Solawi – Entwicklung und Herausforderung
Wir sind die erste solidarische Landwirtschaft in Bonn, gegründet 2013 als ein Projekt des Vereins „Bonn im Wandel“. Inzwischen sind wir ein eigener Verein mit über 700 Mitgliedern, gut 200 Haushalte teilen sich die Ernte.
Wir Mitglieder übernehmen solidarisch Verantwortung für einen landwirtschaftlichen Betrieb mit angestellten Gärtner*innen.
Kathy, Solawi Bonn
Wir üben Solidarität:
- gegenüber dem globalen Süden durch eine klimafreundliche, ressourcenschonende biologische Landwirtschaft,
- gegenüber unseren Landwirt*innen durch fairere Löhne und die Übernahme des Anbaurisikos
- zwischen den Mitgliedern, die ihre Beiträge gemäß ihren persönlichen finanziellen Möglichkeiten selbst bestimmen können,
- durch Bildungsarbeit mit Schüler*innen, Studierenden und anderen Gruppen, die bei uns elementares Wissen über nachhaltige ökologische Landwirtschaft und gesunde Ernährung erwerben können.
Unter Landwirtschaft verstehen wir eine kleinbäuerliche, diversifizierte, ökologische, Boden aufbauende und Artenvielfalt fördernde Tätigkeit, die wir unterstützen und solidarisch finanzieren. Indem wir den Lebensmitteln ihren Preis nehmen, geben wir den Mitteln zum Leben ihren Wert zurück. Die Menschen rücken wieder näher an die Produktion heran, wissen, wo und wie unsere Lebensmittel angebaut werden und was es bedeutet, Lebensmittel anzubauen. Alle daran Interessierten können auch selber auf dem Acker Erfahrungen sammeln, indem sie z.B. an Ackeraktionstagen mit anpacken.

Gärtner in den Zuckererbsen
Foto: Solawi Bonn/Rhein-Sieg e.V
Vieles an der Solawi, wie die schrittweise Verbesserung des Bodens, Humusaufbau, Bindung von CO² und der Aufbau von Infrastruktur ist auf lange Zeit angelegt. Da wir keinen eigenen Hof oder auch nur eigene Anbauflächen haben, ist das schwierig. Wir brauchen möglichst bereits ökologisch bewirtschaftete Flächen und eine Hofstätte. Beides muss aufgrund unserer Anbauweise ca. 50 Kulturen und viel Handarbeit fußläufig erreichbar sein. Deshalb mussten wir in unserem 12 Jahren schon mehrmals die Flächen wechseln und zweimal umziehen. Jeder Teil oder Vollumzug wirft die Aufbauarbeit zurück. Aktuell ist unser landwirtschaftlicher Betrieb in Bornheim-Roisdorf. Dort haben wir jedoch nicht genug Platz und Infrastrukturprobleme, sodass uns schon seit längerem klar war, wir müssen etwas anderes finden. Zum Glück haben wir ab dem nächsten Wirtschaftsjahr einen neuen Hof mit bereits ökologisch bewirtschafteten Flächen gefunden, der uns langfristig mehr Platz und Möglichkeiten bietet, Bio-Hof Palm in Bornheim-Uedorf. Wir hoffen sehr, dass dies unser letzter Umzug sein wird, freuen uns auf einen auf Dauer angelegten Neuaufbau und vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten.
Und ab März 2026 freuen wir uns, wenn ihr Lust auf einen Besuch bei uns habt.
Waldgarten und Solidarische Landwirtschaft
Max Kammermeier, Sankt Augustin

Junger Rosenkohl im gemulchten Beet
Foto: Solawi Bonn/Rhein-Sieg e.V
Im Rahmen von solidarischer Landwirtschaft ist es möglich, die Gemüse-Vielfalt auf einer gegebenen Anbaufläche deutlich zu erhöhen. Doch inwiefern können auch Bäume oder Sträucher eine Rolle in der Landwirtschaft spielen? Dieser Frage widmete sich eine Veranstaltung der SoLawi Bonn in Kooperation mit der Klimagruppe „Regenerative Landwirtschaft über den Kapitalismus hinausdenken“. Neben Beiträgen der Akteure aus der Bonner Solawi und der Klimagruppe gaben Johannes Loers und Florian Hurtig einen theoretischen Input zum Thema. Florian Hurtig ist Autor („Paradise Lost“, „500 Jahre Bauernkriege“) sowie Gärtner in der SoLawi Alfter und beschäftigt sich intensiv theoretisch und praktisch mit Waldgärten. In seinem Vortrag ging er zuerst auf die Geschichte von Waldgärten ein und erzählte ihre Entwicklung von der japanischen Jōmon-Kultur bis zur regionalen und noch heute gepflegten Hauberg-Wirtschaft. Außerdem erläuterte er das Konzept von Waldgärten sowie Möglichkeiten der praktischen Umsetzung in der modernen Landwirtschaft. Es wurde klar, dass Waldgärten ein wichtiger Teil für eine nachhaltige Landwirtschaft der Zukunft sind. Im globalen Süden ist dieser Ansatz immer noch weit verbreitet und äußerst produktiv.
Der zweite Referent, Johannes Loers, ist Teil des Streuobstkollektiv Rieve. Dieses Kollektiv pflegt eine alte Obstwiese in der Voreifel, auf der mehr als 80 Obstsorten wachsen. In seinem Input beschrieb er die Arbeitsweise und ökologische Vielfalt einer solchen Streuobstwiese.

