Interview,  Ökologie

Bei sich sein durch „weg sein“

Öko-Immunologie und Resilienz

Der österreichische Biologe und Sachbuchautor Clemens G. Arvay erklärt im Gespräch, in welchem Wechselspiel Natur, Resilienz und Immunsystem zueinander stehen. In Bestsellern wie Der Biophilia Effekt und Wir können es besser sowie durch jüngste Erkenntnisse im Zuge seines Doktorats zur Öko-Immunologie zeigt er auf, weshalb Naturerfahrung und Umweltschutz heute dringender sind denn je.

M. Alessandra Moog

Lieber Clemens, du befasst dich eingehend mit der Öko-Immunologie. Untersuchungen aus diesem Forschungsfeld ermöglichen auch neue Erkenntnisse zur Resilienz. Diese meint gemeinhin die persönliche Belastbarkeit sowie die individuelle Fähigkeit, auch bei Herausforderungen möglichst gelassen und ausgeglichen zu bleiben sowie sich auch in angespannten Phasen reorganisieren und regenerieren zu können. Inwiefern kann man wissenschaftlich begründen, dass der Kontakt zwischen Mensch und Natur zur persönlichen Resilienz beiträgt?

Zunächst sind Naturräume auch Rückzugsräume. Suchen wir sie auf, sind wir „weg“ von sozialen Problemen, Mobbing am Arbeitsplatz, dem Dauerbombardement der Medien und der Konsumgesellschaft, sowie von belastenden Alltagssituationen. Wir erleben, wie unser Herz weiterschlägt, selbst wenn sich zu Hause in unseren Postfächern die Rechnungen oder auf den Tischen die Akten, Arbeitsmappen und bürokratischen Pflichten stapeln. Dieses „Weg-sein“ haben die Umweltpsychologin und der Umweltpsychologe Rachel und Stephen Kaplan als „Being-away“ beschrieben. Ein wichtiger Faktor der psychisch regenerativen Wirkung von Grünräumen ist die Faszination. Schon William James, einer der Begründer der modernen Psychologie, wusste, dass es zwei Formen der Aufmerksamkeit gibt: Erstens die gerichtete Aufmerksamkeit, die wir am Arbeitsplatz, in der Schule, im Straßenverkehr, beim Medienkonsum oder in sozialen Auseinandersetzungen benötigen. Diese Form kostet uns mentale Energien und schwächt unsere psychische Belastbarkeit. Hingegen lädt die zweite Form der Aufmerksamkeit, die Faszination, unsere Energien auf und hebt unsere Belastbarkeitsgrenze. Sie läuft ganz von allein ab, wenn uns beispielsweise ein wilder Bachlauf mit seinen Wasserfällen, der Nebel über den Baumkronen oder der Ausblick von einem Berg in ihren „Bann“ ziehen. Diese Naturfaszination sollten wir gerade in belastenden Zeiten regelmäßig aufsuchen. Wissenschaftlich abgesichert wurde diese Wirksamkeit beispielsweise durch Feldstudien mit Wanderungen. Probandinnen und Probanden, die sich in Naturräume begaben, schnitten danach bei psychologischen Aufmerksamkeitstests besser ab als jene, die in die Stadt geschickt wurden. Bei letzteren wurde sogar häufig eine Verschlechterung der Aufmerksamkeitsspanne gemessen. Rachel und Stephen Kaplan wiesen nach, dass Personen in Büros, die durch das Fenster Grünflächen sehen können, bei der Arbeit weniger ermüden und mehr Freude empfinden als andere, die nur auf Hausfassaden sehen können. Eine Studie der Rocky Mountains Research Station dokumentierte, dass zwanzig Transgender-Menschen, die in ihrem Umfeld einem starken Mobbing ausgesetzt waren, nach einem zweiwöchigen Wildnis-Retreat in den Rocky Mountains eine Aussöhnung mit ihrem „Anders-sein“ erlebten sowie nachhaltige psychosoziale Strategien entwickelten, mit dem Mobbing umzugehen.

In deinem Buch Der Biophilia Effekt – Heilung aus dem Wald zeichnest du einen Naturraum nach, der Regeneration fördert und viele Menschen in ihren Urinstinkten anspricht.

