Bildungsinitiative der Botanischen Gärten Bonn
In den Botanischen Gärten der Bonner Universität begegnen sich nicht nur Fachleute und Erholungssuchende, sondern eine große Bandbreite wissens- und erlebnishungriger Menschen. Im Interview mit Dr. Inge Bischoff erfahren wir mehr über die Bildungsinitiative namens Grüne Schule, die mit ihrer Lernwerkstatt mittlerweile auch Kindern verschiedene kurzweilige Formate ermöglicht.
Melanie Alessandra Moog
Welchen Bezug haben Sie zum Thema Umweltbildung?
Die Grüne Schule bietet seit vielen Jahren Führungen für alle Altersgruppen an. Seit 2022 leiten wir dank neuer Räumlichkeiten mit entsprechender Ausstattung auch Workshops für Schulklassen und Familien sowie Ferienprogramme. In den Führungen und Workshops geht es häufig um die Themen Artenvielfalt sowie Bedrohung der Artenvielfalt, Anpassung von Pflanzen an verschiedene Lebensräume und Umweltbedingungen sowie Pflanzengeographie, Nutzpflanzen (Beziehung zwischen Mensch und Pflanze), Systematik (Verwandtschaft innerhalb der Pflanzen) und vermehrt auch um die Folgen des Klimawandels sowie Bildung für nachhaltige Entwicklung.
Auf welchem Wege wurde die Grüne Schule ins Leben gerufen?
Die Grüne Schule wurde 1996 durch eine engagierte Lehrbeauftragte, Frau Ulrike Sobick, gegründet. Ziel war es, die Pflanzen und die erwähnten Themen einem breiten Publikum, aber vor allem Schülerinnen und Schülern nahe zu bringen. Viele Jahre lang erfolgte die gesamte Organisation ehrenamtlich. Die Grüne Schule wird vom Freundeskreis der Botanischen Gärten getragen. Im Freundeskreis arbeiten alle Mitglieder ehrenamtlich. Lediglich die Leitung der Grünen Schule wird vom Freundeskreis mit einer halben Stelle finanziert.
Welche Zielgruppe und Formate fokussiert das Projekt?
Prinzipiell alle gesellschaftlichen Gruppen: Erwachsene (Firmen, Unternehmen, öffentliche Einrichtungen, Privatpersonen), Familien, Kitas, Schulen und OGS. Schwerpunkt bei den Workshops und Ferienprogrammen ist das forschend entdeckende Lernen.

Vom Batiktücher-Färben mit Pflanzenfarbe bis hin zu theoretischer Wissensvermittlung hat die Grüne Schule viel zu bieten. Foto: Inge Bischoff
Was waren bisher die größten Erfolge und Herausforderungen?
Einer der größten Erfolge war die Einrichtung der Grünen Lernwerkstatt durch die Universitätsstiftung, die das Angebot von Veranstaltungsformaten stark erweitert hat. So sind Ferienprogramme und Workshops in einem ganz anderen Rahmen möglich – vor allem das forschend entdeckende Lernen wurde so möglich. Ebenfalls ist die große Anzahl an Mitgliedern im Freundeskreis der Botanischen Gärten (über 1000) ein Erfolg der Arbeit der Grünen Schule. Herausforderung ist und bleibt die Finanzierung der Grünen Schule. Die halbe Stelle wird durch den Verein getragen, der sich ausschließlich über die Mitgliedsbeiträge und Spenden finanziert. Ebenso ist die Akquise von Personal für die Führungen und vor allem für die Workshops eine große Herausforderung.
Welches Anliegen verfolgt die Grüne Schule für die Zukunft?
Die Grüne Schule möchte gerne weiterhin ihr breites Bildungsangebot anbieten. Dabei will sie die Bildung für nachhaltige Entwicklung noch stärker in den Fokus nehmen und strebt eine BNE-Zertifizierung als außerschulischer Lernort an.
Wer arbeitet aktiv in der Grünen Schule mit?
Aktiv arbeiten ungefähr 45 Mitglieder als Garten-Guides für die Grüne Schule – wir suchen noch Verstärkung für unser Team! Die Tätigkeit setzt eine Mitgliedschaft im Freundeskreis voraus und wird mit einem Honorar vergütet. Man sollte botanische Grundkenntnisse haben, jedoch vor allem Freude an der Vermittlung von Wissen an Interessierte. Insbesondere suchen wir auch Guides, die gerne Workshops mit Schulklassen durchführen. Die Anzahl an Veranstaltungen, die man durchführt, kann man ganz individuell bestimmen. Es hilft uns auch weiter, wenn jemand nur viermal im Jahr eine Führung macht, aber auch gerne mehr, ganz wie gewünscht. Es gibt Führungen für alle Altersgruppen und zu verschiedensten Themen. Häufig wird eine Allgemeine Gartenführung mit Geschichte von
Schloss und Garten oder des Nutzpflanzengartens angefragt. Dabei werden ausgewählte Pflanzen und Highlights (je nachdem, was gerade blüht) vorgestellt – hier kann jeder Guide seine individuellen Schwerpunkte setzen. Alle neuen Guides hospitieren zunächst mehrmals bei erfahrenen Garten-Guides.
Wie kann man sich die Veranstaltungen vorstellen, die Sie für Kinder und Jugendliche anbieten?
Unsere Workshops bestehen aus zwei Teilen. Nach einer Begrüßung in der Grünen Lernwerkstatt, wo die Kinder auch ihre Rucksäcke lagern und auf die Toilette gehen können, geht es zuerst in den Garten und/oder die Gewächshäuser. Im zweiten Teil werden in der Lernwerkstatt die Pflanzen zum Thema genauer untersucht, zum Beispiel mit dem Mikroskop. Hier können die Kinder angeleitet verschiedenen Fragen nachgehen. Beispielsweise gibt es den Workshop „Fleischfressende Pflanzen“: Diese faszinieren die Kinder ganz besonders und die Botanischen Gärten haben einige davon zu zeigen. Dieser Workshop besteht aus zwei Teilen: In einem besuchen wir die Pflanzen an ihren Standorten im Schlossgarten und erfahren, was an ihnen so besonders ist und warum sie diese besonderen Anpassungen entwickelt haben. Im zweiten Teil dürfen die Kinder in der Grünen Lernwerkstatt einige Blätter der Fleischfresserinnen zerschneiden, auseinandernehmen und unter einem Mikroskop betrachten. Der Inhalt des Workshops wird stets dem Alter der Kinder angepasst und findet von Ende Mai bis Oktober statt.

