Rezension

Herr Bien und seine Feinde

Autorenfrühstück

Timm Koch: Herr Bien und seine Feinde: Vom Leben und Sterben der Bienen. Frankfurt/Main: Westend, 2018

Im März erschien im Westendverlag das Umweltsachbuch des Rheinbreitbachers Timm Koch (Jg. 1968). Der Westend Verlag lud die BUZ kurzfristig zu einem Autorenfrühstück ins Café Frida. Das ist mal ein anderes Format als durch Bücherlesungen dem Werk des Autors näher zu kommen. Beim Frühstücken kann mehr der Anlass, die Motivation oder der Schreibvorgang des Autors in den Vordergrund kommen, was nach einer öffentlichen Lesung oft so nicht möglich ist.

Koch studierte Philosophie an der FU und Humboldt Universität in Berlin. Seit seiner Jugend bewegt er sich gerne in der Natur und eignete sich Kenntnisse von Wildfrüchten, Pilzen und der Jagd an bis er vor zirka 15 Jahren erste Berührung zur Imkerei seines Nachbarn in Südirland hatte. Schließlich nahm er an einem Seminar unter Professor Wittmann des Instituts für Bienenkunde der Universität Bonn teil. Sein Lehrer, der Imkermeister Dete Papendieck, begleitete ihn zum Frühstück und unterstrich damit die Faktensicherheit des Buches seines Schülers.

Warum nennt der Autor den Bienenstaat Herr Bien? In Anlehnung an den Wahlspruch Rousseaus ‚Zurück zur Natur‘ lehnt er das Wir-und-Die-Verhältnis – erst der Mensch und dann die Natur – ganz und gar ab. Für ihn ist diese Einstellung Vieler sogar der Urgrund des Ökozids. Im Umgang mit seinen vier Bienenvölkern am Rhein und im Siebengebirge erwählte er darum den Imker und Tischler Johannes Mehring zu seinem geschichtlichen Vorbild. Mehring taufte 1869 das Bienenvolk auf den Namen Bien und schuf damit die Grundlage des Verständnisses vom Bienenvolk als ein Schwarmwesen, in dem einzelnen Tieren bestimmte Aufgaben zukommen, um überhaupt existieren zu können. Im Gespräch redeten wir über den Schwänzeltanz der Kundschafterbienen, die ihren Stockgenossinnen mitteilen, wo es besonders viel Pollen und Nektar zu holen gibt.

Koch bedient sich des Begriffs Symbiose, um das gegenseitige Geben und Nehmen zwischen Bien und Mensch hervorzuheben. Auf über einem Drittel seines Buchs befasst er sich mit der Geschichte dieses Geben und Nehmens. Mit dieser Kenntnis und zugleich anekdotenreich erklärt er die Entwicklung verschiedenster Arbeitsweisen und Gerätschaften der Imkerei aus vielen Teilen der Erde. Seine zahlreichen Reiseerfahrungen bindet er dabei geistreich ein. Er bezieht Position oder zieht sein Fazit dazu, wie er die Imkerei bertreibt. So ist sein Buch ein hilfreicher Ratgeber für an Imkerei Interessierte und für Imkerkollegen. Schwarzweißfotos erleichtern das Verständnis.

Ein Beispiel aus Kapitel 5 „Wie Bien für unsere Gesundheit und unser Wohlergehen sorgt“ zum Thema Wachs: „Um ein Kilo Wachs herzustellen, verbraucht ein Bienenvolk bis zu dreizehn Kilo Honig! Je weniger er seine Bienen bauen lässt, desto mehr Honig erhält der Imker – sollte man meinen. Aus folgendem Grund geht diese Milchmädchenrechnung nicht auf: Die Bautätigkeit wirkt sich mildernd auf den Schwarmtrieb aus. Ein Volk, dass einmal in Schwarmstimmung gerät, verliert die Lust am Honigmachen.“

In manchen Landstrichen Chinas sind Bienen und Hummeln ausgestorben und Blüten werden per Hand bestäubt. Das sei ein kleiner Vorgeschmack, wenn die natürliche Bestäubung ausbliebe. Die Forschung an Robotern, die die Aufgaben von Bien und Co. übernehmen, könnte das Ende der Mensch-Bien-Symbiose bedeuten, so der Autor. Schließlich besuchte er Deutschlands einzigen Hummelzüchter, Rüdiger Schwenk, der es schafft einer Hummelkönigin nach dem Winterschlaf junge Honigbienen als Ammen dazuzusetzen. Dergestalt kann diese sich auf die Eiablage konzentrieren. Entsprechend schnell ist das Volk transportfähig für den Einsatz in Gewächshäusern oder Obstplantagen.

Mit Erfahrung und Wissen dokumentiert der Autor seinen Protestbesuch im Bienenforschungszentrum des Bayer-Konzerns in Monheim. Die Gesprächsergebnisse wurden dem Autor nicht alle zum Druck freigegeben, aber lesen Sie selbst, wie es in der Höhle des Löwen ablief.
In seiner Recherche bezog der Autor auch die Debatte um die Neonicotinoide mit ein und interviewte den Neurobiologen Randolf Menzel – gerade weil sich der Name Menzel „bei den Bayer-Leuten ja keines guten Klanges zu erfreuen schien“ – denn dieser ist sich sicher, dass Neonicotinoide den Orientierungssinn der Bienen stören und bei höheren Dosen zum Tod führen (s. S. 183).

Mit seinem Buch will Koch alles daran setzen, dass den Feinden des Bien, die Vertreter der industrialisierten Landwirtschaft, ein Verbot des Vertriebs von synthetischen Stoffen erteilt wird. Denn noch funktioniere die Mensch-Bien-Symbiose, aber wir seien in einer kritischen Phase angelangt, so seine Einschätzung auf dem Klappentext.

Ralf Wolff