Gute Zukunft in Tannenbusch

Tannenbusch hat im Allgemeinen einen nicht so guten Ruf, es gibt eine verallgemeinernde Meinung mit manchen Vorurteilen. Doch das Potential und die Bemühung seiner Menschen, Gutes zu bewirken, werden unterschätzt.
Es ist beeindruckend, was dieser Stadtteil mit und für Menschen aus 117 Nationen zu bieten hat, um eine Gemeinschaft von Menschen verschiedenster Herkunft aufzubauen und eine Heimat zu finden.


Esther und Andreas Reinecke-Lison


Tannenbusch besteht aus „Alt-“ und „Neu“-Tannenbusch. Alt-Tannenbusch entstand in den frühen 1930er Jahren als Siedlung kleiner Einfamilienhäuser für sozial schwache Familien, die von der Stadt dazu verpflichtet waren, in ihren Gärten Obst und Gemüse zur Selbstversorgung anzubauen. Neu-Tannenbusch entstand erst Anfang der 1970er Jahre. Erschaffen wurde der Bonner Stadtteil mit den meisten Einwohnern, um eine damalige Wohnungsnot zu lindern. Wie in vielen anderen Hochhaussiedlungen der Welt fanden auch hier mit der Zeit ungute Entwicklungen statt. Tannenbusch insgesamt bekam einen schlechten Ruf.
2010 wurde Neu-Tannenbusch in die Förderung des Städtebauförderungsprogramms „Soziale Stadt“ des Bundes aufgenommen. Das setzte eine Reihe von städtebaulichen Projekten in Gang.
Damit wird sozial benachteiligten Menschen aber noch keine soziale Teilhabe in Gleichberechtigung ermöglicht. Der aktuelle „Sozialbericht zur Lage der Stadt“ belegt dies eindrücklich. Es erfordert auch Veränderungen für Menschen, die eine Offenheit dem anderem gegenüber voraussetzen. Wir möchten hier einige Initiativen und Menschen vorstellen, die diesen Stadtteil vielfältig und lebenswert machen wollen, für eine solidarische und zukunftsfähige Gesellschaft.

Nachbarschaft

Das Haus Vielinbusch bietet allen Interessierten, unabhängig von Herkunft, Bildung oder Gesundheitszustand einen unkomplizierten Zugang zu Bildung, Beratung und Begegnung an. Es gibt Angebote, Deutsch zu lernen oder sich über Umwelt und Klimaschutz austauschen. Beratungen können in zwölf Sprachen erfolgen. Ein Berater ist Hani Salim, der seit 1979 mit seiner Familie in Bonn lebt und vor seiner Rente als Programmierer tätig war. Er hilft beim Ausfüllen von Formularen, Behördengängen oder Arztbesuchen. Er spricht Deutsch, Englisch und Arabisch, aber „bei unseren Treffen spreche ich ausschließlich Deutsch mit den Menschen. So sollen sie Hemmschwellen abbauen und sich an die Sprache gewöhnen“.

Demokratie und Toleranz

Saloua Mohammed ist Sozialpädagogin und arbeitet als Wissenschaftlerin. In Neu-Tannenbusch aufgewachsen, engagiert sie sich hier seit mehr als 20 Jahren ehrenamtlich als Streetworkerin für sozial benachteiligte Jugendliche gegen Rechtsextremismus und Salafismus. Anfeindungen gegen ihre Arbeit sind für sie „Meinungsfreiheit, ein hoch geschätzter Wert in unserer Gesellschaft.“ Sie unterstützt Jugendliche, die Schule abzuschließen oder einen Ausbildungsplatz zu erhalten. Mit Respekt für den Menschen und dessen Lebenslage werden in vertrauensvoller Zusammenarbeit Lösungen entwickelt, statt sie aufzuzwängen. 2023 wurde sie als „Botschafterin für Demokratie und Toleranz“ von Bundespräsident Steinmeier ausgezeichnet.

