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Unter Leuten

Auf der Parkbank

Neulich war ich wieder im Park. Dort gibt es eine wunderschöne Parkbank, mein Lieblingsplatz hier im Park. Da kam ein Mann mit energischem Schritt direkt auf mich zu. Was will der von mir?


Walter Rodenstock


Mann (M): Sie sitzen auf meiner Parkbank!

Rodenstock (R): Ihnen gehört eine Bank?

M: Ha, ha! Wäre ich Bankier würde ich nicht hier rumlaufen. Diese Bank ist mein Stammplatz, jeden Freitag bin ich hier; pünktlich um 12.00 Uhr. Und nun sitzen Sie da schon.

R: Aber heute ist doch erst Donnerstag!

M: Tatsächlich? Das ist mir peinlich. Es wird immer schlimmer mit meiner Vergesslichkeit. Entschuldigen Sie die Störung. Aber darf ich mich trotzdem dazusetzen.

R: Bitte schön. Dann ist ihr Übel wohl Alzheimer, mich plagt Parkinson; beides ist nicht ansteckend. Die Parkbank hat auch nichts mit Parkinson zu tun. Mein Galgenhumor. Rücken Sie näher.

M.: Danke, sehr freundlich. Komisch gerade reden wir über Krankheiten, schon kommt da diese Frau bei uns vorbei, die mit dem Dutt und dem karierten Kleid. Die ist mir immer schon im Wartezimmer beim Arzt aufgefallen. Die hat meistens gar keinen Termin, sondern kommt immer nur, um die ausliegenden Zeitschriften zu lesen. Sie scheint sehr einsam zu sein. Wenn ich unter Leuten bin, suche ich das Gespräch.

R: Ja, ich merk schon. Das hatte ich früher auch so gehalten. So hatte ich vor vielen Jahren meine Frau kennengelernt. Und zwar hier auf dieser Parkbank. Es ist also ein vertrauter Ort, den ich gerne aufsuche. Da bekomme ich immer wieder nostalgische Gefühle, mir wird dann ganz warm, auch wenn es ein kühler Herbsttag ist

M: Sehen Sie den alten Mann, der auf uns zusteuert. Das ist Herr K. Der war Klempnermeister. Das Geschäft lief prima, dann starb seine Frau, er stürzte ab; der Alkohol hat ihn aus der Bahn geworfen. Jetzt lebt er einsam und zurückgezogen. Er wird von Essen-auf-Rädern versorgt und geht zur Tafel. Geld für die eigene Beerdigung fehlt ihm. Die Pflegekosten im Altenheim sind für ihn zu hoch. Es fehlt also das Geld für das Weiterleben und sogar fürs geordnete Sterben. So wie die Bäume im Herbst die Blätter abwerfen, so stirbt er jeden Tag ein wenig. Von wegen warme Tage im Herbst. Für ihn ist schon tiefer Winter.

R: Was ist das Schwere, was er in der Hand trägt?

M: Auch das ist seine persönliche Macke. Es ist eine Rohrzange, typisch für Klempner. Die trägt er seit seiner Verrentung immer mit sich, um zu zeigen, dass er noch viel zu tun hat. Alle wissen, das ist nur Schau. Armer Kerl. Aber er grüßt stets mit warmen Blick – zu jeder Jahreszeit. Im Herbst wirkt sein Blick irgendwie melancholisch.

R: Apropos Schau. Neulich war ich im Theater. Es gab eine Komödie „Tratsch im Treppenhaus“. Es ging um Liebe in der Nachbarschaft zwischen Senior*innen. Einige nennen das auch „Bratkartoffel-Beziehung“. Sie kocht und er sorgt für Unterhaltung. Zu zweit ist man eben weniger allein. Nur eine neidische Nachbarin – übrigens: hervorragend gespielt – tratschte und gönnte ihnen das nicht. Kein Einzelfall. Überhaupt scheint Liebe oder wenigstens öffentlich gezeigte Zuneigung unter Senior*innen ein Tabu zu sein.

M: Dabei braucht man gerade im fortgeschrittenen Alter Zuneigung und Wärme, besonders im Herbst. Nicht immer ist der Oktober golden.

R: Für mich persönlich ist die schönste Zeit für Senior*innen der Herbst. Die wilde Zeit der Jugend ist nur noch Erinnerung, die fordernde Familienphase längst abgeschlossen, die Kinder sind aus dem Haus, der drohende Winter noch verdrängt. Sehen Sie dort den Angeber auf dem Designer-E-Bike, der mit der blonden Schönheit in Begleitung?

M: Ja, das ist der örtliche Friseur, genauer: er war der allseits geliebte Friseurmeister, zumindest bei den Damen. Aber nachdem er eine große Summe im Lotto gewonnen hatte, driftete der in andere Welten ab. Nicht nur einmal im Jahr Kreuzfahrt war angesagt; da brachte der immer eine Liebesgefährtin mit. Auch jede Menge andere Lebensfreuden gönnt er sich. Warum auch nicht, er hat keine Erben und verprasst alles.

R: Da geht es meiner Nachbarin ganz anders. Ein Arbeitsleben lang nur Niedriglohngruppe bedeutet Armut im Alter. Jetzt muss sie wegen der mageren Rente noch als Putzkraft dazu verdienen. Dennoch wirkt sie stets zufrieden – ob Frühling, Sommer oder Herbst. Nur im Winter belasten Sorgenfalten ihr Gesicht. Das Sozialamt knausert mit dem Heizkostenzuschlag. Sie wünscht sich sehnlichst warme Wintertage und ein gemütliches Zuhause.

M: Bei mir ist es warm zuhause. Ich habe letzten Monat 14.000 Euro Zuschuss vom Staat für meine neue Wärmepumpe überwiesen bekommen. Gerade im Alter brauche ich Wärme. Dabei habe ich eine gute Rente und einen solchen Zuschuss gar nicht nötig. Aber warum verzichten, wenn man es geschenkt bekommt. Dennoch ist es irgendwie ungerecht. Im Alter muss so manches Ungemach überstanden werden, so wie die Herbststürme.

R: Ja die kalte Jahreszeit macht uns Senior*innen schon zu schaffen, nur eben nicht allen Alten gleich. Die einen fliehen in den europäischen Süden oder lassen ihr Haus dämmen. Als Mieter*in muss man eine extreme Steigerung der Heizkosten fürchten. Mir geht es gut. Am liebsten habe ich den Herbst. Da lässt die Sommerhitze nach, der kalte Winter ist noch in weiter Ferne. Allein die Farbenpracht des herbstlichen Laubes, das milde Licht des Abends – sie lassen uns spüren: Auch der Herbst hat noch warme Tage.

M: Ich muss jetzt weiter, Arztermin. Dann bis nächsten Freitag.

R: Donnerstag, so wie heute , Herr …

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