Gesellschaft,  Kommentar

Zur Kulturgeschichte von Festen

Zwischen Feigen und Feldgeschrei

In der überlieferten Geschichte der Menschen finden sich in fast allen Kulturformen spontane oder rituelle Anlässe für Feiern und Feste. Ihnen gemeinsam ist ein kollektives Ablösen vom Normalzustand und, insbesondere bei wiederkehrenden Festen, eine Rythmisierung des alltäglichen Geschehens. Darüberhinaus kann man sie als Zeichen der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse, Lebenserfahrungen und Ideale lesen

Susanna Allmis-Hiergeist

„Feierlich“ steht in der Real-Encyclopädie von 1819 tatsächlich, nicht streng alphabetisch gereiht, zwischen Feigen und Feldgeschrei. Feierlich heiße es, „wenn es ehrerbietige Stille in uns schafft, sey es, weil der Geist durch die Betrachtung in die Tiefe seiner selbst hinab gezogen, oder in eine ideale Welt hinauf erhoben wird.“ Dieser Spur folgt auch Wolfgang Leimgruber von der Universität Basel, der sich mit den Grundformen menschlicher Feste befasst hat. Feiern unterscheidet er von den ausgelassenen Varianten von Festen. Sie sind auf die Stiftung historischer Kontinuitäten, kultureller Einheit und Wertebestätigung angelegt. Friedensschlüsse, Jahrestage von Revolutionen, religiöse Ereignisse wie Weihnachten, aber auch persönliche Geburts- und Todestage werden mit gediegenen Worten, musikalischer Umrahmung und besonderer Kleidung begangen. Der feierliche Anlass ist nicht nur eine willkommene Abwechslung zum Alltag, sondern hat auch ein sinnstiftendes Element.


Spiegel der Zeit

Interessant, was die bereits zitierte Real-Enzyklopädie als lexikalischen Eintrag zu „Fest- und Feiertagen“ anführt: „Man ist in allen aufgeklärten Staaten bemüht gewesen, ihre Zahl durch Abschaffung und Verlegung auf den nächsten Sonntag zu vermindern.“ Dagegen fehle es an Festtagen, die mit den Perioden der Natur in Berührung wären wie ein Frühlingsfest, ein allgemeines Erntefest und zudem, „seit der Befreiung Deutschlands erhebende Feste der Dankbarkeit, Erinnerung und Stärkung der Nationalkraft.“ Befreiung? Von Napoleon; dies ist für heutige Leser*innen nur bei Kenntnis des zeitgeschichtlichen Hintergrunds, aus Vormärz und deutscher Revolution von 1948 erklärlich.
Vom immer etwas gravitätischen Charakter der Feier heben sich die rauschhaften bis ekstatischen Feste ab. Ethnologen beschreiben die Riten naturnaher Völker, deren tagelang dauernde Feste mit Musik und Tänzen sie in völlige Erschöpfung und Entrückung führten. Eine ausgelassene Party oder ein umjubeltes Konzert sind eher die heutigen Muster: die Atmosphäre ist beschwingt und locker, Sorgen werden hintan gestellt, Konventionen durchbrochen, und es ist erlaubt, ein wenig frech und laut zu sein. Der kollektive Anlass festige auch die Gruppe, so Leimgruber. Reibungen ließen sich in gelöstem Rahmen entschärfen, ein Bewusstsein von Zugehörigkeit und Wertschätzung könne entstehen.
Eher an der feierlichen Ausprägung knüpft das Fest als Herrschaftsinstrument und als Ventil zur Ablenkung von Ausbeutung und Unterdrückung an. Thomas Mann hat es in seinem im alten Ägypten spielenden Josephsroman plastisch beschrieben. Joseph weilt am Hofe Potiphars als Hausvorsteher. Zum Neujahrsfest, auch das Fest des anschwellenden Nils, mischt er sich in das opulente Treiben um die kultischen Bezirke des Reichsgottes Amun Rê. Während Pharao mit seinen Höflingen in großem Gepränge durch die Stadt zieht, ist auch die Menge des Volkes seit dem frühesten Morgen hüpfend auf den Beinen „ … zu schauen, was der Staat an majestätischen Schaustellungen bot,“ deren Herrlichkeit das Fronbäuerlein für die graue Notdurft eines ganzen Jahres entschädigen, es vaterländisch stärken musste. Die zeltdachüberspannten Höfe mit Freibier und gerösteten Gänsen gefüllt, die pressenden und schraubenden Obermächte dazu mit verschwenderischer Güte lächelnd, „so als wenn nie wieder der Abgabenschreiber das Fronbäuerlein heimsuchen sollte.“


Befreiung und Aufruhr

Von solcher Gemengelage ist es nicht weit bis zur Aufmüpfigkeit. Auch wenn das befreiende Fest nicht geradewegs in der Weltrevolution mündet, kann für die Dauer des Festes wie zum Beispiel beim rheinischen Karneval die hierarchische Ordnung aufgehoben sein, zumindest Mächtigen und Militärs ein spottender Spiegel vorgehalten werden. Bei näherem Hinsehen enthalten wahrscheinlich die meisten Feste einen Mix aus den genannten Elementen.
Zur Zeit haben viele Menschen coronabedingt eher zu wenig Gelegenheit für unbeschwertes Abschalten und ausgelassene Fröhlichkeit. Corona-Partys Jugendlicher zeugen auch von einem deutlichen Schuss Aufruhr in Phasen schulischer und beruflicher Unsicherheit. Laut Redaktionsnetzwerk Deutschland fordern daher verschiedene Jugendorganisationen der Bundestagsparteien, Kommunen sollten Bedürfnisse nach Geselligkeit mit Infektionsschutz ins Verhältnis setzen und auf Freiflächen sowie Brachen Angebote für risikoarmes Feiern schaffen.

Erschienen in der Ausgabe 6_20