Neues Leben braucht Visionen
Am 8./9. November 2025 wurde im Künstlerforum Bonn den Akteuren des Projektes „Unsere Welt, unsere Visionen – entdecken, erleben, verändern“ eine lebhafte Bühne geboten. Im Rahmen des Worldvisionen-Festivals wurden die Ergebnisse einer Vielzahl vorangegangener Workshops mit Kindern und Jugendlichen in einem inspirierenden Programm multimedial vorgestellt.
Susanna Allmis-Hiergeist und Kirsten Huppertz

Videovorführung
Foto: Susanna Allmlis-Hiergeist
Das Bildungs- und Kreativprojekt „Unsere Welt, unsere Visionen“, eine gemeinsame Plattform der Stadt Bonn und des Rhein- Sieg-Kreises, orientiert sich thematisch an den 17 Nachhaltigkeitszielen der UN (Sustainable Development Goals/SDG). Dabei war das erste Projektjahr schwerpunktmäßig den Themen Frieden und Gerechtigkeit (SDG 16) gewidmet.
In den Workshops entwickelten Kinder und Jugendliche gemeinsam mit Expert*innen/ Künstler*innen Perspektiven für ein besseres und gerechteres Zusammenleben. Die Teams zeigten ihre Ergebnisse auf dem Festival in Form von Foto-, Video- und Audiobeiträgen. Auch Tanz- und Mitmachaktionen für die Besucherinnen und Besucher standen auf dem Programm.
Eröffnung mit Tanz
Zur Eröffnung startete das Festival mit „Good morning sunshine“, einer Tanzperformance mit Krump-Elementen, angelehnt an das Musical „Hair“. Krump ist ein Tanzstil, der in den afroamerikanischen Gemeinden in Los Angeles entstanden und mittlerweile weltweit Kult geworden ist. Abrupte Bewegungen wie Stampfen, heftige Armbewegungen und Körperdrehungen entwickeln in einer gemeinsamen Choreographie Eleganz und einen mitreißenden Sog. Der Stil eignet sich für viele Arten rhythmisierter Musik, angefangen von Renaissance-Stücken, zu denen schon der französische Sonnenkönig tanzte, bis zum „Let the sunshine in“ wie hier in Bonn. Zentral ist das Interagieren mit den Zuschauern. Das Publikum wird zum Mitmachen animiert und auch im Künstlerforum dauerte es nicht lange, bis sich begeisterte Zuschauer*innen unter die jugendlichen Tänzer*innen mischten und einen multikulturellen Auftakt feierten.
Spannende Workshops beschäftigten sich mit dem Thema Schatten, Schatten als Zwischenzustand und Chance für eine andere Wahrnehmung und Entfaltung. Eines dieser Projekte, die Tannenbusch-Story, hatten wir Ihnen in unserer letzten Ausgabe in Kooperation mit der Bertolt-Brecht-Gesamtschule während seiner Entstehung vorgestellt. Moderiert wurde die Arbeit mit den Schüler*innen von den Künstlerinnen Dania D’Eramo und Inga Krueger. Auf dem Festival beantworteten die Jugendlichen der Schreib- und Filmwerkstatt nun die Frage, wie sie sich eine Zukunft vorstellen, in der Frieden Realität ist. Und wie nachhaltige Orte für die Gemeinschaft in dieser Zukunft aussehen könnten.
Tannenbusch Story 2045
Ausgehend von wenig beachteten Orten im Schatten des regen Lebens im Stadtviertel ihrer Schule, haben die Teilnehmer*innen fünf Gemeinschaftsräume für das Jahr 2045 neu konzipiert. Während die Bilder die Orte im aktuellen Zustand zeigen, erzählen die entstandenen Texte von der Zukunft. Betrachtet wurden eine halbzerstörte Litfaßsäule, eine wenig einladende U-Bahn-Unterführung, ein vergessener Spielplatz, eine nie in Betrieb gegangene Tiefgarage, ein Baum im Schulhof, umgeben von Betonplatten.
In der Ausstellung zeigt das Team auf fünf großen Schwarz-Weiß-Tableaus die heutigen Ansichten der Orte. Bei der Litfaßsäule klafft vorne im Bild ein großer Spalt, wie bei einem zu engen Mantel. In 2045 soll diese „Community Säule“ ein Ort gesellschaftlicher Begegnung und Insektenhotel in Einem sein. Es gibt einladende Caféhaustische und unter einem Zelt werden Lebensmittel vom Supermarkt angeboten, die nicht verkauft werden konnten. Nise schreibt:
Diese einst leblose Hülle,
…
in einer Gesellschaft, in der
Spaltung die konstante
Ressource
Unseres Seins dimmt,
…
Früher eine leblose Hülle, die
Nichts taugt
Ist nun ein friedvoller Raum
…
Wo man unabhängig von Ungleichheit erhält, was
Die Seele braucht.
Weiter geht der Ausstellungsparcour zur U-Bahn-Station Tannenbusch-Süd. Die heute mit Graffitis besprühte Unterführung und das gesamte Areal sind mehr Nicht-Orte, mit Potential für neues Leben. Asli schreibt:
Ich war mal nur ein Ort, jetzt bin ich eine
Brücke zwischen Welten.
Aber die Entwicklung ist aus Sicht des Kurses nicht nur positiv zu bewerten. Zwar gibt es ein großes Peace-Zeichen unter den Graffitis. Aber Malik und Ebru haben auch Bedenken:
Nur schade, dass die Bahn immer noch zu
spät kommt.
…
Hier war mal ein Park mit Bäumen. Jetzt ist
alles Solarasphalt.
Hm. Vielleicht pflanzen wir mal
wieder welche.
Eine andere Utopie formuliert Leonie:
Der schönste Ort der Welt, mein Kopf, meine
Gedanken,
Hier träume ich vor mich hin, hier bin ich
immer.
Das in der Ausstellung vor den Schwarz-Weiß-Tableaus gezeigte Video zeigt die „Lost Places“ auch heute schon in freundlicheren Farben: buntes Laub umrahmt eine Betonpergola, filigrane Samenstände der Waldrebe und winzige Pilzhüte sind zu entdecken. Und selbst eine Spinne am Roncalli- Plakat auf der Säule bildet die Vorhut zum Insektenhotel.
Die Zukunftsbilder der Jugendlichen öffnen Möglichkeits- und Wirkungsräume – vorausgesetzt, man ändert den Blickwinkel. Genau diese spielerische Verschiebung von Wahrnehmung, dieses Erforschen, was zwischen Licht und Schatten liegt, stand auch im Mittelpunkt eines weiteren Festivalprojekts.
Schatten als eigene Welt