Kinder sind fasziniert vom Mikroskopieren der Pflanzenteile. Foto: Inge Bischoff
Gibt es noch weitere Formate?
Ja, und zwar Familienworkshops. Sie sind ebenfalls zweigeteilt: Es gibt eine Führung und dann geht es in die Lernwerkstatt. Dort wird dann neben der Untersuchung der Pflanzen zusätzlich etwas gebastelt oder gemalt, was die Kinder mit nach Hause nehmen können (zum Beispiel ein Modell einer Venusfliegenfalle). Diese Familienworkshops eignen sich daher auch gut für Kindergeburtstage. Ein Beispiel wäre der Familienworkshop „Superhelden und Superheldinnen bei den Pflanzen“ mit einer Altersempfehlung von 5 bis 10 Jahren. Wir begeben uns auf einen abenteuerlichen Stationenlauf durch den Schlossgarten, lernen die Superhelden des Pflanzenreichs kennen und schauen, welche Superkräfte wir als Gruppe haben: Supergeschwindigkeit, Feuerkraft, Todesgift und Supergestank sind nur ein paar dieser Kräfte. Solche Formate finden ganzjährig statt. Der Familienworkshop „Magisches Turnier“ ist auch sehr beliebt. Dabei schlüpfen wir in die Rolle von Hexenschülerinnen und Zaubererschülern und meistern das „Magische Turnier“ im Schlossgarten. Mit Hilfe unserer Professorin für Kräuterkunde lüften wir das Geheimnis der goldenen Dracheneier, finden das helfende Dianthuskraut und bahnen uns den Weg durch ein magisches Labyrinth. Die Kinder müssen Rätsel lösen und mit einer Schatzkarte bestimmte magische Pflanzen finden. Und dann gibt es noch unsere Ferienprogramme, jeweils eine Woche lang täglich von 10 bis 15 Uhr.

Vielfältige Materialien liegen in der Lernwerkstatt für die Kinder bereit. Foto: Lisabeth Hoff
Die Kinder lernen und forschen in den Ferienprogrammen zu einem bestimmten botanischen Thema. Am Ende erhalten alle eine Urkunde, die ihre Expertise für Pflanzen ausweist. In den letzten Osterferien war dies zum Beispiel eine Weltreise. Die Kinder haben in der Woche verschiedenste Pflanzen von allen Kontinenten kennengelernt. In den Gewächshäusern boten zum Beispiel Kakao oder die Riesenseerose spannende Exempel, die die Kinder in der Lernwerkstatt genauer untersucht haben. Eine gemeinsame Weltkarte mit den Ergebnissen wurde erstellt. In den Herbstferien ging es um Färberpflanzen und Pflanzenfarben.

