Kommentar,  Nachhaltigkeit

Zwischenruf

Baukultur, alles nur schön oder was?

Dr. Manfred Fuhrich

Baukultur? Ja, das ist doch Denkmalpflege. Damit sind zumindest schöne Bauwerke gemeint. Weit gefehlt! Auch in der Fachwelt hat sich längst ein Konsens ergeben, dass der Begriff viel weiter gefasst sein müsse. Der Begriff.„Bau-Kultur“ bezieht auch Umbau, Erneuerung und Modernisierung ein.

Baukultur ist weder auf das Ästhetische beschränkt noch auf das Stoffliche. Auch die Planungs- und Bauverfahren sowie der Umgang mit dem Bestand sind damit erfasst. Das sind nicht etwa Erkenntnisse, die sich aus einer an Nachhaltigkeit orientierten Stadtentwicklungspolitik ergeben haben. Es sind historische Sichtweisen. Sie haben nur angesichts einer an Modernität und Rentabilität orientierten Bau- und Städtebaupolitik an Aufmerksamkeit verloren.

Aus der Geschichte lernen

Baumeisterinnen hatten vor vielen Jahrhunderten mehr kapiert als heute Architektinnen und Stadtplaner*innen. Der wegweisende Architekt Vitruv hatte dargelegt, dass Baukultur sich auf drei Säulen stützt: Firmitas (Festigkeit), Utilitas (Nützlichkeit), Venustas (Schönheit). Zumindest die Festigkeit würden wir heute gerne gleichsetzen mit Nachhaltigkeit.

Dabei umfasst diese Lehre nicht nur das konkrete Bauen, wie zum Beispiel die Fassadengestaltung, und Baumaterialien (wie zum Beispiel Estrich), sondern bereits die Standortwahl. Sogar der Mond und die Gestirne waren Elemente der früheren Stadtplanung. Es gab Anweisungen für das „Anlegen von Städten“. Verblüffend für uns ist, dass Vitruv für Architekten Kenntnisse in Medizin, Geschichte, Philosophie, Musik und Astronomie forderte. Sein berühmtes Werk „Zehn Bücher über Architektur“ schrieb er in der Zeit vor Christi Geburt.

Auch Leon Battista Alberti, ein weiterer berühmter und einflussreicher Architekt, hat diese Gedanken in der Zeit der Renaissance weiterentwickelt; 1400 Jahre später. Anders als Vitruv trennte er die beiden Phasen Planung und Bauausführung voneinander. Er selbst fertigte nur noch Pläne und Modelle an. Die bauliche Umsetzung übertrug er erfahrenen Bauleitern. Sein Hauptwerk „Die vier Bücher zur Architektur“ reflektiert nicht nur die Anforderungen an ein gutes Bauwerk, sondern schließt auch das Wechselverhältnis von Gebäude und öffentlichen Raum ein.

Der Reiz des Alten

In der heutigen Baupraxis sind steinerne Objekte aus früheren Zeiten eher museale Unikate. Dennoch sind gerade diese alten Bauwerke immer wieder attraktive Hintergründe für Selfies und Stolz der Bonner Bewohner*innen, da sie identitätsstiftend sind. Die alte Hauptpost mit dem Beethovendenkmal, die Universitätsgebäude samt Schloss oder das Münster sind einsame Ankerpunkte im Stadtgefüge. Keine Touristin und kein Tourist kommt auf die Idee, als Erinnerung an das schöne Bonn das Stadthaus zu fotografieren, die Kaufhoffassade oder die Fronhofgalerie.

Es überwiegen im aktuellen Baugeschehen allerdings Neubauprojekte, die überall stehen könnten, und wie es scheint, so oder ähnlich tatsächlich überall stehen. Vor allem die jüngsten Großbaustellen in Bonn hinterlassen eine charakterlose Fassadenarchitektur. Nachdem die Zeit der Postmoderne zu Ende ging, scheint sich die Architekt*innen-Elite inzwischen auf eine internationale Formensprache zu reduzieren, ohne Rücksicht auf die Besonderheit des konkreten Ortes. Hatte das Bonner Loch – gute Idee, „falsche“ Nutzer – nicht doch mehr Charakter als „Urban Soul“?
Die Randbebauung an der B9 ist nahezu fallgleich entlang der Einfahrt zum Münchener Bahnhof zu sehen. Oder war es der Stuttgarter Bahnhof? Da werden schon extravagante Gebäude – wenn sie nicht gerade allzu hässlich gelungen sind – wie architektonische Highlights gefeiert: Post Tower.

