Kommentar,  Nachhaltigkeit

Eine schwächelnde Stadt wird durch Krisen robust

Wie aus Schrumpfhausen Bad Schlankstadt wird

Mit dem Begriff Resilienz verbinden sich eher technische Aspekte oder Gedanken an menschliches Verhalten. Doch auch Städte und Orte können vor Herausforderungen stehen, in denen sie Robustheit und Widerstandsfähigkeit, mitunter sogar Überlebensfähigkeit beweisen müssen. Seit der Wiedervereinigung entstanden an vielen Orten im Osten nicht „blühende Landschaften“ sondern es traten Verödung und Leerstand ein. In den 90-er Jahren war das Thema „Schrumpfung“ virolent. Der nachfolgende Text zu diesem Thema entstand zu Beginn des neuen Jahrtausends. Vielerorts ist auch heute noch das Thema aktuell. Weiterführende Analysen und Strategie zu diesem Politikfeld sind in einem Fachbeitrag in der Reihe „Informationen zur Raumentwicklung“ erstmals erschienen; auch dieses „Märchen“: https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/izr/2003/Heft1011Stadtumbau.html

Manfred Fuhrich

Etappe 1: Die lokale Wirtschaftskrise

Die Stadt „Schrumpfhausen“ erlitt durch die Schließung des großen Repronsatoren-Werkes den größten Einschnitt in der Entwicklung ihrer Geschichte. Dabei gründete die Stadt ihren bisherigen Wohlstand auf den weltweiten Vertrieb dieser Produktpalette.

Nach Aufkauf durch einen international agierenden Konzern aus Südkorea wurde die gesamte Produktion eingestellt und ins Ausland verlagert. Sprunghaft stieg die Zahl der Arbeitslosen am Ort von sieben auf neunzehn Prozent. Zahlreiche Zulieferbetriebe mussten schließen.

Neben dem großen Werk am Innenstadtrand standen zahlreiche kleinere Gewerbekomplexe leer. Die von dem Großunternehmen mitfinanzierten sozialen Einrichtungen konnten nicht mehr weitergeführt werden. Die schwindende örtliche Kaufkraft führte zu einer allmählichen Verödung der Innenstadt, denn immer mehr Einzelhandels­läden mussten schließen.

Die Eröffnung des ­neuen überdachten Einkaufszentrums erwies sich als Flop, denn nicht einmal die Hälfte der Läden konnte vermietet werden. Die einstmals stolze Stadt lag am Tropf. Wer es sich erlauben konnte und woanders Arbeit fand, verließ sie. In den Folgejahren setzte ein enormer Verlust an Bevölkerung ein.

Etappe 2: Schleichende Schrumpfung

Die Stadtväter und Stadtmütter waren alarmiert und zugleich desillusioniert.

Die erhoffte Übernahme des geschlossenen Betriebes im Rahmen eines ABM-Programms scheiterte letztlich daran, dass die weltweite Nachfrage nach Repronsatoren kontinuierlich zurückging und der südkoreanische Konzern keinen Lizenznachbau erlaubte. Das riesige Werksgelände blieb verschlossen und musste letztlich doch abgerissen werden. Auch die Gründung von „Ich-AGs und Handwerker-Genossenschaften“ in den leer stehenden Hallen der ehemaligen Zulieferbetriebe konnte den schleichenden Verfall der Gewerbegebiete nicht aufhalten.

Das städtische Wohnungsunternehmen begann damit, leer stehende Wohnungen in einer innenstadtnahen Großwohnsiedlung abzureißen, nachdem sich hier die sozialen Probleme konzentrierten. Diese Bestände hatte die Stadt erst vor drei Jahren aus der Konkursmasse als Werkswohnungen der Repronsatorenfabrik erworben. Auch das Straßenbild verwahrloste zunehmend.

Die Notgemeinschaft der örtlichen Einzelhändler versuchte vergeblich, durch zaghafte Aktionen die Attraktivität zurück zugewinnen. Das große Einkaufszentrum mit seiner großen Halle blieb verschlossen und ein mahnender Fremdkörper im Stadtraum.

Die wechselnde Dekoration der Schaufenster in den übrigen leer stehenden Läden vermittelte nur den Besuchern der Stadt ­einen vitalen Eindruck. Die Bewohner wussten, dass dies nur Attrappen waren. An strategische Konzepte für die Stadtentwicklung traute sich keiner.

