Nachhaltigkeit

Zwischenruf

Der Arten Vielfalt trifft des Menschen Einfalt

Dr. Manfred Fuhrich

In der Schule fürs (Über-)Leben lernen

So, heute wollen wir mal über Artenvielfalt reden, kündigte die Lehrerin der 8b an. Welche Vogelarten kennt ihr denn? Amsel, Drossel, Fink und Star trällerten die Mädchen aus der ersten Tischreihe gleich los. Und wie steht es bei euch mit Fischen? Lachs, Seelachs, Forelle. Und du Kevin, beteiligst du dich auch am Unterricht? Nach langem Zögern verriet er: Hai, Delphin, Thunfisch und äh, ja – Ölsardine, Brathering, Rollmops.
Warum musste die Lehrerin auch immer die falschen Fragen stellen. Biersorten oder Automarken würden nur so aus ihm heraussprudeln, so viele von ihnen kennt er. Was aber interessieren ihn Vögel oder Fische?! Kein Bock auf Tiere! Noch nerviger wäre, wenn die Lehrerin nach Insekten gefragt hätte. Natürlich kennt Kevin Wespen und sogar Bienen. Fliegen und Mücken, die nerven ihn nur; auf die kann er gerne verzichten. Und jetzt redet die da vorne von Artenschutz und Vielfalt. Geht‘s noch?!
Verlassen wir den Klassenraum. Wie wäre es denn, wenn uns jemand nach Tierarten oder Pflanzenarten fragen würde? Oder schlimmer noch: Nach denen, welche bedroht sind? Der Weltbiodiverditätsrat der Vereinten
Nationen warnt aktuell davor, dass über eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind. Weltweit. Wer kennt die schon und wie viel bleiben noch erhalten?

Schützen, was wir nicht kennen?

Mal ehrlich, was wissen wir von bedrohten Tierarten? Die meisten kennen wir ja noch nicht beim Namen. Kein Wunder, denn die, um die es geht, sind ja wild lebend. Und die sollen wohl geschützt werden, also die Art als solche. Das ist nicht Tierschutz im engeren Sinne, da soll der Mensch das individuelle Tier richtig behandeln. Im Artenschutz geht es um die Population einer Art von wild lebenden Tieren. Aber auch seltene Pflanzen stehen unter Artenschutz. Das macht das Thema noch komplexer. Wie soll man was schützen, was man gar nicht kennt?

Wilde Tiere sind gefährlich

Man sollte sich auch nicht mit wild lebenden Tieren einlassen. Das ist nämlich gefährlich.
Damit ist nicht etwa der böse Wolf gemeint oder die giftige Viper. Die Corona-Pandemie ist ja ausgebrochen, weil sich der Mensch zu sehr wild lebenden Tieren genähert hat, in ihren Lebensraum eingedrungen ist, sogar Lebendtiere auf Märkten gehandelt hat. Das ist fahrlässig. Das weiß man jetzt. Aber was hat das mit Artenschutz zu tun?

Verlustanzeige ohne Wirkung?

Von den über 70.000 Tier- und Pflanzenarten werden in der „Roten Liste“ mehr als 30.000 untersucht, ob sie in Deutschland gefährdet sind. Es geht darum, den Grad der Gefährdung von Arten zu beziffern. Ein Drittel der registrierten fast 100 Arten der Säugetiere ist bestandsgefährdet. Aktuell wird die Biodiversität auf bis zu 14 Millionen Arten insgesamt geschätzt. Das sind doch recht viele. Von fast allen haben wir keine Vorstellung, wie sie aussehen. Von vielen Lebewesen kennen wir noch nicht einmal den Namen. Merken wir, wenn einige fehlen? Kommt es da wirklich auf die eine oder andere Art an? Antwort: ja! Beruhigend ist, dass die Natur stärker ist als wir. Sie wird uns und unsere Untaten überleben. Ein schwacher Trost.

Der Mensch liebt doch Tiere

Die Natur hat es so eingerichtet, dass das eine Tier das andere frisst; bei Bedarf auch schon mal den Menschen. Nun gut, Tiere töten nur Tiere, wenn der Hunger zur Jagd treibt. Beim Menschen ist das anders. Leider. Aber der Mensch liebt auch Tiere, besonders die, die ihm „gehören“, also der Schoßhund und die Schmusekatze. Die werden allzu gern verwöhnt. Dem Gesetz nach sind diese Haustiere „Sachen“. Einige „Herrchen“ verhalten sich zu ihnen auch so.
Die Berichte über das globale Artensterben sind deprimierend, genauer: alarmierend. Vielen ist der Zusammenhang im komplexen System der Erde nicht klar. Einige verdrängen Erkenntnisse, die eigentlich jeder und jedem zugänglich sind. Das Bienensterben hat nicht nur Auswirkungen auf das Angebot an Honig im Lebensmittelladen, sondern auch auf das Ökosystem, auf unsere Lebensgrundlagen.

Achtsamkeit gegenüber anderen Kreaturen

Im Buddhismus geht es nicht um individuelles Seelenheil, sondern um das Wohlergehen aller Lebewesen: „Achtsamkeit ist die Quelle des Glücks“. Der buddhistische Glaube verlangt demütigen Respekt vor jeder Form von Leben, zumal wir uns nach einer Wiedergeburt genau in so einem bisher gering geschätzten Tier wiederfinden könnten. So ist es in unserer westlichen Welt schon der „vorausschauende Egoismus“, der zum Artenschutz anhält. Streng gläubige Mönche verleitet dieser Grundsatz dazu, selbst kontemplative Gartenarbeit zu meiden, weil ja ein Regenwurm unter dem Hacken der Erde leiden könnte.
Für unseren Alltag genügt es schon, mehr Achtsamkeit gegenüber anderen Lebewesen und Pflanzen walten zu lassen. Unser Konsumverhalten verursacht Raubbau, Umweltzerstörung und Artenschwund in fernen Ländern. Das müssen wir immer mitbedenken. Aus dieser rücksichtsvollen Haltung kann sich eine Verantwortung für alles, was lebt, entwickeln.
Fangen wir morgen gleich damit an, auch wenn es schwerfällt. Fragen wir uns lieber, als welches Tier wir denn wiedergeboren werden möchten und als welches auf keinen Fall.
Beide sind schützenswert. Alles eine Frage des Karmas.

Erschienen in der BUZ 3_21