Was kosten unsere Lebensmittel wirklich?
„Darf’s ein bisschen fair sein? Was unsere Lebensmittel wirklich wert sind“, darüber sprach Thomas Cierpka von der Organisation „International Federation of Organic Agriculture Movements“ (IFOAM – Organics International) im Rahmen der Fairen Woche, die mit zahlreichen Veranstaltungen im September in Bonn stattfand.
Carmen Planas

10 kg Kartoffeln für 2,99 € ?
Von Erkaha – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index. php?curid=38806792
10 kg Speisekartoffeln für 2,99 €,
250 g Butter für 1,69 €,
1 kg Rispentomaten für 1,99 €
das sind drei aktuelle Angebote eines Supermarktes in Bonn.
Macht zusammen 6,67 €.
Doch die Rechnung stimmt so nicht. Mit zahlreichen Fakten und Argumenten machte das Thomas Cierpka von IFOAM – Organics International in seinem Vortrag über die wahren Kosten unserer Lebensmittel deutlich. Die in Bonn ansässige und weltweit agierende Organisation setzt sich „für wahre Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft“ ein, für die so genannte Biotransformation.
Versteckte externe Kosten
In der Einkaufstasche liegen zwar wirklich die Kartoffeln, die Butter und die Tomaten aber auch andere Dinge, die uns indirekt in Rechnung gestellt werden.
Es sind die so genannten externen Kosten, um die es geht. Auf dem Kassenzettel stehen nicht die Kosten für Wasserverschmutzung, Bodenverluste und -schäden, die Auswirkungen des Klimawandels, Luftverschmutzung, das Gesundheitswesen, Subventionen, Forschung und Entwicklung oder Schäden an der ländlichen Struktur. Diese externen Kosten machen laut Cierpka sechs Siebtel des eigentlichen Preises unserer Lebensmittelprodukte aus. Im Supermarkt würden wir nur ein Siebtel bezahlen, doch als Steuer und Beitragszahler*innen werden wir auch für die anderen Kosten zur Kasse gebeten.
Es geht um Milliarden
„Es geht um Milliarden“, schreibt Matthias Lambrecht von Greenpeace e. V. in seinem Vorwort zur aktuellen Studie „Die versteckten Kosten der Ernährung“.
„Was kostet uns unsere Ernährung – für Gesundheit und Umwelt“. „Allein die Umweltkosten der Fleischerzeugung belaufen sich auf rund 21 Milliarden Euro jährlich, …“ Und im Rahmen der gemeinsamen Agrarpolitik der EU würden ungefähr 6 Milliarden Euro jährlich als Subventionen an die Landwirtschaft gezahlt. Dazu kämen noch Subventionen von 5 Milliarden Euro für Fleisch und Milchprodukte über die ermäßigte Mehrwertsteuer.
Konventionelle und ökologische Landwirtschaft

Empfohlen für alle, die noch mehr zum Thema wissen wollen.
Die horrenden externen Kosten werden insbesondere der so genannten konventionellen oder industriellen Landwirtschaft angelastet.
„Auch der ökologische Landbau verursacht externe Kosten“, schreibt der Fachjournalist Leo Frühschütz im von Volkert Engelsman und Bernward Geier herausgegebenen Buch „Die Preise lügen“. „Allerdings weit geringere als die konventionelle Landwirtschaft. Zahlreiche Studien belegen, dass BiolandwirtInnen das Grundwasser schützen, die Artenvielfalt fördern und in ihren Böden überschüssiges Kohlendioxid binden und so das Klima entlasten.“
Billige Lebensmittel sind teuer
Folgt man diesen Überlegungen, dann müssten konventionelle Lebensmittel sehr viel teurer als Biolebensmittel sein. „Eigentlich wäre es gerecht, wenn die Käufer dieser Lebensmittel die Schäden gleich auf dem Kassenzettel in Rechnung gestellt bekämen“, meint Frühschütz. „Doch das ist gar nicht so einfach. Nur wenige Schäden lassen sich gut beziffern, andere müsste man grob abschätzen, und viele treffen nicht uns, sondern erst unsere Kinder und Enkel in 20 oder 30 Jahren.“
Sind Bio-Label eine Lösung?

