Interview,  Ökologie

„Spaß am Veggie-Lifestyle“

Interview mit Wiebke Unger, Pressevertreterin von ProVeg

Die Organisation ProVeg, die im April 2017 aus dem Vegetarierbund Deutschland hervorging, setzt sich für eine pflanzliche Ernährungsweise ein. Der neue Name soll eine positiv progressive Bewegung beschreiben, die noch mehr Menschen im Land und international erreichen und vom Veggie-Lifestyle überzeugen will. Pressesprecherin Wiebke Unger hat sich den Fragen der BUZ-Redaktion gestellt.

Die Vegetarier-Bewegung hat eine lange Tradition. Können Sie diese kurz umreißen?

Die vegan-vegetarische Bewegung ist kein ausschließlich modernes Phänomen, sondern begleitet die Menschen schon seit mehreren Jahrhunderten. Schon die alten Griechen haben sich fleischfrei ernährt. Die Wurzeln von ProVeg, dem ehemaligen Vegetarierbund Deutschland, reichen 150 Jahre, also in das Jahr 1867 zurück, als Eduard Baltzer den ersten vegetarisch-veganen Verein Deutschlands gründete. Besonders in den letzten Jahren ist die vegetarisch-vegane Bewegung stark gewachsen. 2014 ernährten sich rund 900.000 Menschen in Deutschland rein pflanzlich. Mittlerweile sind es 1,3 Millionen vegan und 8 Millionen vegetarisch lebende Menschen. Diese Entwicklung ist vor allem deshalb so stark, weil die Vorteile einer pflanzlichen Ernährung immer mehr in das öffentliche Bewusstsein rücken. Eine pflanzliche Ernährung schützt nicht nur die Tiere, die Umwelt und unsere Gesundheit sondern schmeckt auch noch richtig lecker. Das Angebot pflanzlicher Lebensmittel im Supermarkt, im Restaurant und auf öffentlichen Veranstaltungen wird immer besser!

Wissenschaftliche Studien belegen, dass die Bioverfügbarkeit der Nährstoffe bei pflanzlicher Kost für den Menschen eingeschränkt ist und ein ausgewogenes Nährstoffspektrum nur durch mäßigen Fleischkonsum erreicht werden kann. Wie stehen Sie Flexitarismus gegenüber und was empfehlen sie, um Mangelernährung zu verhindern?

Eine ausgewogene und vielfältige vegetarisch-vegane Ernährung versorgt den Körper mit allen nötigen Nährstoffen und ist für alle Lebensphasen geeignet. Studien bestätigen immer wieder die gesundheitlichen Vorteile einer pflanzenbasierten Ernährungsweise. Die meisten vegetarisch-vegan lebenden Menschen sind sehr gut über ihre Nährstoffversorgung informiert. Sie wissen, welche pflanzlichen Nahrungsmittel ihnen die nötigen Nährstoffe, Vitamine und Mineralstoffe liefern. Die Arbeit von ProVeg trägt entscheidend dazu bei, dieses Wissen zu verbreiten und Verbrauchern wichtige Informationen an die Hand zu geben. ProVeg richtet sich an alle, die an einer pflanzlichen Lebensweise interessiert sind. Das schließt flexitarisch, vegetarisch und vegan lebende Menschen ein sowie alle, die ihren Fleischkonsum bewusst reduzieren wollen. Mit praktischen Tipps und vielfältigen Informationen, unterstützt ProVeg bei der Umsetzung einer genussvollen pflanzlichen Ernährung.

Der Fleischkonsum in Deutschland geht seit ein paar Jahren verstärkt hin zu Nachhaltigkeit; dennoch ist er immer noch sehr hoch. Wie begegnen Sie überzeugten Fleischessern?

Die aktuellen Entwicklung stimmt uns zuversichtlich: Die in Deutschland lebenden Menschen essen immer weniger Fleisch. Mit einem Pro-Kopf-Verzehr von 60 Kilogramm im Jahr 2016 hat sich die Menge im Vergleich zum Vorjahr um rund ein Kilogramm verringert. Innerhalb der letzten 20 Jahre ist die Menge sogar um 8 Kilogramm gesunken. Um auch bei Fleischessern Interesse an pflanzlichen Gerichten zu wecken, müssen diese vor allem gut schmecken. Wenn Skeptiker feststellen, dass es sich fleischfrei ganz einfach und lecker leben lässt, werden sie auch in Zukunft häufiger zu pflanzlichen Alternativen greifen. Weitere gute Gründe für die Veggie-Ernährung rücken dann ebenfalls in den Vordergrund. Mit Rezepten und Restaurant-Tipps sowie auf Veranstaltungen wie der VeggieWorld, der größten und ältesten Publikumsmesse rund um den veganen Lebensstil, zeigt ProVeg wie viel Spaß der Veggie-Lifestyle macht.

