Rezension

Buchrezension

„Alles eine Frage der Zeit“

Manfred Fuhrich

Der Titel des Buches irritiert zunächst. Er suggeriert, dass wir genug Zeit haben. Zumindest erweckt er den Eindruck, dass wir mit großer Gelassenheit die aktuelle Situation nehmen können. Das überrascht, wenn man den Physiker und Philosoph Lesch von seinen kritischen Büchern und Fernsehauftritten kennt. Als fachlich versierter Mahner rüttelt er uns mit seinen informativen Beiträgen immer wieder auf. Seine Publikationen sind Bestseller: „Wenn nicht jetzt, wann dann“, „Die Menschheit schafft sich ab“, „Denkt mit“. Und jetzt noch einer.

Aber das Buch ist kein klassischer Lesch, es ist ein Gemeinschaftswerk. Der ausgewiesene Wissenschaftler Karlheinz A. Geißler ist Co-Autor. Dieser ist ein fundierter Zeitexperte. Das erklärt wohl die etwas andere Ausrichtung des Buches. So sind dessen frühere Werke stets dem Phänomen Zeit gewidmet: „Immer mit der Ruhe“, „Verweile Augenblick, du bist so schön“ (Zitat aus Faust II), oder „Time is Honey“. Als Grundidee vieler seiner zahlreichen Veröffentlichungen steht die Aufforderung zur Entschleunigung unseres Alltags: „Enthetzt euch“, „Lob der Pause“.
Der zweite Co-Autor Jonas Geißler hat sich ebenso schwerpunktmäßig mit dem Thema Zeit beschäftigt. Er wirkte bei dem Buch „Time is Honey“ mit. Eine Anstiftung zum klugen Umgang mit der Zeit. Allerdings liegt sein Schwerpunkt eher in Zeitberatung hinsichtlich nachhaltiger Wirtschaftsformen.

Während also Lesch bekanntlich die Dringlichkeit für sofortiges Handeln bezüglich des Klimawandels propagiert, setzen die beiden anderen Autoren eher auf Gelassenheit und Entschleunigung. Doch können wir uns angesichts der Klimakrise noch Zeit lassen? Wir können uns doch keine Entschleunigung erlauben – angesichts beschleunigter Umweltschäden wie Gletscherschmelzen, CO₂-Anstieg, Raubbau natürlicher Ressourcen.

Was können wir ungeduldige und sorgenvolle Umweltbewusste dennoch aus dem Buch lernen?
Der Schlüssel zum Verständnis des Buches erschließt sich im Untertitel: Warum die „Zeit ist Geld-Logik“ Mensch und Natur teuer zu stehen kommt. Die Autoren gehen davon aus, dass man beim Thema Nachhaltigkeit stets die Komponente „Zeit“ mitdenken muss.

Die Betrachtung auf ein in die Zukunft gerichtetes Ressourcenbewusstsein erweitern die Autoren um den alltäglichen Umgang zum Phänomen Zeit. Sie kritisieren unser eingeschränktes Verständnis von Zeit als physikalisch festgelegte Einheit durch die „Monokultur der Uhrzeit“. Sie verweisen auf die Vielfalt von Zeiten und auf die Chancen für einen verantwortbaren Umgang mit den natürlichen Ressourcen.

Tatsächlich benutzen wir den Begriff „Zeit“ auf sehr unterschiedliche Weise. Das veranschaulicht schon die vielfältige Verwendung: Uhrzeit, Urzeit, Unzeit, Auszeit, Zwischenzeit, Eiszeit, Freizeit, Bestzeit, Hochzeit, Sommerzeit, Raumzeit, Atomzeit, Halbzeit, Bedenkzeit, … . Was ist also Zeit? Sie erscheint vielen und oft zu knapp und dennoch ist sie unendlich. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Zeit wird von den Autoren als Lösung hinsichtlich ökologischer und sozialer Herausforderungen als unverzichtbar angesehen. Denn im falschen Umgang mit ihr werden die eigentlichen Ursachen für deren Entstehung gesehen. In unserer hektischen Zeit, in der alles monetarisiert wird, benötigen wir ein anderes Zeitverständnis. Dies wäre ein Schlüssel für und einen achtsamen Umgang mit der Natur.

