt, um die Benetzung der Blattoberfläche zu erhöhen. Über Diffusion ins Pflanzengewebe aufgenommen, blockiert es ein Enzym, das für die Bildung bestimmter Aminosäuren verantwortlich ist. Diesen sogenannten Shikimatweg nutzen auch die meisten Mikroorganismen zur Synthese von Aminosäuren.

Glyphosat bindet Nährstoffe

Ursprünglich wurde Glyphosat als Chelatbildner entdeckt. Das bedeutet Minerale und Schwermetalle lagern sich an seiner Oberfläche an und bilden somit einen Komplex. Schwermetall-Immobilisierung klingt auf den ersten Blick gut, doch vergessen wir die Mineralien (wie Calcium, Magnesium, wichtige Spurenelemente) und Nährstoffe (Sickstoff, Phosphat) nicht. Sie bilden im Boden eines Ackers die wichtigste Grundlage für Pflanzenwuchs und die Versorgung von Mikroorganismen. Mit dem flächendeckenden Einsatz von Glyphosat entziehen wir so dem Boden die Mineralien. Also wird noch mehr gedüngt.

Glyphosat-Verbot in Sri Lanka

Glyphosat-Schwermetall-Komplexe im Trinkwasser führen zu schwerwiegenden Nierenerkrankungen. Nachdem tausende Reisbauern auf diese Weise erkrankten und starben, verbot Sri Lanka den Einsatz von Glyphosat. Trotz Druck und Erpressung der Herstellerfirmen blieb das Land bei dem mutigen Schritt.

Glyphosat & gentechnisch verändertes Saatgut

In weiten Teilen der Welt, aus der auch wir in Deutschland Futter- und Nahrungsmittel beziehen, hat sich jedoch ein weiteres Anbausystem etabliert: Der flächendeckende Einsatz von Glyphosat in Kombination mit gentechnisch verändertem Saatgut. Das pflanzliche Erbgut wurde so verändert, dass es resistent gegenüber des Herbizits ist. Heißt, die Kulturpflanze überlebt, während alles andere eingeht. Klingt effizient, ist es aber nicht, wenn man die gesundheitlichen Auswirkungen auf Mensch und Tier und damit die volkswirtschaftlichen Verluste einbezieht.

Schaut man genau hin, ist es lediglich effizient für den Verkäufer dieses Anbausystems: Monsanto. Der wird nun Saatgut und Herbizit auf einen Schlag los. Der Clou an der Sache: Das gentechnisch veränderte Saatgut verfügt über ein sogenanntes Knockout-Gen. Das bedeutet aus der Ernte des letzten Jahres (z.B. den Getreidekörnern) wächst keine neue Pflanze. Die Landwirte kaufen also jedes Jahr neu und sind völlig abhängig von der Preispolitik von Monsanto.

IARC: “Wahrscheinlich krebserzeugend”

Bereits 2015 urteilte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), einer Tochter der WHO (Weltgesundheitsorganisation), über Glyphosat: wahrscheinlich krebserzeugend. Und tatsächlich ist die Beweislast aus zahlreichen unabhängigen, nicht von der Industrie bezahlten Studien erdrückend.

In betroffenen Gebieten häufen sich seit dem Einsatz des Herbizits seltene Krankheiten und Krebsarten; Mutationsraten bei Neugeborenen steigen. In manchen Bezirken beträgt die Kindersterblichkeit 22%, d.h. jedes fünfte Kind stirbt. Von den Überlebenden kommt wiederum jedes fünfte mit Missbildungen zur Welt. Und wir sprechen hier nicht von den ärmsten Dritte-Welt-Ländern, sondern von Agrarnationen wie Argentinien, von denen wir Sojabohnen für Futter- und Nahrungsmittel beziehen. Wir können schon längst nicht mehr sagen, das ist weit weg, das betrifft uns nicht. Der internationale Handel verbindet uns alle.

Glyphosat & Botulismus

Das Gift und seine Schäden sind längst in Deutschland angekommen. Seit Jahren untersuchen Wissenschaftler*innen den Zusammenhang von Botulismus und Glyphosat, mit erschreckenden Erkenntnissen. Botulismus ist eine bei Tieren und Menschen vorkommende Krankheit, die durch sogenannte Clostridien hervorgerufen wird. Diese Mikroorganismen sind widerstandsfähiger als andere und entwickeln das Nervengift Botulinumtoxin; Vielen bekannt unter dem Namen Botox.

Was in sehr abgeschwächter Form in der Schönheitsindustrie eingesetzt wird, zählt zu den giftigsten nervenschädigenden Substanzen überhaupt und hat schon ganze Rinderbestände in Deutschland qualvoll dahingerafft. Und nicht nur das, auch die Landwirte sind davon nicht verschont.

Doch was hat das mit Glyphosat zu tun? Wie bereits erwähnt, greift das Herbizit nicht nur in den pflanzlichen Stoffwechsel ein. Auch Mikroorganismen sind davon betroffen. Werden die guten Organismen dezimiert, nehmen die resistenten Überhand. Ein solches ist das Bakterium Clostridium botulinum, der Erreger des Botulismus. Der hier gegebene Überblick wird den komplexen Ausmaßen nicht gerecht. Daher wiederholen wir an dieser Stelle den eingangs erhobenen Appell, sich mit dem Thema Glyphosat auseinanderzusetzen, BEVOR Sie es in ihrem Garten anwenden. Für Ihre Gesundheit und die Ihrer Kinder und Enkel.

ARTE produzierte 2017 dazu eine aufschlussreiche Dokumentation („Roundup, der Prozess“).

Eine weitere Dokumentation sei Ihnen ans Herz gelegt, die vor 2015 Jahren ebenfalls auf ARTE lief: Chronisch vergiftet – Monsanto und Glyphosat (ARTE Doku)

Bleibt zu hoffen, dass sich der EU-Ausschuss ein Beispiel an der mutigen Entscheidung von Sri Lanka nimmt und den Einsatz von Glyphosat in Europa verbietet.