Nachhaltigkeit

Die NOT-WENDE

Die Erde, die Natur und wir – wie geht es mit uns weiter?

Wer wach um sich schaut, sieht viele Stellen auf der Erde, wo Menschen direkt Natur zerstören oder mit Tieren so umgehen, dass diesen unendliches Leid zugefügt wird. Ein Umdenken muss weltweit beginnen – wo und wie können wir anfangen?

Ingeborg Renckendorf, Greenpeace Bonn

Der Begriff Artenvielfalt ist leider heute in Gefahr, zur Phrase zu werden, die auf Gemüsesorten ebenso wie auf Korallenriffe angewendet wird und die für viele Menschen wohl nichts Aufregendes mehr bedeutet.
In der Tat stehen wir aber vor einem brennenden Scheiterhaufen, ob wir es merken oder nicht und ob wir es wollen oder nicht. Ich brauche es nur anzudeuten: Zerstörung im Amazonas und in allen anderen Tropenwäldern, an Korallenriffen im Atlantik ob Freiwasser oder Meeresboden, durch industrielle Landwirtschaft, industrielle Forstwirtschaft auch in den nördlichen Wäldern, Zerstörung der Moore, Vermüllung unter anderen mit Plastik und so weiter.
Kurz: Die Tier- und Pflanzenwelt der Erde steuert auf einen irreversiblen Zusammenbruch zu, dessen Verursacher wir Menschen sind.
Wollen wir wegschauen? Zuschauen? Überhaupt schauen?
Wir stehen an einer Schwelle vor Entscheidungen und wie an vielen anderen Stellen auch, vor der Not-wendigkeit, einer „Wende aus der Not“.
Neben vielen anderen not-wendigen „Wenden“ ist die Frage, ob wir es schaffen, eine neue Haltung der Natur gegenüber den Pflanzen und Tieren gegenüber zu gewinnen. Die bisherigen Ziele sahen vielfach vor, die Naturwesen zu benutzen, von ihnen zu ernten, dabei größeren finanziellen Gewinn zu machen, zu beseitigen, was stört, manche auszurotten mit oder ohne Bewusstsein gedankenlos zu konsumieren, Arbeit zu sparen, Bequemlichkeiten nachzugeben, kurz nach unserem Belieben mit allem umzugehen, was lebt.
Eine neue Haltung wäre die Naturwesen, um ihrer selbst willen zu beachten, sich für sie zu interessieren, sie zu unterstützen und sorgfältig zu behandeln, sie zu pflegen und zu schützen. Es ginge darum, manches einfach wachsen zu lassen oder leben zu lassen, vielleicht auf irgendwelche Vorteile zu verzichten oder etwas Arbeit aufzuwenden, um Lebewesen bis hinunter zu den Bodenorganismen zu schonen oder zu heilen. Abgesehen davon, dass laut Grundgesetz Art. 20a der Staat die Tiere schützt, besteht für jeden von uns die Möglichkeit, sie für beseelte Wesen zu halten, die Gefühle haben und leiden können in den vielen Situationen, in die wir sie bringen. Die Landwirtschaft sollte hier nicht ausgenommen sein, so wenig wie die Pelzindustrie.
Es wäre dies eine Bewusstseinswende, die auch für uns selbst eine wohltuend bereichernde Wirkung hätte und wo jeder auf seine Art beginnen könnte, anstatt ewig darauf zu warten, dass Andere etwas tun.

Erschienen in der BUZ 3_21