Neue Orte, altes Leben?
Neues Leben an vergessenen Orten lautet das Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe der Bonner Umwelt Zeitung. Davon inspiriert möchten wir uns dem Überlebenskampf alpiner Arten an „neuen Orten“ widmen und exemplarisch der Frage nachgehen, welche Auswirkungen der Klimawandel für die Flora und Fauna des größten hochalpinen Lebensraums im Zentrum Europas hat.
Björn Langer, Naturschutzreferent und 2. Vorsitzender
Europa ist der Kontinent, der sich laut Copernicus, dem Erdbeobachtungsprogramm der EU, derzeit am stärksten erwärmt. Laut den ausgewerteten Daten lag der Mittelwert 2024 bei einer Abweichung von 2,92 Grad über dem vorindustriellen Niveau, global sind es „nur“ 1,55 Grad. Ein Hotspot liegt in den Alpen: Österreich kommt beispielsweise im genannten Jahr auf 3,1 Grad.

Gämsen im Nationalpark Triglav, Slowenien. Foto: Björn Langer
Wer im Sommer 2025 in den Alpen unterwegs war, konnte beobachten, in welch rasantem Tempo sich diese Entwicklung auf die alpinen Lebensräume auswirkt. Manche Ereignisse machten selbst bei uns Schlagzeilen. Drei Beispiele: Anfang September vermeldete der Nationalpark Berchtesgaden, dass die Eiskapelle, ein gletscherartiges Altschneefeld am Fuß der Watzmann-Ostwand, eingestürzt sei. Ihr Ende war für die 2030er-Jahre erwartet worden. Fast zeitgleich erreichte Bergfreunde die Nachricht, dass die Eisverbindung zwischen Hallstätter und Schladminger Gletscher weggeschmolzen sei; um den Gletscherwanderweg zur Seethaler Hütte am Fuß des aus der ZDF-Serie „Die Bergretter“ bekannten Dachsteins weiterhin zu ebnen, wird seitdem regelmäßig eine Eisrampe zusammengeschoben, die von den Pistenraupen passiert werden kann. Und im Frühjahr sorgte der Felssturz am Bietschhorn in den schweizerischen Alpen, der das Dorf Blatten unter sich begrub, für Entsetzen. Klar ist: Als Einzelereignis ist dieser nicht direkt auf den Klimawandel zurückzuführen, doch in der zunehmenden Häufigkeit solcher Ereignisse lässt sich ein Trend ablesen, der einen Zusammenhang erkennen lässt.
Die Beispiele zeigen: Der Wandel hat Auswirkungen auf das Leben der Menschen in den Alpentälern, aber auch auf uns Bergsportler. Geänderte Bedingungen benötigen andere Tourenplanungen. Die Frage, ob die über mehr als ein Jahrhundert aufgebaute Infrastruktur aus Steigen und Schutzhütten immer und überall aufrechterhalten werden kann (oder sollte) – und, wenn ja, zu welchem Preis – ist noch nicht endgültig beantwortet. Eine Tendenz ist jedoch erkennbar: Eher nein.
Doch was bedeutet dieser Wandel für die oft hochspezialisierten Tier- und Pflanzenarten im Alpenraum?

Murmeltiere im Nationalpark Berchtesgaden, Deutschland. Foto: Björn Langer
Wir picken uns einige Beispiele heraus. Beginnen wir mit dem Gletscherhahnenfuß (Ranunculus glacialis). Der Name deutet schon darauf hin: Kälte macht ihm wenig aus. Die Blume steigt bis in Höhen von fast 4.300 Metern, besiedelt Schuttflächen oder klammert sich mit den Wurzeln in feine Spalten im Fels. Auf alpinen Rasen ist sie nicht konkurrenzfähig und wird sehr bald von anderen Arten verdrängt. Während durch die steigenden Temperaturen viele Pflanzenarten langsam aufwärts klettern – vegetationskundliche Untersuchungen weisen auf einen bis vier Meter pro Jahrzehnt hin -, ist dies beim Gletscherhahnenfuß nicht festzustellen. Der Grund: Derzeit profitiert er zwar noch vom Rückgang der Gletscher, wodurch neue Siedlungsräume freigegeben werden, doch an den meisten Orten, an denen er heute in den Sommermonaten blüht, geht es nicht mehr höher. Experten glauben jedoch auch nicht, dass der Gletscherhahnenfuß in den Alpen aussterben wird, da dieser sehr weit verbreitet ist. Das Risiko bei endemischen Arten, die nur in sehr begrenzten Gebieten vorkommen, sei dahingegen sehr viel größer.
