Gesellschaft

Ein Brunnenmärchen aus Bad Godesberg

Am liebsten Fliegen

Susanna Allmis-Hiergeist und
Franz Hiergeist

In unserer Stadt gibt es viele Brunnen – große mit prächtig aufsteigenden Wasserstrahlen und kleine moosüberwachsene Rinnsale. Wenn die Menschen mit ihren Einkaufstüten und ihren bunten Handys an ihnen vorüber eilen, denken sie nicht daran, dass Brunnen oft bewohnt sind, von Libellen und Fröschen, von kleinen Elfen und Nymphen und allerlei anderen Wassergeistern. In warmen Sommernächten meint man manchmal, ihren leisen Gesang und ihr Murmeln und Getuschel zu hören.

Im größten und schönsten aller Brunnen, in dessen Becken sich die uralten Bäume des Kurparks spiegeln und die Weiden ihre langen Zweige herablassen, wohnt die Familie Fliege, Vater Frosch, Mutter und viele Kinder.
Fritz Fliege, der Älteste, liegt gerade auf einem Seerosenblatt in der Sonne und lässt sich die glitzernden Tropfen der Fontäne über den Rücken rieseln, als hinter ihm sein Vater losquakt: „Du Faulenzer und Taugenichts, lange genug hast du in meinem Brunnen gemütlich die Backen aufgeblasen. Nun geh’ hinaus in die Welt und such dir eine eigene Behausung“, und wenn er auch streng mit den Augen rollt, zupft er dennoch sorgfältig mit langen Fingern die Fliege am Hals seines Sohnes zurecht. „Nun“, sagt sich Fritz, wenn ich ein Taugenichts bin, so ist es mir recht,“ denn es ist ihm schon selber eingefallen, davon zu gehen, und so dreht er an seiner Fliege wie an einem Propeller und hüpft los. Den Freunden, Geschwistern und Libellen winkt er stolz und zufrieden zum Abschied und hat seinen Spaß daran, so frei und unbeschwert in die Welt hinaus zu ziehen. Und wie er sich fröhlich in langen Sprüngen entfernt, steigt ihm auf einmal ein eigenartig sumpfiger Geruch in die Nase.
Neugierig klettert er eine Treppe hinauf, schiebt sich unter dem Schlitz einer Glastür hindurch – ganz platt muss er sich machen – und findet sich etwas verwirrt im Innern eines Pavillons wieder. Hier sitzen elegant gekleidete Damen beim Bridge, plaudern, zwei junge Frauen füllen Becher aus chromblanken Hähnen und reichen sie den Spielerinnen an den Tischen. Fritz landet kühn neben einem halbgefüllten Becher auf der Zapfanlage, aber noch ehe er Zeit hat, den Inhalt näher zu inspizieren, ertönt ein Schrei: „Ein Frosch. Seht mal, ein Frosch auf der Kurfürstenquelle.“ Die Ruferin ist aufgesprungen und greift mit beiden Händen nach Fritz: „Fröschlein. Fröschlein, da hätten wir ja wieder einmal einen verwunschenen Prinz“, kichert sie und hält Fritz ganz dicht an ihre Lippen. „Ich bin kein Prinz, ich bin ein Frosch“, erklärt Fritz würdevoll und hüpft in großer Eile zwischen den Stuhlbeinen hindurch ins Freie undunter die Büsche des alten Parks.