Besonders ausgeprägt ist die regenerierende Wirkung auf das Nervensystem in lichten Baumbeständen und auf Grünflächen mit einzelnen Bäumen, Baumgruppen, Büschen und Hecken. Das sind Landschaften, die an die Savanne erinnern – eine der „Wiegen“ der Menschheit. Aus evolutionsbiologischer Sicht bedeutet das, dass unser Gehirn mit stammesgeschichtlich vertrauten Naturreizen gut umgehen kann. Hinzu kommt, dass wir in solchen lichten Gehölzbeständen auch die Umgebung optimal überblicken können. Dunkle Winkel und Verstecke, in denen unsere archaischen Warnsysteme, die tief in unserem Reptiliengehirn sitzen, eine Gefahr erkennen können, gibt es keine. Daher
können die evolutionär vertrauten Naturreizen besonders ungestört auf unser vegetatives Nervensystem einwirken. Tatsächlich wurden in savannenartigen Landschaften auch die stärksten Auswirkungen auf den Parasympathikus gemessen, weshalb in den USA bereits erste Projekte angelaufen sind, Menschen, die unter Erschöpfung, Fatigue und „Burnout“ leiden, durch regelmäßige Aufenthalte in lichtdurchfluteten Naturräumen unterstützend zu behandeln.

Fördert die Zunahme an Resilienz durch Naturnähe auch unser Immunsystem?

Die Öko-Immunologie, mein eigentliches Schwerpunktthema, erforscht einerseits die Evolutionsgeschichte des Immunsystems im Wechselspiel mit der Umwelt und andererseits die Auswirkungen von Umwelteinflüssen auf die Immunfunktionen bei Menschen, Tieren und Pflanzen. Studien zu diesem Thema haben gezeigt, dass neben den Sinnesreizen der Natur auch verschiedene Natursub-
stanzen günstig auf uns wirken. So wissen wir aus mehreren japanischen Studien zum Beispiel, dass die Pinene, die von Kieferngewächsen abgegeben werden, unsere natürlichen Killerzellen signifikant aktivieren. Diese wichtigen Zellen unseres angeborenen, permanent im Hintergrund aktiven Teils des Immunsystems sind eine der ersten Instanzen, die Viren, Bakterien und andere Erreger sowie potenzielle Krebszellen aus unserem Organismus entfernen. Diese sogenannte „Hintergrundimmunität“, die schon im Mutterleib vor unserer Geburt aktiv war und nicht erst erworben werden muss, ist außerordentlich wichtig für die Gesunderhaltung. Für die frühe Abwehr oder die Schwere einer viralen Infektion ist sie maßgeblich entscheidend. Zusammenhänge zwischen Hintergrundimmunität und Naturaufenthalten erforsche ich in meinem EU-geförderten Doktoratsprojekt im Naturpark Zirbitzkogel-Grebenzen. Bereits der erste Feldversuch in einem lichten Baumbestand mit der Zirbelkiefer, auch Arve genannt, bestätigte, dass der Aufenthalt dort das zuvor erwähnte Herzschutzhormon DHEA im Blut signifikant erhöht sowie unserer zelluläres Immunsystem unterstützt, vor allem die natürlichen Killerzellen und die natürlichen Killer-T-Zellen. Diese Art der Forschung steckt noch in den Kinderschuhen. Es gibt Millionen von bioaktiven Natursubstanzen, die noch erforscht werden sollten. Ich bin mir sicher, dass diese „Waldluftapotheke“ noch weitere Wirkungen auf das Immunsystem hat, die uns bisher noch nicht bekannt sind. Wir wissen aber aus Studien bereits, dass auch bestimmte Bodenmikroben unser Immunsystem trainieren, wenn wir in der Natur mit ihnen in Kontakt kommen. Und die nach Regengüssen elektrisch aufgeladenen Feuchtigkeitspartikel in der Luft beschleunigen beim Einatmen die Bewegung unserer Flimmerhärchen. Sie unterstützen dadurch das Ausscheiden von Schadstoffen und Krankheitserregern.

