Gesellschaft,  Nachhaltigkeit

Ein Projekt von Abenteuer Lernen e. V. und BIO-Diverse

Wilde Natur in der Stadt

„Stadtwildnis – Biodiversität und Bildung für nachhaltige Entwicklung“ heißt ein Projekt von Abenteuer Lernen e. V. und BIO-Diverse. Es will die Bonner*innen für die urbane Naturwildnis um die Ecke sensibilisieren und im Sinne der Bildung für nachhaltige Entwicklung dazu beitragen, der zunehmenden Naturentfremdung durch Naturerfahrung entgegenzuwirken. Gefördert wird das Projekt von der Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen, der Deutschen Postcode Lotterie und der HIT Umwelt- und Naturschutz Stiftungs-GmbH.

Carmen Planas

Matschen, Buden bauen, auf Bäume klettern, Verstecke im Gebüsch. Kinder lieben das. Doch wo können sie das in der Stadt erleben? Stattdessen: „Bleibt auf den Wegen. Pflückt nichts ab. Lasst den Baum in Ruhe.“ Für Stadtkinder gibt es viele Regeln und Verbote in der Stadtnatur, wie sie etwa Parks bieten. Wächst auf diese Weise in Städten eine Generation heran, der die Natur zunehmend fremd wird? Und gilt diese Naturentfremdung auch für Jugendliche und Erwachsene, die in Deutschland überwiegend in Städten leben?

Unentdeckte Wildnis in der Stadt

Das müsse nicht sein, meinen die Bonner Organisationen „Abenteuer Lernen e. V.“ und „BIO-Diverse“. Denn auch in der Stadt gebe es eine Wildnis, die oft unentdeckt bleibe. Um das zu ändern, haben Abenteuer Lernen e. V. und BIO-Diverse das Kooperationsprojekt „Stadtwildnis – Biodiversität und Bildung für nachhaltige Entwicklung“ entwickelt. Mit dem Projekt wollen sie die „Menschen durch spannende Bildungsangebote für die ‚wilde Natur‘ in der Stadt sensibilisieren und begeistern“. Es soll um nachhaltige Bildungsprozesse in Bonn gehen, die die bedrohte Biodiversität in den Mittelpunkt stellt. Die Zielgruppe: Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Pädagog*innen und Multiplikator*innen.

Bonner Pflanzenvielfalt erkunden

Die Informationen für die zahlreichen Stadtwildnis-Kursangebote stehen unter www.
abenteuerlernen.org schon online. Es sind Angebote, bei denen Kindergartenkinder mit kleinen Spaziergängen die Tiere und Pflanzen ihres Wohnortes kennen lernen. Grundschulkinder können zum Beispiel das wilde Leben auf dem Schulhof erkunden. Und ältere Schüle*innen können etwa die Vielfalt von Tieren und Pflanzen der Düne Tannenbusch entdecken, hier nach Wildnis suchen und versuchen zu klären, was man unter Wildnis versteht. Für Erwachsene und Familien gibt es zum Beispiel das Angebot, die Pflanzenvielfalt in Bonn zu erkunden. Welche wachsen wild und welche Bedeutung haben sie?

Miteinander sprechen

Ziel des Projektes „Stadtwildnis“ ist es auch, mit Akteur*innen aus Wissenschaft und Bildung, Natur- und Umweltschutz, Politik und Verwaltung in einen Dialog einzusteigen.
Da gab es zum Beispiel schon den Workshop „Mehr Stadtwildnis für mehr Naturerfahrung?“, bei dem im November die verschiedensten Akteur*innen gemeinsam am Videokonferenz-Tisch saßen. Hier berichtete etwa Sandra Krueger vom Amt für Umwelt und Stadtgrün der Stadt Bonn über Aktivitäten der Stadt im Hinblick auf Biodiversität. Und Monika Hachtel von der Biologischen Station Bonn/Rhein-Erft erinnerte an das Projekt „Wilde Ecken in Bonn“, bei dem kleine Naturflächen wie Säume, Wegränder oder Mauern in Bonn erfasst wurden. Zehn typische Standorte erhielten Infotafeln. Die Broschüre hierzu gibt es noch zum Herunterladen unter www.biostation-bonn-rheinerft.de.

Kinder und Naturerfahrungen

Wie wichtig sind Naturerfahrungen für das Aufwachsen von Kindern? Auch diese Frage stand im Mittelpunkt der Diskussion. Die Natur sei ein guter Ort für ein gutes Leben, meinte Ulrich Gebhard, Professor an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld. Der wesentliche Wert von Naturerfahrungen bei Kindern sei die Freiheit, das freie Spiel, so Gebhard. Er plädierte insbesondere für ein freies Spielen in der Natur ohne pädagogisches Arrangement. Wenn Natur verordnet würde, könnte das ein Problem sein. Das sollten alle bedenken, die in diesem Sinne Bildung für nachhaltige Entwicklung zielgerichtet einsetzen. Denn wichtig sei es, so Gebhard, dass Kinder positive Naturerfahrungen machen könnten. Diese seien bedeutsam für ihr späteres Umweltverhalten.

Werben für mehr Stadtwildnis

Und wo gibt es in Bonn die Orte für wilde Naturerfahrungen, für Stadtwildnis? Eine gute Karte wäre hier überaus hilfreich, da waren sich die meisten Teilnehmer*innen des Austausch-Workshops einig. Konsens war auch, dass man in Bonn für die Bedeutung von wilden Naturflächen und -ecken werben müsse, denn bei vielen Bewohner*innen sind sie durchaus nicht erwünscht, gelten als ungepflegt und unordentlich. Dass sie auch einen erheblichen Beitrag für die Bewahrung der biologischen Vielfalt leisten und für den Klimaschutz, ist oftmals vielen nicht bewusst. Die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, die sich die Organisatoren des Projektes „Stadtwildnis“ vorgenommen haben, wird sicherlich auch in diesem Sinne handeln müssen.

Erscheinen in der BUZ 1_22