Der “Froschkönig” in Kessenich Foto: Josef Huber

Erst das Plätschern eines Wasserstrahls, der aus einem Rohr in eine Brunnenschale fällt, bringt ihn wieder zum Anhalten. Über dem Strahl auf einem Felsen liegt eine bronzene Figur, die ihn lächelnd anschaut. „Pass auf“, sagt sie leise wie das Gluckern des Wassers und lächelt weiter. „Pass auf, hinter dir steht ein Storch mit einem großen Schnabel. Der will dich küssen.“ „Nein, nein“, schreit Fritz zwischen den hohen roten Beinen des Vogels hindurch, „ich ….., ich bin gar kein Frosch, ich bin ein verzauberter …..“ – „Prinz, he, he“, meckert der riesige Schnabel über ihm. In diesem Augenblick nimmt Fritz alle seine Kräfte zusammen. Mit einem weiten Sprung landet er hinter den Steinbrocken, die den Brunnen umrahmen und kauert sich atemlos in eine Felsspalte. Es kommt ihm vor, als vergehe eine endlose Zeit, in der nur das Rieseln des Wassers zu hören ist. Dann sagt die Brunnenfigur mit ihrer sanften Stimme: „Er ist gar kein Frosch. Er ist nur verzaubert.“ – „Ich weiß nicht, ich weiß nicht“, knarrt der Storch enttäuscht und stakst davon.
Mittlerweile findet es Fritz reichlich mühsam, sich einen eigenen Brunnen zu suchen, und diesmal muss er ganz schön lange hüpfen, bis er auf einem schattenlosen Platz mit einer ausladenden marmornen Platte den vertrauten Geruch von frisch hervor quellendem Wasser wahrnimmt. Aber was ist das?
Genau neben dem Brunnen des Platzes reckt sich eine imposante eiförmige Rakete in die Höhe, in die Frauen und Männer in metallisch glänzenden Anzügen allerhand Kisten, Körbe und Apparaturen hineintragen. Einer von ihnen, der Kapitän, hält eine Liste in der Hand und macht jedes Mal einen Strich, wenn ein neues Frachtstück im Innern des Raumschiffs verschwindet. „So, die Würmer sind an Bord“, stellt er fest, „ebenso der Nasenbär und die hart gekochten Eier,“ – hartgekochte Eier sind nämlich unverzichtbar in der Schwerelosigkeit – „aber wo bleibt der Storch?“ fragt der Kapitän ungeduldig, und seine Leute berichten, dass der Storch zwar kurz vorbeigeschaut habe, er sei aber einfach zu sperrig gewesen und man habe ihn beim besten Willen nicht in der engen Raumschiffkabine unterbringen können.
Der Kapitän, der sein wissenschaftliches Programm gefährdet sieht, schüttelt unwillig den Kopf. „Wir müssen handeln, Leute, morgen ist Wochenmarkt, da sind Starts und Landungen nicht erlaubt. Wenn der Storch nicht reinpasst, müssen wir ein anderes Tier mit ins All nehmen“, und während er das sagt, fällt sein Blick auf Fritz, an dessen Hals eine dicke Stubenfliege sorglos ihre Flügel putzt. „Wunderbar, der passt bequem rein und bringt sogar sein Picknick selbst mit“, sagt der Kapitän und macht einen letzten Strich auf seiner Liste, und bald sitzt Fritz neben den Würmern, dem Nasenbär und den hartgekochten Eiern.
„Wir heißen Tubifex Tubifex und fliegen zum Mars“, stellt sich einer der Würmer vor. „Angenehm“, sagt Fritz, „angenehm, hier das ist eine Fliege und ich bin ein Prinz.“ – „Ein Prinz, ein Prinz“, ruft aufgeregt der Nasenbär. „Ein Prinz, ein Prinz“, rufen ungläubig die Würmer. „Was, ein Prinz?“, ruft ärgerlich der Kapitän, „einen Prinzen können wir nicht brauchen; der ist viel zu verwöhnt und isst keine hartgekochten Eier. Bringt ihn raus, die Fliege kann bleiben.“ Und in Null-Komma-nichts hockt Fritz wieder neben der Rakete und der Marmorbrunnen neben ihm zischelt hämisch: „War wohl nichts mit dem Griff nach den Sternen, Fröschlein. Besser du hältst dich raus und verziehst dich in irgendeinen Vorgartenteich.“
Natürlich ärgert Fritz der überhebliche Ton des Brunnens, aber da er sich das Leben in einem heimeligen Winkel unter Schilf und Seerosen im Grunde ganz gemütlich vorstellt, sucht er sich vorsichtig einen Weg durch die belebte Fußgängerzone und schlägt dabei viele Bögen um feste und spitze Absätze, behaarte Pfoten und Taubenkrallen. Schließlich findet er zwischen blühenden Beeten ein blassblau schimmerndes Becken, an dessen Rand ein Mädchen mit einem eleganten Hut und einer Haut wie schimmernder Marmor träumerisch auf die spiegelnde Oberfläche zu ihren Füßen blickt. Sofort ist Fritz wie gefangen von der Figur und quakt voller Begeisterung: „Küss mich, Schneewittchen, küss mich.“ Das Mädchen scheint unter seinem Hut zu lächeln. „Da musst du was verwechseln“, antwortet sie, und ihre Stimme klingt silbern wie ein plätschernder Wasserstrahl.
Fritz wird noch ein bisschen grüner im Gesicht. „Ja, verwechseln“, seufzt er und irgendwie scheint ihm sowieso die ganze Welt zum Verwechseln zu sein, aber schon fährt es vom Brunnenrand leise fort: „Du hältst mich sicher für eine Fee oder eine Nymphe, aber in Wirklichkeit bin ich ein verzauberter Frosch.“ Fritz Fliege schwirrt der Kopf, aber rasch fasst er einen Entschluss: „Ja, wenn das so ist“, quakt er, „ja wenn das so ist, dann zieh ich bei dir ein,“ und schon lässt er sich mit lautem Plumps in das Becken fallen, krault auf dem Rücken und schießt hohe Fontänen aus perlig glitzernden Tropfen in die Luft. „Aber erst machen wir eine Hochzeitsreise“, prustet er seiner still lächelnden Braut zu und dabei sieht er zufrieden in die Ferne, wo soeben ein glitzerndes Ei mit einem langen Feuerschweif in der Tiefe des Nachthimmels verschwindet.