Auch an die Teilnahme an Bundesförderprogrammen war nicht zu denken, denn es fehlte selbst am notwendigen Eigenkapitalanteil der Stadt. In der Hoffnung, dass es ­irgendwie und irgendwann wieder aufwärts geht, beschränkte man sich auf das Stopfen von Löchern. Mit Verbitterung nahmen die Schwachhausener die Schließung des IC-Bahnhofes hin. Endzeitstimmung machte sich breit. Die Stadt fiel in Agonie.

Etappe 3: Schwäche als Chance

Die Stadt Schwachhausen gehörte zu den Städten, in denen durch zunehmende Trockenheit die Luftqualitäten immer schlechter wurden. Solange die Werksschornsteine rauchten, wurde das örtliche Kleinklima noch ausgeglichen.

Bauphysikalische Untersuchungen hatten ergeben, dass die Gebäude in der großen Wohnsiedlung zu denen gehörten, die wegen ihrer besonderen Zusammensetzung in der Stahlbetonmischung als statisch gefährdet eingestuft wurden. Materialermüdung und klimatische Belastungen bildeten für die gefürchtete Steinlaus ideale Lebensbedingungen.

Der verantwortliche Baustoffkonzern hatte mittlerweile Konkurs angemeldet. In einem Bund-Länder-Sofortprogramm standen letztlich Mittel zur Verfügung, um die Großwohnsiedlung zu evakuieren und komplett abzureißen. Fester Bestandteil des Förderprogramms war die Renaturierung der sanierten Gebiete.

Durch diese unerwarteten Veränderungen wurde die Chance eröffnet, dass die Stadt eine kleine Aufwertung erfuhr. Während anderswo die Baubranche in einer tiefen Krise steckte, erlebten das örtliche Bauhauptgewerbe und das Handwerk einen spürbaren wirtschaftlichen Schub, zumal Schwachhausen zum „Modellprojekt für differenzierte Recyclingverfahren“ ­(Modire) erklärt wurde.

Die in den stürmischen Entwicklungsjahren verlorene Stadtkante zum inzwischen degenerierten Naturraum konnte wieder rekonstruiert werden. Das hässliche Schwachhausen erhielt ein neues Gesicht und etwas Zuversicht.

Etappe 4: „Slow city“ und „slim city“ als neues Image

Im Zuge der rückbaubedingten Ausschachtungsarbeiten trat eine Vielzahl von prähistorischen Funden zu Tage. Die ersten Befürchtungen, dass diese Funde den zügigen Abriss gefährden könnten, wichen der Überzeugung, dass durch ein langfristig angelegtes Vorgehen die Rückkehr der gefürchteten Steinlaus nachhaltiger vermieden werden kann. Die Anlage eines großen Sees auf einer innerstädtischen Brache brachte als Feuchtigkeitsspender den Sieg im langen Kampf gegen diese Laus. Die sprichwörtliche Geduld der Schwachhausener führte zum Erfolg. Langsamkeit war sowieso zur Wesensart der Schrumpfhausener geworden. So wurde die Stadt eine der ersten Städte, die sich in dem neuen europäischen Bündnis „slow city“ zusammenschlossen.

Die Entdeckung der Langsamkeit als stabilisierende und letztlich nachhaltige Strategie nützte der Bevölkerung und dem Image der Stadt. Die tiefschürfenden Untersuchungen der herbeigereisten Bauforscher und Naturwissenschaftler ergaben, dass die Stadt in einem natürlichen Wasserbecken von überregionaler Bedeutung lag. Dem Wasser wurde eine heilende Wirkung zu gesprochen. Tatsächlich wurde auf dem in Schwachhausen erstmals durchgeführten aqua-gerontologischen Nationalkongress festgestellt, dass das in früheren Jahren vollständig überbaute und verrohrte Fließgewässer alterungshemmende und entschlackende Elemente aufwies.

So ging in diesen Jahren Schrumpfhausen in den Volksmund auch als „Schlankstadt“ ein. Tatsächlich war dies aber nicht nur die Wirkung des Wassers, sondern auch der vorausschauenden Stadtentwicklungspolitik zu verdanken, die darauf abzielte, unnötige Polster ab Projekt „Stadtverschlankung“, ursprünglich aus der Not geboren, wurde zum Vorreiter für ein umfassendes Landesprogramm. Schrumpfstadt erhielt als erste Stadt Deutschlands den Titel„Space city“. Stadtverschlankung ging schließlich als dauerhaftes Aufgabenfeld in die bundesweite Städtebauförderung ein.

Erschienen in der BUZ 6_21.