Auf dem „ewigen“ Eis leben Gletscherflöhe (Desoria saltans). Die Springschwänze, die sich von sogenanntem Gletscherschlamm (ein Mix aus Staub, Polen und Pflanzenresten) ernähren, können dank eines körpereigenen Frostschutzmittels Temperaturen von bis zu -15 Grad Celsius problemlos überstehen, doch steigt das Thermometer über zwölf Plusgrade, bedeutet dies den Tod für das kleine Tierchen. Österreichische Glaziologen rechnen damit, dass die Alpenrepublik schon in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts quasi eisfrei sein wird. Auch wenn einzelne Schneefelder weiterhin die Sommer überdauern werden – die Situation erweist sich für den Gletscherfloh als lebensbedrohlich.
Bei der Wahl seiner Brutplätze zeigt sich der Schneesperling (Montiringilla nivalis) erstaunlich hitzeresistent. Von Natur aus baut der Hochgebirgsvogel seine Nester in kühlen Felsspalten. Neuerdings wachsen die Küken jedoch auch in Seilbahnmasten heran, die sich, der prallen Sonne ausgesetzt, stark erhitzen. Die adulten Tiere zählen mittlerweile zu regelmäßigen Besuchern zahlreicher höhergelegener Berghütten, wo sie sich, wenig scheu, über Brotkrümel der Gäste hermachen.
Weniger flexibel zeigt sich der Schneesperling jedoch beim Zeitpunkt der Brutablage. Das führt dazu, dass die Schneefelder, an deren Rand die Eltern das Futter für den Nachwuchs suchen – über den kalten Flächen erfrorene Insekten – mittlerweile häufig zu früh abgeschmolzen sind. In der Schweiz ist der Bestand seit den 1990er-Jahren um rund 15 Prozent zurückgegangen.
Ein ähnliches Problem haben Gämsen (Rupicapra rupicapra). Ihre Fortpflanzung wird über das Tag-Nacht-Verhältnis geregelt. So sind die Pflanzen zur Geburt der Kitze nicht mehr so nahrhaft wie noch vor wenigen Jahrzehnten. Hinzu kommt, dass die Säuger bereits bei Temperaturen von über 18 Grad die Nahrungsaufnahme einstellen, um zusätzliche Körperwärme durch die Verdauung zu vermeiden. Wo sie nicht mehr nach oben oder auf kühlende Schneefelder ausweichen können, suchen sie den Schatten in tieferen Lagen, nämlich im Bergwald. Forscher beobachten bereits Veränderungen im Körperbau und Verhalten, manche gehen davon aus, dass sich eine neue Art entwickeln könnte. So sind die „Waldbewohner“ kleiner, aber gleichzeitig schwerer als die Tiere, die auf den alpinen Matten nach Nahrung suchen, die Jungtiere werden bereits mit 18 Monaten geschlechtsreif, ein bis zwei Jahre früher als die Verwandtschaft der Hochlagen, die Herden bestehen aus weniger Tieren, bei Gefahr flüchten sie seltener, verstecken sich stattdessen im Bewuchs.
Das Murmeltier (Marmota marmota) kann zweifellos als DER Sympathieträger der alpinen Fauna bezeichnet werden. Doch sein Überleben ist nicht gesichert. Der Säuger verzieht sich an heißen Tagen in seinen kühlen Bau, beschränkt die Nahrungssuche auf die Morgen- und Abendstunden. In der Folge fehlt die energiespendende Fettschicht im Winter. Es mag paradox klingen: Die Tiere sterben ausgerechnet während der kalten Jahreszeit in einer immer wärmer werdenden Welt.
Wer in bewegten Bildern erfahren möchte, welche Folgen der Klimawandel für die alpine Fauna und Flora hat, dem sei die DAV-Produktion „Was kommt, wenn der Gletscher verschwindet?“ empfohlen. Der 25-minütige Film beleuchtet, wie sich das schmelzende Eis auf einzelne Arten und ganze Lebensräume auswirkt.
Weitere Folgen beschäftigen sich mit der Frage nach der Zukunft der alpinen Infrastruktur („Was tun, wenn das Wasser verschwindet?“ und des Bergsports („Was passiert, wenn der Berg bröckelt?“). Zum Anschauen den QR-Code scannen, alternativ: www.alpenverein.de > Klimaschutz > Klimawandelfolgen in den Alpen (Beitrag vom 9. September 2025).
In der ersten Jahreshälfte 2026 planen wir zudem drei Filmabende in der Geschäftsstelle, an denen wir die einzelnen Folgen unseren Mitgliedern zeigen, um anschließend darüber zu diskutieren.
Mehr Infos zu den Gämsen finden Interessierte im Aufsatz „Der Wald ruft. Wie die Gams zu einer neuen Art werden könnte“ von Karoline Schmidt, nachzulesen im Alpenvereinsjahrbuch „Berg 2026“.
Dieses kann im Buchhandel bestellt werden, Alpenvereinsmitglieder erhalten bei der Order im DAV-Shop die Alpenvereinskarte 36, „Venedigergruppe“, kostenlos dazu. Infos zur Mitgliedschaft unter www.dav-bonn.de oder mittwochs von 17 bis 21 Uhr in der Sektions-Geschäftsstelle in der Gottfried-Claren-Straße 2.
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