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Lost verloren oder verlassen?

Städte im Wandel laufen immer Gefahr, dass Flächen oder Objekte aus der Nutzung fallen. Häufig finden sich wieder schnell neue Nutzungsoptionen oder zumindest Zwischennutzungen. Aber es gibt eben solche Situationen, in denen eine Nachnutzung sehr lange auf sich warten lässt oder sogar ganz ausbleibt. So bilden sich Brachen oder Kümmernutzungen; für die einen ein Schandfleck, für die anderen ein „verlorener Ort“.


Dr. Manfred Fuhrich


Durch den Verlust des Regierungssitzes verlor Bonn nicht nur zahlreiche Ministerien mit Hauptsitz, sondern auch alle Botschaften und viele Verbände. Bonn drohte zu verkümmern. Aber ein kluges Verhandlungsgeschick der Bonner Politiker*innen verhinderte diesen Exodus. Gleichwohl gab es zahlreiche Objekte, die leer fielen und für die keine baldige Nachnutzung erfolgte. Dies betraf nicht nur Einrichtungen des Bundes. Der Verlust des Status als Hauptstadt bedeutete auch strukturelle Verwerfungen, z.B. im Handel. Vor allem Bad Godesberg als „Diplomatenstadt“ war betroffen. So konzentrieren wir uns bei den nachfolgenden beispielhaften Betrachtungen auf diesen Stadtteil Bonns.

Kaufhaus Hertie

Hertie-Komplex stand jahrelang leer
Foto: Dr. Manfred Fuhrich

Besondere Aufmerksamkeit erlangte die Schließung des einzigen Kaufhauses in Bad Godesberg, Hertie. Der lange leerstehende Gebäudekomplex am Ende der für Bad Godesberg bedeutenden Fußgängerzone zog auch die umgebenden Geschäfte in eine desolate Lage. Die Zwischennutzung des Erdgeschosses für eine Automobilausstellung erwies sich als hilflose und wirkungslose Gegenmaßnahme. Vielmehr drückten die dauerhaften Bauzäune um das Gebäude Hoffnungslosigkeit aus.

Dabei gab es einige Vorschläge für die Weiternutzung wie zum Beispiel Einzug des Bezirksamtes oder Hochschulnutzung, Seniorenresidenz und Wohnkomplex. Die Hertie-Stiftung als Eigentümergruppe bewegte sich lange nicht und zeigte kein lokales Engagement. Nach Jahren des Leerstandes erfolgte ein Umbau zu einem bescheidenen Einkaufszentrum innerhalb des vorhandenen Baukörpers. Eine neue Passage sollte Leben in das Gebäude bringen. Sie endet aber im Nirgendwo. Dennoch war man froh, dass hier überhaupt zusätzliche Geschäfte und ein Fitnessstudio einzogen.

Bürogebäude Am Michaelshof

In Sichtweite von Hertie fiel gegenüber vom Theater ein Bürokomplex leer, weil der Bund ein Bundesamt von der Innenstadt an den Stadtrand verlagerte. Erst nach über zehn Jahren Leerstand erfolgte hier eine umfassende bauliche Sanierung mit modernisierten Büroflächen und neuen Komfortwohnungen. Allerdings hielt sich der Belebungseffekt in Grenzen, weil in der Erdgeschossebene statt Läden – wie früher – nunmehr Büroflächen einer Bank hinter Sichtschutzfenstern eingerichtet wurden.

Stadthalle und Trinkpavillon

Ein besonderer Lost Place hat sich im Stadtpark entwickelt. Die geschichtsträchtige Stadthalle wurde wegen bautechnischer Schäden geschlossen und mit Bauzäunen abgeriegelt. Trotz dieser Mängel hat man sich entschlossen, die Stadthalle nicht abzureißen, sondern zu sanieren. Schon die Planung zieht sich in die Länge. Wiedernutzung ist weiterhin offen. Ganz anders sieht es mit dem Trinkpavillon aus. Hier hat sich ein sehr aktiver Bürgerverein dem Erhalt dieses baulichen Kleinodes verschrieben. Durch zahlreiche Aktivitäten und Veranstaltungen hat sich dieses besondere Bauwerk über seine eigentliche Funktion als Trinkausschank zu einer festen Institution im lokalen Kulturbetrieb etabliert. Einige Immobilien stehen heute noch leer, wie z.B das Areal der früheren israelischen Botschaft.

Gewerbeleerstand  BOGE-Fabrik

Das in Bad Godesberg-Nord gelegene Fabrikgelände hat schon viele Auf und Abs erlebt. Zwischenzeitlich wurde die Firma von der international agierenden Zeppelin-Gruppe übernommen. Dann wurde dies wieder zurückgenommen. In diesem Jahr kam das endgültige Aus. Das komplette Fabrikgelände samt Verwaltungsgebäude steht leer. Eine Weiternutzung ist nicht in Sicht.

Wandel im Villenviertel

Neben diesen Großprojekten gibt es in Bad Godesberg zahlreiche kleinere Liegenschaften, die früher als Botschaften genutzt wurden. Wegen ihrer höherwertigen Ausstattung und besonderen Lage im vornehmen Villenviertel erfolgte sehr bald nach Auszug der Diplomat*innen eine hochpreisige Weiternutzung.

Die Vermarktung größere Areale zog sich hin, nicht zuletzt, weil die Staaten als Grundeigentümer zunächst wertvolle Immobilien nicht veräußern wollten. Die Entwicklung des ehemaligen Areals der Vereinigten Emirate in Rheinnähe veranschaulicht, dass solche Immobilien ausschließlich für hochwertige Bebauung vermarktet wurden.

lost oder win

Eine Weiternutzung oder Umnutzung von Liegenschaften ist grundsätzlich zu begrüßen, also die Überwindung des Zustandes „Lost Place“. Es muss allerdings auch kritisch die Frage gestellt werden, ob nicht auch der Erhalt des „verlorenen“ Zustandes eine stadtentwicklungspolitische Chance darstellt. Durch den Verzicht auf Weiternutzung oder Umnutzung ist aus Sicht der Eigentümer*innen ein Verlust an Investitionschancen, also zweifelsfrei „LOST“.

Um Ziele nachhaltiger Entwicklung erfolgreich umzusetzen, bedarf es auch an Brachen und Leerständen, und zwar als Lebensraum von Tieren und Pflanzen sowie als Nutzungsoptionen für nachfolgende Generationen. Dann wird aus „Lost“ ein „Win“.

 

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