Schattenspiele
Foto: Ulrike Tscherner-Bertoldi, KinderAtelier im Frauenmuseum
Schatten bergen etwas Geheimnisvolles: körperlos einerseits, aber auch mit einer realen Existenz verbunden, sind sie dennoch nicht mit Gewissheit einer bestimmten verursachenden Kontur zuzuordnen. Wo befindet sich die Lichtquelle, in welchem Winkel wird das Objekt angestrahlt? Somit verbleiben verschiedene Interpretationen des Wirklichen möglich, entsteht Raum für Phantasien und Poesie. Die poetische Kraft des Schattentheaters stand im Mittelpunkt eines gemeinsamen Projekts von Frauenmuseum und Kunstmuseum. Kinder und Jugendliche zwischen 7 und 16 Jahren entwickelten dabei Szenen zum Thema Heldinnen in „Licht und Schatten“. Dazu gab es gleich dreifach Input: Die Ausstellungen „Heldinnen“ (Frauenmuseum) und „From Dawn till Dust“ (Kunstmuseum) sowie ein Gespräch mit der Jugendgruppe von Amnesty International, die sich besonders mit Frauenrechten auseinandersetzt. Geleitet wurde das Projekt von den Künstlerinnen Lucilene Pampolha, Ulrike Tscherner- Bertoldi und Berlinda Bakker. Das Nachhaltigkeitsziel 3 -Geschlechtergleichstellung und Stärkung der Rolle der Frauen verband sich mit Themen wie Klimaschutz, Demokratie, Bildung, Gerechtigkeit und Rassismus. Dabei arbeiteten die Kinder und Jugendlichen trotz Altersunterschieden sehr gut zusammen.
Gemeinsam wurden neben Figuren und Kulissen auch Dialoge entwickelt. Töne und Musik wurden aufgenommen, um die Szenen zu untermalen: Für die im Nazideutschland lebende Marie Kahle bedrohliches Marschieren, ein ausgelassener Chor für die bewegliche Tanzfigur Josephine Bakers, Wald- und Sägegeräusche für die indigene Sonia Guajajara. Zum Projekt wurde ein Video veröffentlicht, dass einen kleinen Eindruck von der Kreativität der jungen Menschen vermittelt.
Es geht weiter in 2026

Plakat-Weltvisionenfestival
Das diesjährige Weltvisionen-Festival lud ein, über den eigenen Tellerrand zu blicken, sich auszutauschen und eigene Zukunftsvisionen zu entwickeln. Hieran möchte das Festival in 2026 anknüpfen, dann mit Fokus auf Gesundheit und Wohlergehen (SDG 3), Menschenwürdige Arbeit (SDG 8) und nachhaltigem Konsum (SDG12).
Clara aus der Schreib- und Filmwerkstatt sagt: „Das ist unser Start! Lass es uns verändern.“
Mehr zur Tannenbusch Story finden sie auf der Homepage der Stadt Bonn oder unter https://www.bonn.de/microsite/welt-visionen/workshops/projektdokumentation/tannenbusch-story-2045-doku_.php
Mehr von Susanna Allmis-Hiergeist
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