Rezension

Umweltthemen in der Kinder- und Jugendbuchliteratur

„Tannenmeiseneier sind mein Leibgericht“

Mit dieser gut gelaunten Botschaft wird ein Junge in „Töffi, Schwurliwupp und die kleine Elfe Melusine“ konfrontiert, der mit einem Eichkater auf Elfengröße geschrumpft im Wald unterwegs ist. Die Natur in Form von Tieren und Blumen wurde in der Kinder- und Jugendbuchliteratur häufig herangezogen, um die pädagogischen Anliegen der Autor*innen zu vermitteln. In aktuellen Texten präsentieren sich die jungen Protagonisten eher eigenständig und selbstbewusst, nicht selten als Umweltrebellen.

Susanna Allmis-Hiergeist

Der Eichkater leckt sich in der eingangs zitierten Erzählung genüsslich den Bart. Er habe nur ein Ei erwischt und das wäre auch schon halb ausgelaufen gewesen. Dem leicht schockierten Töffi hält er entgegen, dass auch die Menschen den Hühnern die Eier wegnehmen und Schweine, Rinder und Enten züchten, um sie hinterher zu verschlingen. Dieser Text ist aus dem Jahr 1937. Dem vorangegangen sind frühere romantische Sichtweisen, in denen Natur und Kindheit in viel stärkerem Maße idyllisiert und sentimentalisiert werden. Blumen wie Kinder werden in den Zusammenhang von „wachsen und gedeihen“ gestellt. Vorbildhaft ist allerdings nicht der wilde und etwas struppige Naturgarten, sondern die von gärtnernder Hand gepflegte quasi erzogene Pflanzenwelt.

Blumenmädchen

Wünschenswerte Tugenden wie etwa Bescheidenheit, Demut und Unschuld, insbesondere bei jungen Mädchen, werden durch Blumen illus- triert. Mitunter findet sogar eine Metamorphose von der Blume zum Mädchen statt. Im Märchen von dem Myrtenfräulein von Clemens von Brentano wächst eine junge Frau in der pflanzlichen Hülle eines Myrtenbäumchens auf. Die Liebe des örtlichen Prinzen lockt sie mit dem Zauber des Augenblicks in die menschliche Gestalt. Neid und Missgunst von Rivalinnen führen zu grausamen Misshandlungen, aber ihr bleibt der Rückzug in die Pflanzenform, die nach und nach die zugefügten tödlichen Verletzungen heilt. Erst als die Erde die Missetäterinnen verschlungen und sie in gemeines Kraut verwandelt hat, tritt die junge Frau endgültig ins menschliche Leben.
Ansätze, den kindlichen Lesern einen eigenen liebevollen und sorgsamen Umgang mit der Natur zu vermitteln, finden sich in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in den Büchern von Sophie Reinheimer. Im Blumenhimmel klagt das Gänseblümchen, dass ihm beim Orakelspiel „Sie liebt mich, sie liebt mich nicht“ die Blütenblättchen ausgerissen werden, der Kaktus wird überwässert und friert. Im Blumenhimmel werden die Pflanzen von Engelskindern fachgerecht aufgepäppelt und die Leser*innen bekommen erste Vorstellungen, wie die Natur ökologisch sinnvoll zu behandeln sei.

