Kommentar

Zwischenruf

Alle kleine Sünderlein?

Dr. Manfred Fuhrich

Nach Freitag kommt das Wochenende. Wie schön. Da kann man endlich wieder von dem alltäglichen Stress entspannen. Das Wochenende gehört uns und das wollen wir für uns nutzen. Da dürfen wir uns auch ein wenig gehen lassen, auch mal sündigen. So ist es zu begrüßen, dass „fridays-for-future“ vor dem Wochenende stattfindet. Bis zum nächsten Freitag ist ja noch Zeit. … So hört sich die Gesinnungslage der „umweltbesorgten Umweltsünder“ an.

Diese Bezeichnung hat das Umweltbundesamt erfunden für alle, die eigentlich genau wissen – oder zumindest ahnen –, dass die Umweltkrise uns alle angeht und wir alle einen Anteil an dem menschengemachten Klimawandel haben. Solche problembewusste Einstellung im Widerspruch zu unserem inkonsequenten Handeln finden wir in unserem Freundeskreis – und ehrlich: auch bei uns selbst. Und nicht zu wenig.

Freitags demonstrieren, am Wochenende vom Stress kurieren und schon nächste Woche geht der Flieger in den Süden. Claudia Kemfert hält vehement dagegen: „Zukunft ist jetzt“. Ihr eindringlicher Appell folgt der Formel „Mondays for future – Freitag demonstrieren, am Wochenende diskutieren, am Montag anpacken und umsetzen“ (Murmann), Hamburg 2020. Die Lektüre verdeutlicht, wie lange der Kampf für Klimaschutz schon wärt. In diesen Tagen „feiert“ man 50 Jahre „Club of Rome“, ein früher Weckruf über die Grenzen des Wachstums. Passiert ist zu wenig und der Weg ist noch lang.

Heute mahnt uns die engagierte besorgte Jugend. Wenn wir nicht konsequent umdenken und unser Verhalten ändern, dann wird das Klima uns strafen. Dann erübrigen sich die sehnsuchtsgesteuerten Flugreisen in den Süden. Von wegen: Kreta statt Greta! Bald können wir uns das mediterrane Lebensgefühl zum Ortstarif gönnen. Bald werden die robusten Olivenbäume und industrieharten Palmen in unseren Parks gedeihen. Sie werden stolzer Schmuck in bürgerlichen Vorgärten. Der Weinanbau wird sich auch in nördlichen Regionen lohnen. Unser „Wetterfrosch“ Sven Plöger mahnt uns eindringlich und vieldeutig: Zieht euch warm an, es wird heiß!: Den Klimawandel verstehen und aus der Krise für die Welt von morgen lernen. Westend, Frankfurt 2020

Was ist der fremde Saharastaub und der heiße Sommer im Vergleich zu den veränderten Lebensbedingungen im globalen Süden. „Klimaflüchtlinge“, die in ihren Regionen keine zumutbaren Lebensbedingungen vorfinden, werden zu uns kommen – nicht auf Urlaub, sondern auf Dauer. So wird deutlich, dass wir die Klimakrise nicht nur in ihrer umweltrelevanten Dimension, sondern auch in der sozialen erkennen müssen; global, aber eben auch lokal.

Auch bei uns in Europa, in Deutschland, in unserer Nachbarschaft offenbart sich der Zusammenhang beider Dimensionen. Die arrogant hohe Nase der „aufgeklärten Gut-Menschen“ bezüglich des verwerflich unökologischen Konsumverhaltens der Menschen mit geringen Einkommen ist entlarvend. Billigfleisch kaufen und umweltschädliche Haltung von „Geiz-istgeil“ sind verpönt – wenn man es sich leisten kann. Für die Betroffenen ist es eine Überlebensstrategie.

Die enorm gestiegenen Energiepreise, die dadurch gestiegenen Wohnkosten und insgesamt die hohe Inflation stürzen selbst die Mittelschicht unserer Gesellschaft in Probleme. Wenn die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nicht mehr gewährleistet ist, wenn das Überleben bis zum Monatsende zur alltäglichen Herausforderung wird, dann werden die vielen individuellen Probleme zu einem gesellschaftlichen Konflikt. Eins lässt aufhorchen: Eine Erhebung des Umweltbundesamts belegt, dass Besserverdienende meist klimaschädlicher als Menschen mit kleinem Einkommen leben. Besserverdienende haben die „breiten Schultern“. Doch haben sie auch die starken Muskeln, um ihren solidarischen Beitrag zu leisten?

