Gesellschaft

Arbeitskraft effektiv nutzen

Alternative Arbeitsmodelle und ihre Auswirkungen

Morgens mit den Kindern frühstücken, in der Mittagspause zum Sport oder ein freier Nachmittag fürs eigene Hobby. Wovon manche Arbeitnehmer nur träumen können, ist in anderen Branchen bereits fest etabliert. Alternative Arbeitsmodelle machen es möglich. Besonders verlockend dabei ist das Pilotprojekt der Stundenreduzierung bei gleichbleibendem Gehalt. Doch geht die Rechnung auf oder ist doch alles nur Utopie?

Im Zeitalter der Digitalisierung verliert die physische Anwesenheit am Arbeitsplatz zunehmend an Bedeutung. Mails checken, Telefonate führen oder schnell noch Daten auf den Firmenserver hochladen, fast alles geht mittlerweile ebenso gut von zuhause oder unterwegs, ja selbst Meetings können virtuell abgehalten werden. Das ist toll, denn es ermöglicht uns ungemeine Erleichterungen im Alltag – ob Handwerker im Haus oder Kita-Ferien, hier und da einen Tag Homeoffice einzulegen, ist i.d.R. gar kein Problem. Oft werben Firmen sogar damit, bieten außerdem Gleitzeit oder Teilzeitmodelle an und rühmen sich sodann als besonders familienfreundlich.

Doch ist diese Entwicklung wirklich nur zu unserem Nutzen oder verschieben die neuen Freiheiten die Arbeit nur immer weiter in den privaten Bereich und führen langfristig zu Stress und Überbelastung? Und wie effektiv ist diese Art des Arbeitens überhaupt noch?
Während viele Arbeitgeber fordern, die wöchentlich und täglich zulässige Arbeitsstundenzahl zu erhöhen, um flexibler reagieren zu können und so wettbewerbsfähig zu bleiben, fahren andere diese drastisch zurück – um effektiver zu arbeiten.

Vorreiter in Schweden

Bereits 2004 reduzierte das Toyota-Werk in Göteborg, Schweden die tägliche Arbeitszeit auf sechs Stunden, bei vollem Lohnausgleich. Das Konzept ging auf: die Produktivität blieb gleich, der Umsatz wurde sogar gesteigert. Ein weiteres Beispiel bietet das schwedische Sahlgrenska-Krankenhaus in Mölndal. Auch hier wurde mit Erfolg der 6-Stunden-Tag eingeführt. Zwar entstanden anfangs höhere Kosten durch den vermehrten Personalbedarf, doch langfristig wurde die Wirtschaftlichkeit der Klinik gesteigert. Das positive Arbeitsklima und die geringere Belastung der Arbeitnehmer führte zu weniger Krankmeldungen und höherer Zufriedenheit. Auch eine Stressstudie der Universität Stockholm bestätigt den positiven Effekt der Arbeitszeitverkürzung, selbst in Hinblick auf finanzielle Aspekte. Durch die geringere Belastung gibt es weniger krankheitsbedingte Ausfälle, es passieren weniger Fehler und somit auch weniger Schäden, letztendlich profitiert der Arbeitgeber also auch in finanzieller Sicht.

Die Lage in Deutschland

Auch in Deutschland ist die Idee der Stundenreduzierung zur Effektivitätssteigerung mittlerweile angekommen. Ausgehend von der Prämisse, dass niemand länger als fünf Stunden am Tag kreativ sein kann, führte der Chef einer Bielefelder IT-Agentur im Oktober vergangenen Jahres die 25-Stunden-Woche ein. Die Arbeitszeiten wurden von 9-17Uhr auf 8-13Uhr verlegt, ebenfalls bei gleichbleibenden Gehältern, allerdings ohne die Möglichkeit Homeoffice oder ähnliches in Anspruch zu nehmen. Und es funktioniert: kein Schwätzchen beim Kaffeeholen, keine ausschweifenden Meetings, dafür durchstrukturierte Tage und konzentriertes Arbeiten. High-Performance-Work am Vormittag und dafür viel Zeit zur Regeneration am Nachmittag. Die Mitarbeiter haben so nicht nur mehr Zeit für ihre Familien und Kinder, sondern auch für Hobbys, Sport oder soziale Kontakte. Dies wiederum bietet gesundheitliche Entlastung und somit weniger Ausfälle, als auch eine deutlich gesteigerte Motivation der Mitarbeiter.

Die richtige Work-Life-Balance finden

Während der voll bezahlte 6- bzw. 5-Stunden-Tag in Deutschland noch eine absolute Ausnahme ist, wird sein Pendant, die 4-Tage-Woche, auch hier immer beliebter. Mit Versprechungen einer ausgewogenen Balance zwischen Arbeit und Privatleben werben die Arbeitgeber hierfür. Meist sinkt jedoch in diesem Fall, wie in normalen Teilzeit-Arbeitsverhältnissen, das Gehalt im Vergleich zur 40-Stunden-Woche. Dennoch bieten oft auch solche Angebote bereits eine Erleichterung in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und entlasten im Zeitalter von Burnout und Co den Arbeitnehmer und seine Gesundheit. Zusätzliche Sportangebote, eigene Firmengärten oder After-Work-Events wirken sich hier ebenfalls positiv aus. Das Netzwerk Familienbewusste Unternehmen Bonn/Rhein-Sieg bietet entsprechenden Unternehmen eine gemeinsame Plattform und fördert aktiv eine familienbewusste Arbeitskultur in den Unternehmen der Region.

Weitere Modelle

Manche Unternehmen bieten neben klassischen Teilzeit-Vereinbarungen auch sogenannte Jahresarbeitszeitkonten an, um flexibler auf private Belastungen oder schwankende Auftragslagen reagieren zu können. Festgelegt ist hierbei nur die jährliche Summe an Arbeitsstunden, aber nicht wann und wie diese zu leisten sind. Das regelt der Bedarf bzw. die persönliche Leistungsfähigkeit des Arbeitnehmers. Problematisch wird dieses Modell jedoch, wenn beide Faktoren miteinander konkurrieren.

Ein ganz gegensätzlicher Ansatz ist die Vertrauensarbeitszeit. Hier wird nicht nach Stechuhr abgerechnet, sondern darauf vertraut, dass der Arbeitnehmer diejenige Anzahl an Stunden erbringt, die nötig ist, um seine Aufgaben termingerecht zu erledigen. Das hohe Maß an Eigenverantwortung wirkt motivierend setzt aber auch ein gutes Zeitmanagement und realistische Zielvereinbarungen voraus.

Welches Modell das Beste ist, muss wohl jeder Arbeitnehmer und jeder Betrieb für sich selbst entscheiden. Klar ist auch, dass nicht alle Modelle in allen Berufen und Branchen gleichgut umsetzbar sind. Aber in Einem sind sich alle einig: Es muss sich etwas ändern, um in einer zunehmend digitalen und globalisierten Welt langfristig die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter aufrecht zu erhalten.

Verena Mandt