Fünf Säulen

Ramy Azrak ist Diplom-Sportwissenschaftler und Anti-Diskriminierungstrainer. Er leitet die Doktor-Moroni-Stiftung, die Jugendlichen aus schwierigem sozialen Umfeld Bildung, Teilhabe und Gesundheit in Demokratie und Vielfalt ermöglichen will. Angeboten werden unter anderem Hausaufgabenhilfen, politische Bildung und Sportevents. Die müssen sie teilweise selbst organisieren, um zu lernen, Verantwortung zu übernehmen, um „ihre Potenziale zu nutzen und an sich zu glauben.“

Bunter Blumenstrauß

In Tannenbusch gibt es wohl kaum jemanden, der die hilfsbereite, warmherzige Lul Autenrieb nicht kennt. In Somalia wurde sie vom gewalttätigen Ehemann beinahe getötet. Sie überlebte, blieb aber fortan gelähmt. Glückliche und schwere Zeiten wechselten sich ab. In Bonn beginnt sie, Hausaufgabenhilfe für geflüchtete Kinder und Kinder mit Migrationshintergrund zu geben. Von Vorteil ist dabei, dass sie deutsch, somalisch, arabisch, italienisch und englisch spricht. Im Haus Vielinbusch bietet sie eine Hilfe für Formulare und Briefe an. Zudem hat sie das Internationale Frauen und Familienforum gegründet.

Düne mit Füchsen

In Tannenbusch gibt es ein Naturschutzgebiet: Die „Düne Tannenbusch“, die vor etwa 10.000 Jahren entstand, als Winde den Sand des Rheins hierher wehten und auftürmten.
Unmittelbar an der Düne wurde 1951 eine Siedlung mit dem ersten Hochhaus von Bonn angelegt. Aus einer Mieterinitiative gegen Sanierungsstau entstand 2014 der Verein „Dünenfüchse“. Er setzt sich für den Schutz der Düne ein, führt am „Tag des offenen Denkmals“ durch die Siedlung. Ein mitten in der Siedlung gelegener Pavillon fungiert als Begegnungs und Bildungszentrum. Vor allem engagiert der Verein sich sozial, gemäß dem Ideal der „Graswurzeldemokratie“. Im Sommer 2015 konnten 75 Flüchtlinge in der Siedlung untergebracht werden. Die Dünenfüchse wurden deren Ansprechpartner. „Es ist die Menschlichkeit, die zählt“, so der Vereinsvorsitzende Achim Könen. Diese gelebte Nachbarschaft, Gemeinnützigkeit, gegenseitige Hilfe und offene Aufnahme von Neubürgern wird bis heute praktiziert. Im Juli 2025 wurde mit den Flüchtlingen von damals im Pavillon, der „sozialen Tankstelle“, so Könen, ein Wiedersehens-Fest gefeiert.
Heutzutage haben immer weniger Flüchtlinge eine Chance, in Europa anzukommen, da die heutige Ausübung der Asylpolitik nicht mehr den Grundsätzen der Genfer Flüchtlingskonvention entspricht. „Das betrifft insbesondere das Recht auf Zugang zu einem fairen Asylverfahren und die menschenwürdige Aufnahme und Versorgung Schutzsuchender“, so Anna Suerhoff vom Deutschen Institut für Menschenrechte.

Oase

„Unsere Buchhandlung am Paulusplatz“ ist eine gemeinschaftsfördernde „Oase der Regeneration“, die Menschen einlädt, sich aktiv einzubringen. So haben Kund*innen, Kita- und Schul-Kinder mehrfach den Laden „freundlich übernommen“ und das Geschäft geführt, während das Buchhandlungs-Team um Inhaber Philipp Seehausen zur Frankfurter Buchmesse oder zur Entgegennahme von Buchhandelspreisen reiste.
Ein großes Anliegen der Buchhandlung ist die Leseförderung von Kindern. Die Buchhandlung investiert gut 10 Prozent des Jahresgewinns in die Leseförderung, stellt Kindergärten und Grundschulen Lesekoffer zur Verfügung. Sie organisiert auch den Bonner Stadtentscheid im bundesweiten Vorlesewettbewerb. Als den Bonner Entscheid 2024 ein kopftuchtragendes muslimisches Mädchen gewann, gab es 400 Hass-Mails. Das erregte Aufmerksamkeit im Ausland und Inland (auch die „Bild-Zeitung“ berichtete darüber) und löste eine Gegenreaktion aus. Diese „Woge der Sympathie war größer als der Hass. Das ist beruhigend.“, so Philipp Seehausen.