Auch als Pro-Veggie-Sympathisant erscheinen Pro-Veggie-Bewegungen manchmal sehr missionarisch. Wie kommt das zustande? Wie verhindern Sie Lebensstil-Kritik mit erhobenem Zeigefinger?

Umfragen bestätigen, dass die Mehrheit der Verbraucher nicht möchte, dass Tiere für sie gequält und getötet werden. Vielen fällt es jedoch nicht leicht, ihre Ernährung von heute auf morgen umzustellen. Das muss auch gar nicht sein: Jeder sollte hier sein eigenes Tempo gehen. ProVeg unterstützt jeden noch so kleinen Schritt hin zu einem stärker pflanzenbasierten Lebensstil. Auf einen erhobenen Zeigefinger verzichtet ProVeg dabei ganz bewusst. Verbraucher, die ihren Fleischkonsum reduzieren wollen, wissen außerdem oft nicht, wo sie anfangen sollen. Es fehlt ihnen schlichtweg an Informationen. Mit Kampagnen und Veranstaltungen sowie mit umfangreichen Informationen und Tipps begleitet ProVeg beim Start in eine genussvolle Ernährung.

Gibt es von ProVeg spezielle Ernährungstipps für Veganer?

Der tägliche Speiseplan sollte vorwiegend aus frischem Obst und Gemüse sowie Hülsenfrüchten und Vollkorngetreideprodukten bestehen. Die wissenschaftlich fundierte Ernährungspyramide hilft vegan lebenden Menschen dabei, die Empfehlungen für eine gesundheitsfördernde Ernährungsweise im Alltag umzusetzen. Besonders vorteilhafte Lebensmittel, wie Wasser und andere kalorienarme Getränke, Obst und Gemüse sowie Vollkornprodukte und Kartoffeln, stehen weiter unten und sollten häufiger verzehrt werden. Ernährungsphysiologisch weniger wertvolle Lebensmittel, wie Süßigkeiten, Snacks und Alkohol, bilden die Spitze der Pyramide. Sie sollten sparsam verwendet oder auch ganz weggelassen werden. Eine sinnvolle Ergänzung dazu bildet tägliche körperliche Aktivität, wie Sport z.B. Spazierengehen oder Fahrradfahren.

Was unternimmt proveg in pucto Klima- und Umweltschutz?

Anlässlich der diesjährigen COP 23 hat ProVeg beispielsweise eine Petition gestartet, welche die Bundesregierung dazu auffordert, das Thema Ernährung in die Klimaschutzverhandlungen einzubringen. “Eine pflanzliche Ernährung ist Klimaschutz mit Messer und Gabel. Um den Klimawandel einzudämmen und unsere Umwelt nachhaltig zu schützen, brauchen wir eine radikale Ernährungs- und Produktionswende”, sagt Sebastian Joy, CEO des vebu und Vorstandsmitglied der European Vegetarian Union.
Weitere Informationen finden Sie hier.

Klingt ziemlich einfach, sich mit pflanzlicher Ernährung auseinanderzusetzen. Etwas zu einfach. Die Debatten um die „richtige“ Ernährung existieren ja. Darum stellte die BUZ einige Fragen bewusst kontrovers, die die Spaltung in die verschiedenen Essgelüste und den Umgang mit dem „feindlichen Lager“ widerspiegeln sollten. Dabei scheint uns die ein oder andere Antwort zu oberflächlich und dem vorherrschenden Zwiespalt nicht gerecht zu werden. Die Kampagnen und Aktionen von ProVeg suchen und führen Kontroversen in der Öffentlichkeit. Die sehr auf Konsens bedachten Antworten hingegen erwarteten wir nicht von einer progressiven Bewegung. Dennoch sind die Einblicke in ProVeg sehr interessant und Unterstützens wert und wir bedanken uns herzlich für das Interview! Letztlich sind Bewegungen wie diese wichtig, um Bewusstsein zu schaffen.

Tobias Landwehr