Im Räderwerk

Mit der forcierten wirtschaftlichen Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg rückt verstärkt die Bedrohung der Natur durch große Konzerne und die industrielle Produktion in den Fokus. Ein hinreißend gezeichnetes Beispiel ist Frank Tashlins The bear that wasn’t. Die Wildgänse fliegen in Richtung Süden, der Bär begibt sich in seine Höhle zum Winterschlaf. Als er im Frühling erwacht, findet er sich inmitten einer inzwischen oberhalb seiner Höhle gebauten Fabrikwelt mit rauchenden Schloten. Nacheinander versuchen der Aufseher, der Vorarbeiter, der Personalchef und der Direktor das herumirrende Tier zur Arbeit anzuhalten, das treuherzig zu bedenken gibt: „Aber … ich bin ein Bär.“ Und stets bekommt er zur Antwort: „Du bist kein Bär. Du bist ein verrückter Nichtsnutz in einem Pelzmantel, der sich mal rasieren müsste.“ Schließlich steht er wie in Chaplins Moderne Zeiten zwischen anderen Arbeitern in einer Zahnradwelt.
Dann wird die Fabrik dichtgemacht. Wieder fliegen die Wildgänse nach Süden, der Winter kommt und der Bär fühlt sich allein und fehl am Platz. Aber bald zieht eine wohlige Wintermüdigkeit auf und in der kuscheligen Schlafhöhle wird das Leben im industriellen Räderwerk einfach weggeträumt. Im Jahr 1976 erschien eine nachempfundene Übersetzung in deutscher Sprache mit neuen Illustrationen (Der Bär, der ein Bär bleiben wollte). Anders als im Original, möchte der aus der Fabrik entlassene Bär nach ziellosem Herumirren in einem Motel übernachten. Man teilt ihm mit, man beherberge keine unrasierten Nichtsnutze und schon gar keine Bären. In dieser Version belehrt der Mensch das Tier über dessen eigentliches Selbst, die heilenden Kräfte der Natur treten in den Hintergrund.

Vernetzte Welten

Ab Mitte der 70er- / Anfang der 80er-Jahre werden auch Umweltverschmutzung, Waldsterben sowie die Atompolitik zum Thema. Heute kaum mehr begreiflich ist die damalige Kontroverse um Gudrun Pausewangs 1987 nach dem Störfall von Tschernobyl erschienener Jugendroman Die Wolke. Darin wird das fiktive Schicksal einer 14-Jährigen erzählt, die durch einen Reaktorunfall im AKW Grafenrheinfeld zu einem Strahlenopfer wird. Die drastischen Bilder von den Zuständen nach der Katastrophe, die Dystopie, sollten einen „heilsamen Schock“ hervorrufen. Die Wolke war seinerzeit für den Deutschen Kinder- und Jugendbuchpreis nominiert worden. Politische Stimmen versuchten die Verleihung zu verhindern, allerdings ohne Erfolg.
Entsprechend der komplexer werdenden gesellschaftlichen Diskussion fächern sich die Themen auch in der Kinder- und Jugendbuchliteratur in den letzten Jahren weiter auf. Bedrohte Lebensräume weltweit werden ausgeleuchtet, aber globale Handlungsmöglichkeiten bieten auch neue Chancen. Im Tierhandel-Internet-Krimi Salamander im Netz von Elisabeth Honey nutzen Jugendliche ihre weltweite Community, um Tierschmuggler über ihre fiktive Internet-Firma „Salamander Importe“ in die Falle zu locken und zu stellen.
Aktuell ist die Fülle der Titel, die sich mit den Themen Klima und Umwelt beschäftigen, fast nicht zu überschauen. Zum Teil werden ökologische Probleme zur Hintergrundkulisse für einen spannenden Plot. Die jugendlichen Aktivist*innen beginnen, die Grenzen des Legalen zu überschreiten, weil sie die Erwachsenenwelt für wenig konsequent halten, werden aber in der Regel in den akzeptierten Verbund aus Demos und Bürgerinitiativen zurückgeführt.

Umweltthemen sind im kinderliterarischen Mainstream angekommen. Das bewirkt aber offenbar auch, dass neue spannende Erzählformen, die nicht nur belehren wollen und durch multiperspektivische Ansätze Denk- und Handlungsspielräume ausloten, heute eher in Büchern mit gesellschaftlich weniger etablierten Themenfeldern erprobt werden. Es bleibt die Freude, die poetisch und gegen den Strich gebürsteten Geschichten des 90-jährigen Janosch neu zu lesen und Tiger und Bär auf dem Weg nach Panama zu folgen. „Ich sehe“, sagte der Tiger, „dort irgendwo Land.

Erschienen in BUZ 4_21