Nachhaltigkeit

Ökologische Spuren in lettischen Volksliedern

Die Natur als Lehrmeisterin der Letten

Gottes reiche Welt
Voll kleiner Wiegen,
Schaukelst du eine,
Schaukeln alle mit.

Andrejs Urdze

Lettland ist ein kleines Land, in dem die Letten über viele Jahrhunderte unter der Vorherrschaft anderer Völker und Staaten standen und so noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts zum größten Teil als Leibeigene zum Bauernstand gehörten. Dementsprechend gab es zwei Kulturebenen – eine hauptsächlich von der deutschen Oberschicht geprägte Hochkultur und eine bäuerliche lettische Volkskultur. Das wichtigste identitätsstiftende Element darin waren die Volkslieder als Verkörperung des von den Vorvätern überlieferten Erbes.

Väter Väter bauten Stege,
Kindes Kindern zum Geleit.
So geht achtsam darauf rüber,
Dass sie gehen nicht zu Bruch.

Tēvu tēvi laipas meta
Bērnu bērni laipotāji.
Tā bērniņi laipojiet,
Lai laipiņas nesalūza.

In den 1,2 Millionen gesammelten lettischen Volksliedern, die mittlerweile auch zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören, sind alle Lebensbereiche von der Wiege bis zur Bahre festgehalten, die gesamte Lebensart der Letten, ihre frühe Religion, ihre Mythologie, ihre Moral und Ethik. Man kann diese als eine Enzyklopädie des lettischen Volkslebens betrachten. Dies gilt auch für ihr Naturverständnis.

Man weiß um die Schönheit der Natur, gerade in ihrer Lebendigkeit und Vielfalt.

Freue dich, freue dich,
Gott gab uns den Sommer,
Jeder Blume ihren Duft,
Um dich zu betören.

Gerade die Gottesgestalt, die meistens im Deminutiv als Gottchen angesprochen wird, ist in der lettischen Mythologie achtsam und einfühlsam sowohl gegenüber Mensch wie Natur.

Behutsam fuhr mein Gottchen
Von dem Berg ins Tal hinab,
Störte nicht der Bäume Blühte,
Noch das Pflügers Rösselein.

Jeder Pflanze, jedem Lebewesen wird eine eigene lebendige, schmerzempfindliche Seele zugesprochen.
Diese kommt besonders in den Blüten von Pflanzen zum Ausdruck.

Stiefmutter schickt mich
Den Apfelbaum zu brechen.
Oh Gott weiße Blüten,
Heiße Tränen fließen herab.

Stiefmutter schlug mich
Mit einem Apfelzweig.
Gott soll dich strafen,
Brachst du den Apfelzweig.

Es werden nicht die Schläge der Stiefmutter beklagt, sondern das Vergehen an der Natur. Der Mensch versteht sich als ein Teil der Natur, in deren Gesetze er sich einzufügen hat.

Mädchen brecht, was immer ihr brecht,
Doch niemals die Spitze des Bäumchens,
Die Spitzen seien bewahrt,
Für der Vögel Gesang.

Man weiß um die Notwendigkeit der Bewahrung der Natur, man ist sich bewusst, dass alles mit allem zusammenhängt, dass auch kleine Ursachen große Auswirkungen haben können, dass ein jeder Verantwortung für das Ganze trägt, wie dies in dem eingangs angeführten Lied wunderbar zum Ausdruck kommt.

Die belebte Natur, die nützlichen und schädlichen Wesen – alles wird gleichermaßen von einem freundlichen, wohlwollenden Licht bestrahlt.

Oh du schwarzes Käferchen,
Gib dem Ackermann frei den Weg.
Der Ackermann hat schwere Füße,
Trägt er Mist doch an den Schuhen.

Das Volkslied lehrt den Menschen, das Gleichgewicht nicht zu verletzen, nicht mehr Platz einzunehmen als er braucht. Es zeigt, dass gerade in dem Kleinen das Große, das Schöne und Gute zu finden sein kann.

Klein ist mein Haupt,
Voll guten Willens:
Klein ist mein Acker,
Voll reifer Früchte.

Volkslieder begleiten Letten durch ihr Leben. Die Lieder dienen ihnen als Orientierung und Wegweiser vor allem in den zwischenmenschlichen Beziehungen, aber weisen auch auf eine tiefe wechselseitige Beziehung zwischen Mensch und Natur hin.
Bereits Johann Gottfried Herder schrieb 1815 in seiner Sammlung Stimmen der Völker in Liedern: „Die Dichtkunst und Musik der Letten ist besonders und zeugt von der Natur, die ihr Lehrmeister gewesen ist und noch ist.“

Dziedot dzimu,
Dziedot augu,
Dziedot mūžu nodzīvoju.

Singend bin ich geboren,
Singend bin ich aufgewachsen,
Singend habe ich mein Leben durchlebt.

Erschienen in BUZ 4_21