Titelbild der Studie „True Cost Accounting for Food, Farming & Finance” von 2017 des niederländischen Bio-Unternehmens Eosta.
Ein wirklich neues Thema sind die versteckten Kosten unserer Lebensmittel nicht. Aber leider immer noch ein sehr aktuelles. Welche Lösungen gibt es? Gefragt sind alle, die Politik, die Unternehmen, die Verbraucher*innen.
Doch wie können die Käufer*innen wirklich wissen, welche Folgen ihr Einkauf hat. Kann man zum Beispiel guten Gewissens den verschiedensten Bio oder Öko-Labeln folgen?
Ein Blick auf den aktuellen Labelchecker der romero initiative ist durchaus ernüchternd. Das Siegel für Bio der Europäischen Union zum Beispiel hat hiernach nur eine unzureichende Glaubwürdigkeit. Das niederländische Bio-Unternehmen Eosta hat für die Verbraucher*innen die Nachhaltigkeitsblume als Label entwickelt. Jedes Blütenblatt dieser Blume steht für einen wesentlichen Aspekt von Nachhaltigkeit: Gesellschaft, Wirtschaft, Kli ma, Wasser, Boden, Artenvielfalt, Individuum. Doch bisher konnte sich dieses Label nicht in der Breite durchsetzen, so dass es erst einmal bei einer guten Idee bleibt.
Verantwortung der Supermärkte
Wo man einkauft, spielt natürlich auch eine große Rolle. In Deutschland kontrollieren die vier großen Ketten für den Lebensmittelhandel mit über 80 Prozent den Markt: Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz Gruppe (Lidl, Kaufland). Sie tragen eine erhebliche Verantwortung für die Preise und könnten und sollten besser darüber informieren, wie sich die Preise zusammensetzen.
Politische Lösungen

1 kg Rispentomaten für 1,99 € ?
Von Hedwig Storch – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index. php?curid=3587456
Auf politischer Ebene könnte einiges bewirkt werden. Lambrecht plädiert etwa für eine Mehrwertsteuerreform, „die klimaverträglich erzeugte Lebensmittel von der Steuer befreit und Subventionen für umweltschädliche tierische Lebensmittel streicht.“ An dieser Stelle sei gerne auf unseren Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) verwiesen, der dieses Jahr dem ARD-Magazin „Panorama“ sagte: „Mir ist der Klimaschutz ein wichtiges Ziel, und der Klimaschutz ist der gesamten Bundesregierung ein wichtiges Ziel. Das hat mit dem Fleischkonsum meines Erachtens nichts zu tun.“
Bio-Stadt Bonn
Einen Schritt in die richtige Richtung hat sicherlich die Stadt Bonn gemacht, als sie 2019 dem Netzwerk der deutschen Bio-Städte, -Gemeinden und -Landkreise beigetreten ist. Hierbei verfolgt die Bio-Stadt Bonn mehrere Ziele. Eines davon ist die „schrittweise Umstellung der städtischen landwirtschaftlichen Flächen auf eine ökologische Bewirtschaftung“.
Ein anderes ist die „Aufklärungs und Bildungsarbeit zum Thema Ökologische Landwirtschaft und Bio-Lebensmittel“. Die Stadt gibt an, dass bereits 20 Prozent der städtischen landwirtschaftlichen Flächen an ökologisch produzierende landwirtschaftliche Betriebe verpachtet seien. Als Bio-Stadt veröffentlicht Bonn auf ihrer Internetseite auch einen Bio-Einkaufsführer, „durch den jede*r das Thema ‚biologische und/oder regionale Ernährungsversorgung‘ entdecken kann“. So kann man sich gut über die regionalen Ökomärkte, Biohöfe, Bioläden oder Angebote der Solidarischen Landwirtschaft informieren.

Unterhalten Sie sich virtuell auf einer Internetseite des Umweltbundesamtes mit der Dame an
der Kasse und schätzen Sie die Preise – mit Klimakosten. So finden Sie schnell heraus, was einige Lebensmittel mehr kosten müssten, um die Folgekosten der mit ihrer Herstellung verbundenen Emission von Treibhausgasen wie etwa Kohlendioxid auszugleichen. www.umweltbundesamt.de
Bild von Richard Duijnstee auf Pixabay
Es folgt eine Anzeige unserer Unterstützer*innen/in eigener Sache.
Sie möchten uns durch Ihre Werbung in der Bonner Umweltzeitung unterstützen? Unsere Mediadaten










0 Kommentare