Biophilie: Ressource Natur?

7. August 2023 | Ausgabe 4 / 2023 Rohstoffe, Nachhaltigkeit | 0 Kommentare

Ethische Impulse für den Klimaschutz

Die Hypothese, dass der Mensch eine angeborene Neigung zur Verbundenheit mit der Natur hat, wird als Biophilie bezeichnet. In wissenschaftlichen Zirkeln ist man sich allerdings keineswegs sicher, ob der Mensch eine tatsächliche, unterbewusste, positive Reaktion auf seine belebte Umgebung hervorbringen kann.


Emelie Groenhof


Erich Fromm prägte den Begriff „Biophilie“ in seinem Buch „Die Seele des Menschen“ (1964) wie folgt: „Die Biophilie ist die leidenschaftliche Liebe zum Leben und allem Lebendigen; sie ist der Wunsch, das Wachstum zu fördern, ob es sich nun um einen Menschen, eine Pflanze, eine Idee oder eine soziale Gruppe handelt.“

Es wird die Idee vorgestellt, dass im Evolutionsprozess die Nähe zu Pflanzen und Tieren eine so grundlegende Rolle gespielt hat, dass diese jetzt unumstößlich mit unserem leiblichen Wohl verknüpft ist.

Heutige Diskussionen über die Biophilie beziehen sich allerdings meist auf die menschliche Reaktion auf Pflanzen und Tiere in unserer Umgebung. Gerade die Frage, wie wir unsere Lebensräume besser an dieses gewisse Grundbedürfnis nach Natur anpassen können, wird immer häufiger gestellt.

Ein positiver Einfluss der Natur auf unser Unterbewusstsein ist natürlich keine neue Idee: Schon im Mittelalter gab es in „Krankenhäusern“ Gärten, die für die Heilung der Kranken essentiell sein sollten. Auch heute noch kann man eine Kur im Grünen verschrieben bekommen.

Tatsächlich begann man aber vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten damit, ausführliche Studien zu den psychologischen Effekten von Pflanzen auf den Menschen durchzuführen. Eine 2020 in Leipzig veröffentlichte Studie stellte fest, dass in direkter Nähe (ca. 100 m Radius zum Wohnort) zu Bäumen und Parks die Durchschnittsmenge von verschriebenen Antidepressiva deutlich niedriger ist, als in unbegrünten Teilen der Stadt. Auch der niederländische Gesundheitsrat ließ 2004 eine Reihe von Studien bezüglich des positiven Einflusses von Natur auf soziale, psychische und physische Gesundheit durchführen. Diese ergaben, dass Kontakt zur Natur Stress reduziert, die Aufmerksamkeit verbessert und sich positiv auf die gesundheitliche Selbstwahrnehmung der Befragten auswirkt.

Die Ergebnisse werden vielleicht die wenigsten überraschen. Der durchschnittliche Bonner bemerkt, dass man im Kottenforst aufatmet oder lieber unter den Kastanien der Rheinaue spaziert, als es sich an der Oxfordstraße gemütlich zu machen. Weshalb also wird immer noch diskutiert, ob die Biophilie nicht ein Bestandteil ethischen Denkens sein sollte?

Zum einen ist es sehr schwierig, Studien, wie oben genannt, durchzuführen, da sie nicht in völlig kontrollierten Räumen stattfinden können. Häufig sind die Ergebnisse von den Selbsteinschätzungen der Befragten abhängig, die von Person zu Person sehr unterschiedlich ausfallen können.

Auch sind die Ausgangsbedingungen bei jedem unterschiedlich – Erfahrung mit körperlicher und geistiger Gesundheit, physische Empfindlichkeit oder die vorangegangene Menge von Kontakt zur Natur nehmen starken Einfluss auf die Studien.

Noch häufiger kritisiert wird die Hypothese der Biophilie allerdings dafür, für tatsächliche, aktive Umweltethik irrelevant zu sein. Der Kritik nach würde es an unserem aktiven Umgang mit unserer Umgebung, sowie unserer Verantwortung der Umwelt gegenüber nichts oder nicht genug ändern, um in heutigen Diskussionen relevant zu sein. Immerhin sind wir ganz konkret mit der Aufgabe konfrontiert, unsere Welt zu retten – vor uns selbst.

 

Aber was bedeutet das alles für uns?

Wir sehen uns als getrennt von unserer Umwelt: Als Etwas, das Einfluss auf unsere Umgebung nimmt, aber nicht als Etwas, das von unserer Umgebung beeinflusst wird. Dabei befinden wir uns mit der Natur nicht in Koexistenz, sondern in Abhängigkeit – und das schon immer. So zu handeln, als wären wir von unserem Ursprung abgetrennte Wesen, tut uns nicht gut; allein, weil wir dann nicht unseren natürlichen Bedürfnissen entsprechend handeln. Auch wenn Studien zu unterbewussten Wahrnehmungen schwierig durchzuführen sind und teils zu stark von Umwelteinflüssen verfälscht werden, sind die positiven Effekte, die wir selbst wahrnehmen, nicht zu vernachlässigen. Selbst in dem Fall, dass der Evolutionsprozess unserer Spezies keinerlei psychische Spuren in uns hinterlassen hat, und stattdessen andere Umwelteinflüsse unsere Selbstwahrnehmung beeinflussen, sind diese Wahrnehmungen deshalb nicht weniger vorhanden oder echt. Wenn es nicht das Visuell der Bäume im Wald ist, das uns beruhigt, sondern die höhere Luftfeuchtigkeit und niedrigere Temperaturen, dann fühlen wir uns unter Bäumen dennoch besser. Im schlimmsten Fall haben Betonwüsten keinen positiven Einfluss auf uns, und die Natur keinen negativen. Der „Menschliche Zustand“ muss nicht immer benannt, eingegrenzt oder medizinisch bestätigt werden, und wir sind nicht von bewiesenen Studien abhängig, um einen positiven Effekt aus etwas zu ziehen.

Wir können unsere belebte Umgebung also nicht nur als physische, sondern auch als psychische Ressource betrachten, die umfassend und unendlich nutzbar ist. Sozusagen ein ewig selbst erneuerndes Antidepressiva, das jedem ganz selbstverständlich zur Verfügung stehen könnte.

Allerdings steht es nicht jedem gleichermaßen zur Verfügung, nicht einmal in den reichsten Ländern der Welt. Das wird nach jetzigem Stand in der Zukunft nur noch schlimmer werden, wenn der Klimawandel das Leben auf der Erde immer schwieriger macht. Es ist also nicht nur unsere moralische Verantwortung der Welt, sogar auch uns selbst gegenüber, die uns zum Klimaschutz treiben sollte.

Und das zu verstehen, kann eben schon mit einer Zimmerpflanze anfangen.

 

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