Stark wie ein Baum?
Dr. Manfred Fuhrich
Schon bei der Geburt haben wir einen Baum. Den Stammbaum. Gut, das ist kein echter Baum. Aber er zeigt uns, dass unser Leben von Beginn an irgendwas mit Baum zu tun hat. Es erklärt auch, wie der „Baum“ Eingang in unsere Sprache gefunden hat. Das erweist sich in den gebräuchlichen Redewendungen; hier Beispiele: „stark wie ein Baum“ (Beweis für strotzende Kraft), „vom Baum der Erkenntnis“ (er fördert Wissen), „den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“ (den Überblick verlieren), „bei drei auf den Bäumen“ (sich beeilen, sonst …), „Bäume wachsen nicht in den Himmel“ (Ermahnung zur Mäßigung), „auch ein kleiner Baum ziert einen Garten“ (Lob des Kleinen), „einen alten Baum verpflanzt man nicht“ (Ehrfurcht vor dem Altern), „fälle nicht den Baum, der dir Schatten spendet“ (kluges Handeln).
Überhaupt kommt in unserer Sprache „auffallend unauffällig“ das Wort Baum vor, auch dort, wo es eher überraschend ist: der „Schlagbaum“– der trennt, der „Kabelbaum“ – der Drähte bündelt, die „Baumgrenze“ – bis hierhin und nicht höher, die „Baumschule“ (lernen dort die Bäume wachsen?).
Was ist ein Baum?
Und was ist eigentlich ein echter Baum? Laut Wikipedia ist ein Baum „im allgemeinen Sprachgebrauch eine verholzte Pflanze …, die aus einer Wurzel, einem daraus emporsteigenden Stamm und einer belaubten oder benadelten Krone besteht“. Punkt; so nüchtern ist das. Bäume sind „ausdauernde und verholzende Samenpflanzen, die eine dominierende Sprossachse aufweisen, die durch sekundäres Dickenwachstum an Umfang zunimmt“. Baum – Wikipedia
Am 25.April jeden Jahres ist „Tag des Baumes“. In Deutschland haben geschätzt über 90 Milliarden Bäume was zu feiern. Hätten die Bäume bei der nächsten Bundestagswahl Stimmrecht, so wäre der Naturschutz Thema Nummer eins und die Welt gerettet. Selbst wenn man nur die älteren „wahlberechtigten“ Bäume (sieben Zentimeter Stammdurchmesser in Brusthöhe) berechnet, wären es immer noch 7,6 Milliarden.
Unter Baumbestimmung leicht gemacht, Bäume bestimmen, Baum Bestimmung (baumkunde.de) werden alle Baumarten aufgezählt, wahlweise mit ihrem lateinischen oder deutschen Namen; eine beeindruckende Liste. Die beliebtesten sind: Ahorn, Eiche, Buche, Esche, Linde, Birke. In Deutschland dominiert die Kiefer mit 23 Prozent, gefolgt von der Rotbuche mit 16 Prozent, die Eiche kommt erst auf Platz drei mit elf Prozent. Soweit die nüchternen Daten. Doch Bäume sind auch etwas Emotionales für uns Menschen.
Bäume sind was fürs Herz
Allen voran begeistert der Tannenbaum, aber nur zur Weihnachtszeit. Meist ist er aber gar kein Tannenbaum, der da besungen wird (häufig eine Fichte!) – aber egal: er macht Freude und öffnet die Herzen, nicht nur die der Kinder. Für die Kinder gibt es zahlreiche Lieder über Bäume. Herz zerreißend ist besonders das Lied über die Freundschaft eines kleinen Jungen mit einem Baum: “Mein Freund der Baum“. Zentrale Botschaft: „Bäume sind so wichtig, das weiß jedes Kind. Schenken Luft zum Atmen, wenn die Sonne scheint. Dürfen nicht verschwinden, weil sonst die Erde weint.“ Kinderlied Mein Freund der Baum 🌳 Das Baumlied Kindergarten (youtube.com)
Aber auch für ältere Erdenbewohner*innen gibt es Lieder über Bäume. Am bekanntesten ist wohl das Lied von Alexandra “Mein Freund der Baum“ aus dem Jahr 1968. Es avancierte zur „Hymne des neuen Öko-Zeitalters“: Mein Freund, der Baum – Wikipedia. In vielen Liedern wird nicht ein einzelner Baum besungen, sondern eher eine ganze Versammlung; das nennt man dann Wald. Die deutsche Seele ist fest mit ihm verbunden. In einem weniger bekannten Lied geht Freddy Quinn sogar noch weiter. Er vergleicht das Leben mit einem Baum – in „Der Baum des Lebens“.
Den Baum umfangen so manche Mythen, man mutmaßte sogar den Sitz der Götter. Und wo saß Buddha als er Erkenntnis gewann? Richtig, unter einem Feigenbaum. Verschiedenen Bäumen werden bedeutungsschwangere Werte zugeordnet: Die Akazie weist angeblich auf die Unsterblichkeit der menschlichen Seele hin, der Ölbaum steht für Frieden, die Eiche dient als Symbol der Treue.
Bäume pflanzen – gute Idee oder Greenwashing?
Es geht auch praktisch. Ecosia – Die Suchmaschine, die Bäume pflanzt pflanzt für Aufruf ihrer Suchmaschine Bäume. Toll! So mancher hat schon ganz nebenbei einen Wald zusammengesurft. Klimasünden durch Flugreisen kann man durch Baumpflanzaktionen kompensieren. Ein Ablasshandel zugunsten der Bäume. In die Kritik geraten ist die PR-Masche von Krombacher Bier. Die Aktion „Ein Kasten, ein Quadratmeter“ suggerierte die Anpflanzung von Bäumen. Falsch: Es wurden nur Spenden an Nationalparks gegeben. Das Umweltbundesamt hält viele solcher Pflanzaktionen für „Greenwashing“. Unternehmen, die Bäume pflanzen: Gute Idee oder Greenwashing? (fluter.de). Es geht auch privat ohne wirtschaftliche Interessen. Bäume pflanzen als symbolischer Akt, z. B. anlässlich einer Hochzeit. Ach möge die Ehe so lange halten wie der gepflanzte Baum. Letztlich kann man unter einem Baum den letzten Frieden finden – im Friedwald. Aktuell hoch im Kurs. Und noch eins: Nützt denn Bäume pflanzen für den Frieden – im Privaten und für die Welt? Schön wäre es ja.
In dem Zitat von Bertolt Brecht an die Nachgeborenen zum Thema Bäume wird ein aktuelles Dilemma deutlich: „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist – weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt.“ Brecht konnte nicht ahmen, wie aktuell und zugleich eindringlich seine Worte gerade heute sind.
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