Wir brauchen nicht noch mehr gesichtslose Großimmobilien oder spektakuläre Einzelobjekte, wie zum Beispiel den AIRE-Tower. Gefordert ist vorbildliche „schöne“ Architektur, die ortstypisch ist für das Gesicht Bonns. Der Charme unser Stadt liegt in der Vielfalt der Orte und ihrer gebauten Umwelt. Die Mehrheitsfraktionen des Stadtrates haben die Gründung einer Stadtentwicklungsgesellschaft angekündigt. Die Aufgaben sollen sein: Erwerb und Entwicklung von Grundstücken, Sanierung und Veräußerung von Immobilien. Die Erwartungen sind hoch. Aber eine Garantie für bessere städtebauliche Qualitäten ist damit nicht gegeben.

Verlust an Qualität

Auch im Wohnungs- und Siedlungsbau ist ein Verlust an städtebaulicher Lebensqualität eingetreten. So ist es zum Beispiel beidseits der Kennedyallee zu erleben. Links die Amerikanische Siedlung mit viel Freiraum und hohem Baumbestand auf großzügigen Grünflachen. (Auch das war mal in den 1950er Jahren Baukultur, nach dem städtebaulichen Prinzip „aufgelockerte, durchgrünte Stadt“.) Auf der anderen Seite eine auf maximale Rendite getrimmte Neubausiedlung mit minimierten Grünflächen, die gerade mal eben die gesetzlich notwendigen Abstandsflächen einhalten.

Auch die autogerechte Stadt, die in einzelnen Städten und Wohngebieten die Fußgänger*innen in die zweite Ebene verdrängten, war mal Ausdruck von Baukultur. Der Rückbau dieser gebauten Irrtümer ist Ausdruck einer gewandelten Baukultur. Aber Abriss von Gebäuden bedeutet nicht zugleich Rückgewinnung städtebaulicher Qualitäten oder menschlicher Lebensräume. Die spektakuläre Sprengung des in die Jahre gekommenen Bonn-Centers am Bundeskanzlerplatz war ja nicht das Ergebniss eines bürgerschaftlichen Votums, weil man diesen Hochhausriegel etwa für hässlich hielt oder weil er Kaltluftströmen entgegenstand. Leitendes Motiv war eine noch intensivere Ausnutzung des freigeräumten Grundstücks für eine höhere Rendite des Investors.

Behutsamer Umgang mit dem Bestand

Anspruchsvoller, komplizierter und letztlich Erfolg versprechender ist ein behutsamer Umgang mit dem Bestand, den Gebäuden und den Plätzen. Die Zeiten der Flächensanierung sind längst vorbei, die die Bad Godesberger Innenstadt bis zur Unkenntlichkeit radikal verändert hat. Bekanntlich hat in vielen Städten die Stadterneuerung (auch ironischerweise als „Sanierung“ bezeichnet) mehr Wunden in den Stadtkörper geschlagen als der verheerende Zweite Weltkrieg. Aber auch eine bedenkenlose Nachverdichtung in der Fläche kann die baukulturelle Eigenart und Lebensqualität von Wohnquartieren gefährden.

Falsche Planung kann böse Wirkung zeitigen. Deshalb sollte der Grundsatz gelten, dass Bestandserhaltung Vorrang erhalten sollte vor Abriss. Neubauten sollten immer so flexibel konzipiert sein, dass eine völlig andere Nutzung in der Gebäudehülle möglich werden kann. Abriss erzeugt immer eine über den Standort hinausgehende Belastung für Rohstoffbilanzen und Umwelt. Abriss von Gebäuden bedeutet immer auch Verlust von Orientierung und von vertrauter Heimat.

Erschienen in der BUZ 2_21