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Unter Leuten

Verlorene Orte in bella italia


Walter Rodenstock


Walter Rodenstock ist für Recherchearbeiten am Thema „Lost Places“ zu unserer italienischen Kollegin Rebecca Borgo gefahren. Unser Fotograph Jens Piepenbringk ist – neugierig wie wir ihn kennen – gleich mit.

Rebecca: Ich bin immer wieder beeindruckt von der Dimension der verlassenen Orte. Es geht nicht mehr nur um einzelne Standorte, sondern ganze Dörfer oder zumindest größere Ortsteile sind betroffen.

Campo Brenzone – verlassener Ort im Aufbruch.
Foto/Quelle: www.gardasee.it/de/brenzone/

Rodenstock: Das Ausmaß war es, was mir die Sprache verschlagen hat. Vieles sah auf ewig verlassen aus. Die Vergangenheit war so allgegenwärtig, von Hoffnung und Zukunft kein Hauch.

Jens: Aber das Morbide hat ja auch seinen ästhetischen Reiz. Es ist ja nicht immer gleich baufällig, wenn die Gebäude verlassen sind. Aber das Phänomen ist auch nicht neu. Bereits in den 60er Jahre trat eine Flucht in die großen Städte ein und die ländlichen Regionen entvölkerten sich. Man darf sich nicht täuschen, hinter den bröckelnden Fassaden gibt es vielerorts lebendiges Leben. In Italien geht man mit der Vergangenheit ganz anders um. Was wir Deutsche als Vernachlässigung wahrnehmen, ist hierzulande Respekt vor der Vergangenheit. Überall ist das Mittelalter gegenwärtig.

Rebecca: Das erklärt, warum selbst beeindruckende Bauwerke in vernachlässigtem Zustand sind. Es ist einfach zu viel gegenwärtige Vergangenheit. Den aufgegebenen Standorten oder Objekten eine neue Zukunft zu geben, wird in vielen Fällen durch bürokratische Verfahren erschwert; nicht selten sogar verhindert. Selbst nach Erdbeben dauert es viele Jahre bis mit staatlichen Fördermitteln aus den Ruinen neues Leben erwächst. So manche Katastrophenorte warten noch heute auf einen Wiederaufbau.

Hotel Ponale am Gardasee verriegelt und versperrt
Foto/Quelle: Adventoura Urbex auf youtube.

Jens: Ist es nun ein Akt der Verzweiflung oder eine clevere Marketingidee, dass in manchen kleineren Orten leerstehende Immobilien für ein Euro als symbolischer Preis angeboten werden? Voraussetzung ist allerdings: Die Erwerber*innen müssen sich bereit erklären, die erworbenen Objekte standortgerecht zu modernisieren. Doch der entscheidende Punkt ist die Kondition, dass die potenziellen Erwerber*innen bereit sein müssen, ihren Hauptwohnsitz in die neue Behausung zu verlegen.

Rebecca: Das ist der springende Punkt. Bei diesen Reakivierungsprogrammen geht es nicht nur um die bautechnische Sicherung historischer Bausubstanz. Vielmehr geht es darum, wieder neues Leben in die verloren geglaubten Standorte zu bringen.

Jens: Das sind zwei paar Schuhe; das zeigt sich in der sächsischen Stadt Görlitz. Dort wurde mit viel Städtebaufördermitteln ein surreal erscheinendes „Freilichtmuseum“ geschaffen. Als ich das letzte Mal da war, fielen mir die zahlreichen Fenster auf, hinter denen Pappfiguren Bewohner*innen imitieren und Leben suggerieren sollen. Als Fotograph habe ich da ein geschultes Auge für Inszenierung und gelebte Wirklichkeit.

Rodenstock: Zu unserer Wirklichkeit gehört auch Spekulation, genauer Bauspekulation. Auf dem Weg hierher in die Toskana habe ich noch mal Zwischenstation am Gardasee gemacht. Dort habe ich ein beeindruckendes Objekt von „Lost Places“ gesehen: ein Hotelkomplex aus den 20er-Jahren, der seit vielen Jahren leer steht, verkommt und als touristische Attraktion gilt. Es gibt von diesen ungenutzten Objekten zahlreiche.

Einige davon sind Spekulationsruinen, andere ungeklärte Besitzverhältnisse, so manche vermuten Mafia-Investitionen. Alles spannend nachzulesen unter: Vogler, M.: Lost Places, Plaza 2017. Bruckmann, Benedikt: Lost und Dark Places, Bruckmann-Verlag 2023. Hoecker, Bernhad: Lost Places in Deutschland.Riva 2017.

Aufgelassene Psychiatrie in Volterra.
Foto: Sven Fennama

Jens: Für mich sind das Lieblingsprojekte, es gibt gute Bilder für Publikationen. Ich war auch am Gardasee. Faszinierend ist dieser surreal erscheinende Baukomplex Ponale Hotel unmittelbar an der Steilküste des Gardasees. Im Gegensatz zu dir war ich sogar in die Ruine geklettert; ist verboten – ich weiß. Ganz anders, aber ebenfalls geheimnisvoll ist der verlassene Ort Campo di Brenzone, von einigen Besucher*innen auch als „Geisterort“ bezeichnet. Man taucht mit wenigen Schritten in eine andere Zeit ein. Eine vergangene Wirklichkeit. Aber im Gegensatz zu dem Hotelkomplex, hat das verlassene Dorf eine Zukunft. Ein Verein hat den Komplex aufgekauft und haucht den Gebäuden nun wieder Leben ein. Es finden Besichtigungen statt und diese Aufmerksamkeit ist eine Geburtshilfe für einen Neuanfang in diesen Ruinen.

Rodenstock: Ja, solche Projekte machen Mut. Auch wenn sie Zeit und Enthusiasmus verlangen, ist es die Mühe wert, auch über Zwischenlösungen zu erfolgreichen Projekten zu kommen. Zwischenlösungen für verlassene Orte eröffnen Potenziale für kreative Projekte. Wo geht es denn morgen hin?

Rebecca: Zur Vorbereitung auf unsere morgige Exkursion empfehle ich euch die Lektüre von Sven Fennema: Melancholia. Zauber vergessener Welten (2018). Ein Bildband zu den schösten „Lost Places“ in Italiens Süden. Einen besonderen Blick wirft er auf die vielen leerstehenden Gebäude früherer Psychiatrien. Eine davon werden wir besuchen. Psychiatrien sind in Italien bereits in den 80er-Jahren per Gesetz geschlossen worden. Also keine Sorge, wir besuchen nur die verwaisten Gebäude.

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