Gesellschaft,  Rezension

Deutschland – Ein strahlendes Land?

FILMREZENSION

Mit dem Geigerzähler unterwegs

„Ist das nun eine rhetorische Frage oder geht es um Erkenntnisgewinn?“, lässt sich die deutlich gereizte Stimme eines Staatssekretärs aus einer früheren Besetzung des NRW-Umweltministeriums vernehmen. Anlass sind Dreharbeiten eines Teams um den Journalisten Marvin Oppong, das mit dem damaligen Minister Remmel und seinen Mitarbeitern über den Umfang des Transports von Castor-Behältern durch das Land NRW sprechen möchte. Castoren im Gelände des Bahnhofs Bonn-Beuel hatten dem freiberuflich arbeitenden Oppong die Idee geliefert, dem Gefahrenpotential solcher Transporte und von weiteren möglicherweise strahlenden Altlasten in Deutschland auf den Grund zu gehen. Das Ergebnis seiner Recherchen liegt nun in Form eines Films vor, der am 12.Juni 2019 seinen Kinostart in der neuen Filmbühne hatte.

Susanna Allmis-Hiergeist

Um es vorweg zu nehmen: die traditionellen Atomkraftgegner im Premierenpublikum wirkten am Ende des Films ein wenig mürrisch, denn Strahlendes gemessen wurde im Verlauf des Filmes eher wenig – was im Grunde auch wieder nicht so überraschend ist: denn wo man autorisiert oder unautorisiert den Geigerzähler in Stellung bringen kann, strahlt wenig und kritischere Bereiche sind (auch mit gutem Grund) gut eingezäunt und abgeschottet. Ausnahmen gibt es aber schon.

Die Route

Für die Bonner unmittelbar interessant, weil benachbart, sind die Abstecher zu einer Sondermülldeponie in Troisdorf-Spich und zur Kernforschungsanlage Jülich. In Jülich lagern 152 Castorbehälter aus dem Versuchsbetrieb eines 1988 stillgelegten Hochtemperaturreaktors. Wegen fehlender Nachweise bezüglich der Erdbebensicherheit dieses Zwischenlagerstandortes besteht seit 2014 eine Räumungsanodnung, die bisher nicht umgesetzt wurde.

Auch wenn am Zaun keine erhöhte Strahlung messbar ist, sitzt die Region am Rande des seismisch kritischen Rheingrabens ohne Entwarnung der Geologen auf einer Zeitbombe. Über 10 Jahre zurück führt der Film zu brisanten Vorfällen in der Umgebung des AKW Krümmel, zum Atomforschungszentrum Geesthacht. Eine örtliche Aktivistin berichtet von einer weit über das erwartbare Mass hinausgehenden Anzahl von Läukemiefällen bei Kindern um das Jahr 2007. Nach damaligen ZDF-Recherchen hätte ein Brand zum Entweichen von Radioaktivität geführt haben können – allein, ein von Oppong befragter Feuerwehrmann aus dieser Zeit kann sich an kein solches Ereignis erinnern.

Auch von Kernwaffenexperimenten im Forschungszentrum Geesthacht verbunden mit der Freisetzung von Plutonium ist die Rede, alles nicht zu beweisen, Fragen zur aktuellen Situation werden behördlich abgeblockt.

Unbehagen

Richtig spannend wird es dann in Thüringen und Sachsen, wo zu DDR-Zeiten durch die Firma Wismut in großem Stil Uran abgebaut wurde. Zahlreiche Altlasten wie Schachtanlagen und Abraumhalden sind aus dieser Zeit zurück geblieben. Nicht jedes verkaufte Grundstück ist auch dementsprechend kartografiert und als potentiell belastet ausgewiesen. Bei einer offiziellen Führung haben die Sicherheitsingenieure wie immer alles im Griff, aber im sächsischen Freital wird das Problem deutlicher: in unmittelbarer Umgebung einer ehemaligen Schachtanlage wurde trotz Bedenken der Eltern eine Kita gebaut, auf einer benachbarten Wiese kann das Team von Oppong tatsächlich erhöhte Strahlungswerte messen. Lakonischer Kommentar eines örtlich Verantwortlichen: „Hier strahlt es doch überall.“

Trotzdem das Projekt laut Oppong als lockerer Dreh angelegt ist, bleibt am Ende des Films bei mir Unbehagen. Nicht nur wegen des sich aufdrängenden Verdachts unsauberer Geschäfte, Interessensverquickungen und nicht enden wollender Vertuschungen – sondern auch wegen der vielen durch überzogene oder nur unbeholfene Reaktionen von Mitarbeitern oder Beauftragten der Atomindustrie provozierten Lacher im Publikum. Irgendwie werden sie als Laiendarsteller mit ihrer üblen Laune, mit der sie die eigentlich Verantwortlichen wohl oder übel abschirmen müssen, auch vorgeführt.

Und das Fazit: Dass es aktuell gar nicht so stark strahlt in Deutschland. Aber das wäre dann immerhin auch eine gute Erkenntnis. Nähere Informationen und weitere Filmvorführungen unter: www.einstrahlendesland.de.