Neue Perspektive

Ein schlechter Ruf kann nur mit viel Geduld und Ausdauer geändert werden. Schlimm ist die Verallgemeinerung. Junge Menschen haben wegen einer Tannenbuscher Adresse Probleme, eine Ausbildungsstelle zu erhalten, weil ihnen ein bestimmtes Sozialverhalten unterstellt wird. Medien berichten über Neu-Tannenbusch zuweilen mit dem Hinweis, der Stadtteil sei ein „sozialer Brennpunkt“.
Ist dieses Bild richtig, realitätsnah und wird das den Menschen aus „dem Tannenbusch“ gerecht? Wie ist ein Miteinander möglich in einer Zeit, in der ein Bundeskanzler in vermeintlicher Sorge um die „Sicherheit im öffentlichen Raum“ gegen Menschen mit Migrationshintergrund und damit gegen ein Drittel der Bevölkerung der Stadt und des Landes pauschal polemisiert, „ein Problem im Stadtbild“ sieht? Das ist Wasser auf die Mühlen der AfD, die in Alt- und Neu-Tannenbusch eine Wähler-Hochburg haben, wie die jüngsten Bonner Kommunalwahlen ergaben.
Der Stadtteil ist jedoch besser als sein Ruf. Man sollte nicht übersehen: Neu-Tannenbusch ist auch der Bonner Stadtteil

  • mit dem höchsten Anteil an sozialversicherungspflichtig beschäftigten Ausländern,
  • die gerade in Berufen mit Fachkräftemangel arbeiten und dringend benötigt werden.

„Ohne diese Menschen wird es bei uns düster“, sagt Chefarzt Kai Balzer vom MarienHospital Bonn.

  • Migrantenfamilien haben einen „starken Willen, den Kindern einen Weg aus der sozialen Abhängigkeit von Transferleistungen zu ebnen.“ (Sozialarbeiter Helmuth Göbel).

„Das subjektive Gefühl der Menschen, die hier leben, ist ein ganz anderes als die Wahrnehmung von Außenstehenden.“, so Ramy Azrak. Und: „Die Vielfalt in Tannenbusch bereichert. Wenn man mit diesem Blick auf die Menschen schaut, dann sieht man, wie schön es hier ist.“
Eine Gelegenheit, sich davon zu überzeugen und um Vorurteile abzubauen, bietet eine Rallye entlang der schönsten Plätze in Tannenbusch, die Tannenbuscher Schüler*innen mit dem Verein cassiopeia entwickelten.
Für die Bewohner*innen ist Tannenbusch Heimat und Gemeinschaft in Vielfalt. Lul Autenrieb weiß: „Unser Stadtteil ist ein bunter und lebendiger Blumenstrauß mit vielen Geschichten und Schicksalen.“ Beim Begegnungsfest „I love Tannenbusch“ im September 2025 trug sie ihr Gedicht „In Tannenbusch bin ich zu Hause“ vor, unter anderem mit den Zeilen:
„Wie fantastisch und schön kann der Tannenbusch sein.
Wo die bunte Vielfalt friedlich zusammenlebt. Ohne Spaltung und Hass und Neid.
Tannenbusch, ich liebe es, wenn du lachst.“

Informationsquellen (Auswahl):
Strukturdatenatlas Bundesstadt Bonn, Stand Februar 2025 // GA Bonn // WDR, Lokalzeit Bonn // Die Tannenbuscher Zeitung TBZ // cassiopeia-ev: Stadtteilrallye // A. Sauerhoff: EU-Asylreform. Menschenrechte Geflüchteter gefährdet

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