Studentenblumen ergeben ein sattes Gelb zum Färben und Malen. Foto: Inge Bischoff
Nach dem spielerischen Kennenlernen und einer Erkundung der Gärten ging es los mit dem Sammeln von Pflanzen und dem Herstellen von Farben. Die Kinder haben tolle Aquarelle mit selbst hergestellten Pflanzenfarben gemalt und auch etwas über die historischen Zusammenhänge gelernt. Später haben wir gemeinsam im Nutzpflanzengarten verschiedene Färberpflanzen gesucht und Pflanzenmaterial für das Färben von Wolle und Seide gesammelt. Seidentücher wurden mit Farbe aus der Studentenblume leuchtend gelb gefärbt. Dann haben die Kinder Knoten in die Tücher gemacht und mit Rot aus Krappwurzel oder aus Cochenille-Läusen überfärbt, so dass tolle zweifarbige Batiktücher entstanden. Jedes Kind konnte sein kleines Seidentuch mitnehmen und auch ein Stück Wolle von jeder Farbe: Grün aus Frauenmantel, Rot aus Krappwurzel oder Cochenille-Laus, Gelb aus Kurkuma oder Studentenblume.
Vielen Dank für das Gespräch!

Grüne Lernwerkstatt. Foto: Lisabeth Hoff
Gründungsgeschichte der Grünen Schule
Die Diplombiologin Dr. Ulrike Sobick ist Gründungsmutter der Initiative, die sich früher BBF nannte und aus der die Grüne Schule hervorging. Sie studierte im (jetzigen) Nees-Institut und promovierte bei Prof. Leins, dem Vorgänger
von Prof. Barthlott. Von den 1980er Jahren bis 1999 hatte sie einen Lehrauftrag am Botanischen Institut. Zu der Zeit übernahm sie zudem jährlich zwei Führungen für die Volkshochschule Bonn. Es gab auch anderweitig Führungen im Garten, jedoch eher unorganisiert und ohne Werbung. Kam jemand mit Interesse, wurde spontan eine Führung auf die Beine gestellt, das heißt, es sprang jemand vom Botanischen Garten ein, der gerade Zeit hatte.
1995 hatte Dr. Sobick ein Schlüsselerlebnis bei einer VHS-Führung. Dort laufen die Anmeldungen stets frühzeitig. Und wie das so ist: Die Anmeldungsliste ist zwar voll, aber im Endeffekt kommen nicht alle, vor allen Dingen, wenn das Wetter schlecht ist. Kurzum setzte die Vhs einen Werbeartikel für eine Gartenführung in die Samstagsausgabe des Generalanzeigers: „noch Plätze frei. Anmeldung erforderlich“. Allerdings war jene Führung bereits für denselben Samstagnachmittag angesetzt und eine Anmeldung war überhaupt nicht mehr möglich. Trotzdem stand Dr. Sobick am Ende mit bald 100 Menschen im Garten, der damals samstags regulär geschlossen war. 50 Menschen musste sie aussperren. Anders war es nicht möglich, da sie es nicht riskieren konnte, so viele Personen ohne Aufsichtskapazität in den Garten zu lassen. Im Zuge dieses Erlebnisses entstand die zündende Idee für die Grüne Schule: Die Menschen möchten ohne langfristige Anmeldungen kommen, wenn sie Lust haben und das Wetter passt. Fazit: Wir organisieren das selber! Durch ihren Lehrauftrag kannte sie alle Promovierenden und viele studentische/ wissenschaftliche Hilfskräfte im Botanischen institut. So hat sie mit neun Personen 1995 „Bonn Botanisch – Führungsservice“ kurz BBF (der Name entsprang der Idee einer Studentin) gegründet. Später kamen aus der Landwirtschaftlichen Botanik Gartenführer sowie Gärtner unterstützend dazu.
1996 ging es los, mit drei Säulen: 1. Sonn- und Feiertagsführungen, 2. Themenführungen (im ersten Jahr nur 6, später dann 12) und 3. Sonderführungen nach telefonischer Anmeldung. Obendrauf gab es jede Menge Sonderaktionen im Garten.
2012 wurde auf Wunsch von Prof. Barthlott der BBF in „Grüne Schule“ umbenannt. Das „Bienenhaus“ im Nutzpflanzengarten sollte als entsprechendes Klassenzimmer umfunktioniert werden. Dies hätte aber viel Umbau benötigt und da es auf der Abrissliste stand, wollte niemand dafür zahlen. Innenräume hatte man früher nicht zur Verfügung, wünschte sich diese aber. Das Lehrgewächshaus gab es noch nicht und letztlich wurde der Gärtneraufenthaltsraum 2022 zur heutigen Grünen Lernwerkstatt .
2013 gab Dr. Sobick nach zahlreichen tatkräftigen Jahren die Organisation und Verwaltung ab, nachdem sie rund 70.000 Personen in Gruppenführungen organisiert hatte. Auch weiterhin übernahm sie noch Führungen, beriet und unterstützte bei der Weiterführung der Geschäfte. Die Grüne Schule ist nach wie vor ein florierendes Projekt, das stets gut angenommen wird.
Kontaktdaten
E-Mail: gruene.schule@uni-bonn.de
Homepage: https://www.botgart.uni-bonn.de/de/ihr-besuch/oeffentliche_fuehrungen
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