Kleinteilige Gemüsefelder
Foto: Solawi Bonn/Rhein-Sieg e.V
Max G. stellte anschließend aus der Perspektive der Klimagruppe die Notwendigkeit dar, die Kritik an der gegenwärtigen industriellen Landwirtschaft unbedingt mit einer umfassenden Gesellschaftskritik zu verknüpfen. Dabei bezog er sich auf Kohei Saitos Kritik am „Grünen Kapitalismus“ sowie Von der Leyens „Green New Deal“. Diese Ansätze scheitern, weil sie verkennen, dass die Abwälzung von Kosten auf die Umwelt im kapitalistischen Wirtschaften eingebaut sind.
Abschließend wurde über die Umsetzung der Ansätze in der Bonner SoLawi diskutiert, die bald einen neuen Standort in Bornheim-Uedorf bezieht. Die ersten Pflanzbäume stehen jedenfalls schon bereit.
500 Jahre Bauernkriege
Am 7. Oktober fand im Rahmen des Bonn4Future Pop Up Atelier „Lust auf Zukunft“ eine Lesung von Florian Hurtig aus seinem Buch „500 Jahre Bauernkriege – Widerstand gegen Landraub und Ausbeutung von 1525 bis heute“ statt. Nach den historischen Betrachtungen wurde über die Landwirtschaft der Zukunft in und um Bonn diskutiert.
Florian Hurtig

Bonn war nur ein abseitiger Nebenschauplatz, als die Bauern vor 500 Jahren in weiten Teilen des deutschsprachigen Raums mobil machten. Vor allem im Süden Deutschlands gingen die Burgen in Flammen auf, stürmten die Bäuer*innen die Klöster, um sich die Nahrungsmittel zurückzuholen, welche sie selbst produziert hatten, und mit dem Zehnten abgeben mussten. Die Bäuerlichen waren wütend, unter anderem weil die Grundherren an vielen Orten die Allmendewälder und -Weiden privatisierten.
Dies traf vor allem die unterbäuerlichen Schichten, welche von den Allmenden abhängig waren. Darauf folgte die wohl größte Massenerhebung in Europa für eine gerechtere Gesellschaftsordnung – die als Bauernkrieg Einzug in die Geschichtsbücher hielt und sich aktuell zum 500. Mal jährt. Diese Niederschlagung sowie die Verstetigung eines Krieges gegen die Bauernschaft waren wohl Voraussetzungen des modernen Kapitalismus.
Ich beschreibe den modernen Kapitalismus als einen erneuten Angriff auf Bäuerinnen und Bauern: Die Enteignung ihrer Beziehung zur Natur. Denn die moderne Wissenschaft rationalisierte dieses Verhältnis, wodurch die Ausbeutbarkeit der Natur und der Bäuerinnen und Bauern um ein Vielfaches gesteigert wurde. Erneut werden die Kollektive auseinander gestreut: Dieses Mal die artenübergreifenden Kollektive, welche das Bäuerliche all die Jahrtausende ausgemacht haben – und an dessen Negierung wir heute buchstäblich erkranken.
Im 20. Jahrhundert wurden dann nicht nur die Flure bereinigt, sondern auch die Dörfer ihrer teilweisen Selbstverwaltung, ihrer Zentren und ihrer Eigenheiten beraubt. Land und Dorf wurden gleichermaßen ausgeräumt und zur reinen Produktionsstätte degradiert. Diejenigen, welche an den alten Traditionen, an der Vielfalt ihres Anbaus, an der moralischen Ökonomie festhielten, galten bald als Sonderlinge und Ewig-Gestrige, während es genau jene industriellen Bäuer*innen sind, welche heute für sich reklamieren, für die Traditionen zu stehen.












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