Nachhaltigkeit,  Politik

Gemeinwohl-Ökonomie: Ein neues Wirtschaftssystem

Statt Wachstum und Gewinn stehen das Wohl von Mensch und Umwelt im Mittelpunkt

Wer sich über Gemeinwohl-Ökonomie oder abgekürzt GWÖ informiert, stößt unweigerlich auf den österreichischen Autor Christian Felber. Seine Version eines alternativen Wirtschaftssystems basiert auf Werten wie Solidarität, Vertrauen, Verantwortung, Mitgefühl und Teilen. Auf der Internetseite ecogood.org beschreiben er und seine Bewegung anschaulich, um was es den Aktiven geht.

Tobias Landwehr

Der Kollege Caspar Dohmen schreibt in seinem Artikel am 8. März 2018 im Deutschlandfunk, unsere aktuelle Marktwirtschaft verstoße gegen das Grundgesetz. Seine Argumentation ist denkbar einfach: „Eigentum verpflichtet.“ So steht es in Artikel 14. „Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen.“

Diese Ideale haben unsere jetzigen Wirtschaftstreibenden wohl irgendwo entlang des Weges aus den Augen verloren. Alleine daran „[…] wie wir heute wirtschaftlichen Erfolg messen“, so Felber im benannten Artikel, „[…] erkennen wir, dass wir eigentlich die Mittelverfügbarkeit oder sogar die Mittelakkumulation – noch verkehrter – messen, aber nicht die Zielerreichung.“

Die GWÖ erfasst daher Werte, die sich dazu eignen, die eigentlichen Zwecke unseres Wirtschaftens zu messen: Die Gemeinwohl-Bilanz basiert auf einer Gemeinwohl-Matrix. Diese ist in Werte und Berührungsgruppen eingeteilt (siehe Grafik). In diesen zwanzig Feldern lassen sich jeweils maximal 50 Punkte, insgesamt also 1.000 Punkte erreichen. Aus den generell gleichgewichteten Themen berechnet das System abhängig von Unternehmensgröße, Finanzströmen, sozialen Risiken und Branche die Gesamtpunktezahl.

Einsortierung

Das Konzept der GWÖ ist eine unter drei „Alternativen zum umweltschädlichen Wachstum“. So beschreibt es jedenfalls Prof. Dr. Thomas Döring in seinem jüngst im Juli veröffentlichtem Artikel im Wirtschaftsdienst. Er ist Leiter des Zentrums für Forschung und Entwicklung der Hochschule Darmstadt. Ihm zufolge reiht sich die GWÖ neben zwei anderen Konzepten und Strategien ein: De-Growth (Post-Wachstum) und Green Growth (grünes Wachstum). Döring beschreibt alle Ansätze als grundlegend lösungsorientiert, um den momentan – zumindest in der öffentlichen Diskussion – stark intensivierten Zielkonflikt zwischen Wachstum und Umwelt zu überwinden.

Politik

Neben der GWÖ-Bilanz, als Kern des wirtschaftlichen Engagements der Bewegung, ist diese auch in Politik sowie Wissenschaft und Bildung unterwegs. Die Regierungen verschiedener Kommunen, Kreise und (Bundes-)Länder haben die GWÖ in ihren Beschlüssen, Erlassen oder Strategien mit aufgenommen.

Mit diesen praktisch politischen Ansatzpunkten konnten die Aktiven bereits viele Politiker*innen zum Mitmachen und Unterstützen überzeugen. Auch der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) verabschiedete bereits in seiner 510. Tagung am 16. und 17. September 2015 mit 144 zu 13 Stimmen eine Stellungnahme, die unter anderem besagt: „Nach Auffassung des EWSA sollte das Gemeinwohl-Ökonomie-Modell sowohl in den europäischen als auch in die einzelstaatlichen Rechtsrahmen integriert werden.“

Aktuelle Version 5.0 der Gemeinwohl-Matrix | Quelle: ecogood.org
Wissenschaft & Forschung

Die Europa-Universität Flensburg (EUF) und die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel untersuchten in einem Zeitraum von drei Jahren unter Förderung des Forschungsministeriums die soziale Innovationskraft der GWÖ. Außerdem nahmen die Initiatoren unter anderem unter die Lupe, ob und inwieweit das Gemeinwohlprinzip auf Großunternehmen angewendet werden kann. Dazu führten sie mit vier Großunternehmen unterschiedlicher Branchen Fallstudien durch.

Jeweils zwei Workshops sollten Aufschlussüber den aktuellen Stand geben. Die Teilnehmer*innen wollten zudem herausarbeiten,unter welchen plausible Zukunftsszenarien Veränderungen im Handel das Gemeinwohl steigern würden. Die Ergebnisse dieses Moduls des Forschungsprojekts fasst die Doktorandin Josefa Kny der EUF momentan in ihrer Dissertation zusammen.

Kritik

Die Bewegung der GWÖ geht sehr offen mit ihren Kritikern um. Der Internetauftritt widmet der kritischen Diskussion eine eigene Seite. Die drei neuesten Meinungen finden hier kurz Erwähnung: Gemeinsam haben alle Ausführungen Punkte wie mangelnde wissenschaftliche Falsifizierbarkeit (mal mehr, mal weniger fundiert), Unvereinbarkeit mit unternehmerischem Streben nach Gewinn, Wettbewerb oder sozialer Marktwirtschaft oder fehlende Innovationsfähigkeit.

Aber auch Fürsprecher äußern Skepsis am Modell der GWÖ. Im eingangs erwähnten Deutschlandfunk-Artikel schätzt Kny die „wirkliche Übernahme der Gesamtheit der Ideen der Gemeinwohl-Ökonomie“ als „nicht wirklich absehbar ein“. „[…] gerade wenn es darum geht, die Eigentümerstrukturen beispielsweise so zu verändern, dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einen großen Teil mitbesitzen […]“, so die Doktorandin aus Flensburg.

Fazit

Es ist wie so oft, wenn an bestehenden Systemen gerüttelt wird: Diejenigen, die mit der momentanen Situation gut leben können, suchen – manchmal sogar sehr fadenscheinige – Kritikpunkte und lassen sich daran genüsslich aus. Den anderen geht es um Veränderung – manchmal vielleicht sogar zu sehr und zu unbedarft – in eine neue Richtung.

Diese kurze Recherche kann die gesamte Gemengelage nur schwerlich überblicken und soll mehr als Einstieg dienen. Klar wurde, es steckt Feuer in der Debatte und das gilt es zu bewahren. Die Grundidee und die Ansatzpunkte klingen vielversprechend für ein Umdenken im generellen Wirtschaften. Doch dazu gehören auch – vielleicht sogar erhebliche – Einschnitte in den Komfort und Luxus unserer Gesellschaft.

Mal abwarten, was wir bereit sind, für das Gemeinwohl zu opfern. Es ist nur zu hoffen, dass die GWÖ nicht das nächste EU-Öko-Siegel wird.