Ein aktuelles Beispiel für möglicherweise fehlende Resilienz sind Stresszustände, die einige Menschen aufgrund des Coronavirus entwickelt haben. Aus Angst vor einer Infektion, so scheint es manchen, ist nicht einmal mehr die Natur ein sicherer Ort der Erholung. Manche haben Furcht vor einer Ansteckung mit COVID-19 im Freien. Lassen sich diese Vorbehalte virologisch begründen, oder sollten Menschen auch oder gerade in Zeiten von SARS-CoV-2 in die Natur gehen?

Als im Frühjahr 2020 vermehrt über SARS-CoV-2 berichtet wurde, trat ich öffentlich dafür ein, dass Menschen uneingeschränkt Grünräume aufsuchen konnten. Ich animierte in Radiointerviews sogar dazu. Dafür erhielt ich nicht nur Unterstützung. Doch ich stehe dazu: Unter freiem Himmel und vor allem in Grün- und Naturräumen gibt es kein relevantes Risiko einer viralen Ansteckung. Gerade in der Natur ist die Luft permanent in Bewegung. Ausgeatmete Aerosole werden sofort verdünnt und verteilt, sodass die Konzentration der Viren nicht mehr für eine Ansteckung ausreicht. Die UV-Strahlung der Sonne tötet Viren ebenfalls ab. Außerdem trocknen die empfindlichen Erreger an der frischen Luft rasch aus und werden dadurch inaktiviert. Die rauen, organischen Oberflächen von Baumstämmen, Moosen und Laub absorbieren virale Partikel in Windeseile. In Summe bestand nie irgendein realistischer Grund für Ängste, sich in Grünräumen anzustecken. Ängste wirken sich generell ungünstig auf unsere Immunfunktionen aus. Das hat ebenfalls mit dem Nervensystem zu tun. Ängste und Stress reduzieren die Aktivität des Parasympathikus, sodass der Sympathikus überwiegt. Dieser zieht unter anderem dem Immunsystem Energien ab, um sie für die körperliche und mentale Alarmbereitschaft zu investieren. Der Parasympathikus hingegen führt dem Immunsystem Energie zu.

Auch im Zusammenhang mit Ökosystemen spricht man von Resilienz: Diese besagt hier, was ein Ökosystem tolerieren kann, bevor es eine massive Störung erleidet. Ökologische Krisen sind häufig ein Resultat von Wechselwirkungen, die auf menschengemachte Probleme zurückzuführen sind. Je mehr Kontakt zur Natur und je mehr Resilienz eine Gesellschaft aufweist, desto weniger sollte die Resilienz der Natur ausgereizt werden.

Biophilie bedeutet generell die Zuneigung zum Lebendigen. Erich Fromm, der Begründer des Begriffs, meinte damit explizit auch den Respekt vor der Natur. Dem gegenüber steht die Biophobie – die Abkehr vom Lebendigen und der Natur. Ich bin davon überzeugt, dass Naturerfahrung und gefühlte Naturfaszination bei vielen Menschen auch ein geschärftes Bewusstsein für den Erhalt unserer Lebensräume bewirken können.

Warum ist der sorgsame Umgang mit der Natur gerade in unserer Gegenwart und angesichts der Gefahr möglicher zukünftiger Pandemien wichtig?

Die Gesundheit der Menschen und die Gesundheit der Ökosysteme sind eng miteinander verknüpft. Naturerfahrung unterstützt nicht nur unsere mentale und körperliche Gesundheit. Die Biodiversität der Natur im globalen Sinne ist die Grundlage für Leben und Gesundheit allgemein. Das sollten wir auch aus Corona lernen. Denn die Zerstückelung von Lebensräumen und der Schwund der Biodiversität zerstören die Populationsstrukturen von Wildtieren, sodass Erreger leichter von einer Spezies auf eine andere überspringen und dadurch virulenter werden können. In der Folge steigt die Gefahr von Epidemien und Pandemien. Wir sind eingebunden in die Biodiversität und die ökologischen Regelkreise der Erde. Stören wir diese, wird das unweigerlich auf uns zurückfallen.

Vielen Dank für das Gespräch, Clemens!

Erschienen in der BUZ 6_21.