Umweltziele müssen immer auch die sozialen Aspekte berücksichtigen. Aus prekären Einzelschicksalen können immer deutlicher gesellschaftliche Verwerfungen erwachsen. Wie in der Diskussion über die Klimakrise sind auch derartige „Kipppunkte“ in der Sozialpolitik zu erkennen. Es entsteht zunehmend eine Stimmung der Unzufriedenheit, die sich zu einer schwer zu kalkulierenden Protestbewegung erwachsen könnte. Vor diesem Hintergrund einer auseinander driftenden Gesellschaft mit wohlstandsgesättigten Gutmenschen und abgehängten Transferempfänger*innen fällt es der Politik schwer, einen gesellschaftlichen Konsens dafür herbeizuführen, was wir heute tun müssen – eigentlich schon längst hatten tun müssen.

Umso erfreulicher, dass junge Leute sich radikal Gehör verschaffen, mit klugen Argumenten aufwarten, wissenschaftliche Expertisen nutzen und auf die Dringlichkeit von Sofortmaßnahmen pochen. Es ist ihre Zukunft; aber auch unsere gemeinsame Verantwortung, nämlich die aller Generationen. Verständlich, wenn die Parolen lauten: „Wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.“. Wir müssen aber nicht warten, bis „die da oben alles in Ordnung bringen“. Wir sind ein Teil des Problems, also kann unser Verhalten Teil der Lösung sein. Einsicht ist der erste Schritt, Umdenken der Zweite und anders Handeln der Dritte. Gute Hilfestellungen bietet „www.utopia.de“. Hier finden wir auch eine ausgezeichnete Aufklärung zum persönlichen „ökologischen Fußabdruck“ und zum produktbezogenen „ökologischen Rucksack“: https://utopia. de/ratgeber/oekologischer-fussabdruck-ausdiesen-faktoren-setzt-er-sich-zusammen.

So wie die industrialisierten Staaten auf Kosten der sogenannten „Dritten Welt“ ihren Wohlstand erwirkt hatten, so hat auch die ältere Generation in den Nachkriegsjahren mit der Parole „Wohlstand für alle“ die Lasten erzeugt, unter denen die junge Generation leiden wird – ökonomisch und ökologisch. Beispiel: So selbstverständlich die „autogerechte Stadt“ das städtebauliche Leitbild für die Entwicklung der Städte in den 60-er Jahren war, so dringend ist heute eine radikale Kehrtwende notwendig, um unsere Städte zukunftsfähig zu machen. Mitunter gilt es schon als Fortschritt, wenn kleine Schritte erfolgen, die unsere Städte widerstandsfähig gegen die aktuellen und zukünftigen Krisen machen. Aber nur mit Blumenkübeln und Fassadenbegrünung werden die Herausforderungen nicht gemeistert. Deshalb ist es notwendig und unverzichtbar, dass die heutige Jugend radikaler denkt und konsequentes Handeln einfordert. Wir könnten froh sein über diesen Zorn, diese Ungeduld und ungehemmten Tatendrang; es ist jetzt höchste Zeit, denn: „Grüner wird‘s nicht“ – mahnt uns Kathrin Hartmann. Sie zeigt eindringlich auf, dass zwischen Erkenntnis der Problemlagen und notwendigen Maßnahmen eine große Lücke klafft. Die in diesem Zwischenruf nur angedeuteten Zusammenhänge von Umweltkrise und Gesellschaftskrise werden in dem sehr empfehlenswerten Buch eingehend reflektiert: Kathrin Hartmann: Grüner wird‘s nicht: Warum wir mit der ökologischen Krise völlig falsch umgehen; Blessing-Verlag, München 2020.

Aber nicht vergessen: nach der Lektüren folgt das Handeln!

Es folgt eine Anzeige unseres Unterstützers: https://wasistesdirwert.bio/