Interview,  Ökologie

Tierlos lecker

Veganfach 2017–Europas größte vegane Messe

Essen gehen mit Veganern, wie mein Kumpel Martin, ist voll anstrengend, oder? Nein, gar nicht! Einfach verabreden, treffen, hinsetzen, Essensbestellung aufgeben und nach einer viertel Stunde ist das Essen da. Martin mit dem Mund voll Pizza: „Hab neulich richtig leckeren veganen Käse probiert.“ „Wo das denn?“, will ich wissen. „Veganfach!“

Die veganfach ist die größte und internationalste vegane Messe Europas. Dieses Jahr fand sie zum zweiten Mal in der Koelnmesse statt. Mit 6.000 Besucher*innen verzeichneten die Veranstalter einen Zuwachs von 50 %. 129 Unternehmen aus 17 Ländern zeigten über zwei Tage Produkte und Lösungen für den veganen Lebensstil. „Mit diesem Ergebnis hat sich die veganfach schon mit der zweiten Veranstaltung als europäischer Top-Businessplatz in diesem Segment etabliert!“, sagt die Koelnmesse-Geschäftsführerin Katharina C. Hamma. Sie muss es wissen. Immerhin ist die Koelnmesse international führend in der Durchführung von Ernährungsmessen und Veranstaltungen zur Verarbeitung von Nahrungsmitteln und Getränken.

Alleine 30 Startups stellten ihre Produkte erstmals einem großen internationalen Publikum vor. Alle Aussteller*innen profitierten vom Hybridmodell. Neben kaufkräftigen Besuchern und Besucherinnen waren außerdem hochkarätige Fachleute aus Industrie, Handel und Gastronomie anwesend. Darunter befanden sich auch Topmanager großer Handelskonzerne wie Rewe, Kaufhof, Edeka und Globus. Ein exklusives Vortrags- und Eventprogramm begleitete die zweitätige Veranstaltung. Daran nahmen Berühmtheiten wie Marcell Jansen (Fußballprofi), Moses Pelham (Musikproduzent), Anastasia Zampounidis (Moderatorin), Jean-Christian Jury und Björn Moschinski (Starköche) teil.
Das klingt wie aus einer Pressemitteilung? Stimmt! Ich habe ab- und umgeschrieben von Michael Steiner. Im November 2017 veröffentlichte er diese Infos über die Internetseite der veganfach. Weil aber Leute, die selbst dabei waren einen viel besseren Einblick vermitteln können als eine schnöde PM, frage ich einfach mal Martin. Und er hat Ahnung; seit drei Jahren Veganer, beruflich studierter Naturschutzrechtler, überzeugter Minimalkonsument und politisch links.

Aus welcher Motivation heraus warst Du eigentlich da?

Auf der Messe kann ich mir alle neuen Produkte und Innovationen des Veganismus konzentriert und an einem Ort anschauen. So bleibe ich ohne viel Aufwand auf dem neuesten Stand und muss nicht überall im Netz und im Einzelhandel stöbern. Außerdem fülle ich mein veganes Kochbuch mit neuen Rezepten und Inspirationen. Nicht zuletzt gibt es oft leckere Probehäppchen [grinst].

Du warst auch bei der Premiere letztes Jahr dabei. War es dieses Mal anders? War wirklich viel mehr los?

Das kann ich gar nicht so richtig vergleichen. Als ich letztes Jahr am Samstag da war, kam es mir schon sehr voll vor. Jetzt am Freitag waren die Gänge noch licht und ich konnte jeden Stand ohne langes Warten erreichen. Mir ist aufgefallen, dass dieses Jahr deutlich mehr Aussteller für Non-Food-Produkte vertreten waren. Neben veganen Lebensmitteln ging es vor allem um Hygiene und Kleidung. Der vegane Markt entwickelt sich rasend schnell und geht mittlerweile weit über die Ernährung hinaus. Ich habe zum Beispiel Messer, Mixer und Trinkflaschen gesehen, die nachhaltig und sozial verträglich produziert werden. Krankenkassen und Versicherungen waren auch da. Der vegane Lifestyle zieht weite Kreise.

Und die Leute so? Hatten die alle Sandalen an?
[lacht] Nein, nein. Ich habe ja auch keine an. Ich habe einen Querschnitt aus der Bevölkerung gesehen; jedes Alter, Männer und Frauen. Mittlerweile ist vegan sein in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Selbst Anzugträger waren da.

Ja, das waren die Topmanager von REWE, Kaufhof und Edeka. Das habe ich in der Pressemitteilung gelesen. Meinst Du nicht, wegen solcher Messen wird es zu kommerziell?

Naja, das ist ein zweischneidiges Schwert. Natürlich zerstört die Aussicht auf Listungen bei großen Einzelhändlern den alternativen Charme des veganen Nischenmarkts. Die großen Konzerne und Einzelhandelsketten springen ja auch nicht aus Tierliebe und Nachhaltigkeitsgründen auf den Vegan-Zug auf. Denen geht’s natürlich nur um Profit. Startups und kleine ethisch handelnde Unternehmen haben es dadurch immer schwieriger sich am Markt zu etablieren. Trotzdem unterstützt die Kommerzialisierung den veganen Grundgedanken; nämlich Tierleid zu vermeiden. Mehr vegane Produkte in den Regalen der großen Handelsketten zeigen den Allesfressern, dass vegan essen eben nicht nur trocken Reis bedeutet. Und entfernt geht es ja auch darum, weniger und bewusster zu konsumieren. Der ökologische Fußabdruck eines veganen Schnitzels ist um ein vielfaches kleiner als der eines Schnitzels tierischen Ursprungs… selbst wenn es von einem großen Tierschlachter hergestellt wird.

Also gehst Du nächstes Jahr wieder hin?

Na klar. Der 2. und 3. November 2018 ist in meinem Kalender schon markiert. Ich kann auch jeder Interessierten und jedem Interessierten empfehlen, vorbeizuschauen. Vegan leben ist schon längst nicht mehr nur Verzicht. Naja eigentlich war es das nie. Es ist eher Vermeidung. Die Vermeidung von Tierleid und Umweltzerstörung. Und eine Entscheidung für Gerechtigkeit und Empathie. Diese Messe vor den Toren Bonns zeigt uns, wie einfach es ist, ohne tierische Produkte unseren Alltag zu meistern.

Tobias Landwehr