Die Autoren nehmen uns mit auf eine Reise in die Vergangenheit. So wird deutlich, dass es zwischen mechanischer Uhrenlogik und der Zunahme von Umweltkrisen einen engen Zusammenhang gibt. War zunächst die Innovation der Kirchturm­uhr ein Instrument zur Organisation des Gottesdienstes so wurde es mit der Zeit ein Instrument zur Organisation der Arbeitswelt, mit weitreichenden Folgen für den Alltag. „Zeit ist Geld“ wird als ideologisches Credo ebenso wie die Behauptung „ohne Wachstum kein Wohlstand“ gehandelt. Die Autoren setzen dem einen neuen Begriff entgegen, nämlich den des „Zeitwohlstandes“.

Zentral der Satz „Wenn wir die Natur schützen wollen, müssen wir ihr zunächst ihre eigenen Zeiten wiedergeben. Und dies gilt nicht nur für unsere Umwelt, sondern auch für uns selbst als Wesen der Natur.“ Die Uhr und die sie anzeigende Zeit ist nicht natürlichen Ursprungs, sie ist vom Menschen erfunden. Als erfolgreiches Instrument des Kapitalismus missachtet sie die natürlichen Rhythmen und Zeitabläufe. In diesem Sinne ist das Buch ein Augenöffner, eine Horizonterweiterung im intellektuellen Sinne, aber auch eine Aufforderung im praktischen Sinne. So werden neben philosophischen Abhandlungen konkrete Fragen an unseren persönlichen Lebensstil hinsichtlich eines verantwortlichen Umgangs mit Zeit und anderen Ressourcen, letztlich den natürlichen, gestellt.

Aus eher psychologischer Sicht werden im umfangreichen zweiten Teil des Buches Begriffe wie Schnelligkeit, Langsamkeit, Pause, Muße reflektiert, was uns für die Wahrnehmung des Augenblicks sensibilisieren hilft. Das letzte Kapitel ist mit Zeitkultur betitelt. Allerdings erfährt man so manche politische Einstellungen des Autors, ohne dass der Bezug zum Thema Zeit wirklich erkennbar wird. Auch wer den Positionen zum Beispiel zum Thema Steuervermeidung großer Konzerne oder das „bedingungslose Grundeinkommen“ zustimmen kann, wünschte sich hier mehr Anregungen für den eigenen Alltag und kürzere Ausflüge in andere Themen. Weniger wäre mehr.

Interessant ist die Feststellung der Autoren, dass das Zeitalter der Uhr und das der Pünktlichkeit zu Ende geht. Der uhrenfixierten Industriegesellschaft folgt „Raum und Zeit“-entgrenzte Informationsgesellschaft. Da dem „Immer-schneller“ technologische Grenzen gesetzt sind, folgt dem „Eins-nach-dem anderen“ ein „Alles-gleichzeitig“. Illustriert wird dies zum Beispiel dadurch, dass die lineare Zeitschiene des traditionellen Fernsehprogramms abgelöst wird durch zahlreiche individuell abrufbare Streamingdienste, die alles jederzeit, beliebig oft und überall anbieten. Uhrzeit und Pünktlichkeit werden irrelevant. Die Autoren prägen dafür die Begriffe „Versofortigung“ und „Vergleichzeitigung“.

Das Buch eröffnet den Blick darauf, dass es einen „bunten Strauß an Zeitvielfalt“ gibt. Wir müssten ihn nur erkennen und umsetzen. Die Autoren sind der Überzeugung, dass sich mit einem entspannten Umgang mit unserer Zeit auch ein anderes Verständnis für die Natur und den Umgang mit endlichen Ressourcen einstellt. „Verändern wir unser Verhältnis und Verständnis zur Zeit, dann fördern wir die Zukunftsfähigkeit unserer Lebensformen.“

Es geht in diesem Buch nicht nur, aber schwerpunktmäßig um Zeit. Das Verständnis von Nachhaltigkeit erweitert sich so auf ungewöhnliche Weise. Auf jeden Fall ist es ein interessanter Blick auf das Wechselverhältnis „Mensch und Natur“. Die zitierten Analysen und Fakten lassen uns Ursachen und Gründe der Entfremdung erkennen. Die Zeit für die Lektüre der über 270 Seiten muss man erst mal haben. Aber es lohnt sich: wenn du keine Zeit hast, dann nehme sie dir.

Erschienen in der BUZ 1_22