Gesellschaft

Zukunftsgestaltung statt Zukunftsangst

Chancen für die Gesellschaft durch Flüchtlinge

Gemeinwohlökonomie beruht auf gesellschaftlicher Ebene auf Beziehungen zwischen den Menschen mit wertschätzendem und sinnstiftendem Handeln jenseits von Eigeninteressen. Werte wie Vertrauen, Wertschätzung, Kooperation, Solidarität und Teilen stehen dann im Vordergrund. Ist das möglich, sind Menschen stärker motiviert und glücklich. Das wirkt sich auch gesellschaftlich aus. Es entsteht eine Wechselwirkung zwischen der Entwicklung persönlichen und gesellschaftlichen Gemeinwohls.

Esther und Andreas Reinecke-Lison

Losgehen

„Tagelang bin ich gelaufen, saß ich im Zug auf dem Boden, schlief ich auf der Straße. Ich hatte nichts zum Essen. Ich erkannte mich selbst nicht wieder.“

Migration ist seit Menschheitsbeginn ein zentrales Element menschlicher Entwicklung und gesellschaftlichen Wandels, keine Erscheinung der Gegenwart: Der Mensch war von Anfang an nicht sesshaft. Auch Rückwanderung und Fluktuation kennzeichnet jede Migration, ob lokal, regional oder global. Eine Besonderheit stellt die Gewaltmigration dar. Menschen verlassen dann nicht aus eigenem Antrieb ihre Heimat, sondern fliehen vor lebensbedrohender Gewalt und Krieg, verheerenden Menschenrechtslagen oder Veränderungen durch Klimawandel, der keine Lebensgrundlage mehr lässt. Flüchtlinge lassen alles Bekannte zurück, auch was ihnen lieb und teuer ist, um für sich und die Familie ein besseres Leben in Sicherheit zu erlangen.

Der Eindruck, riesige Flüchtlingsströme aus dem globalen Süden hätten in den letzten Jahren Europa erreicht, täuscht. Auch im 21. Jahrhundert sind große Fluchtdistanzen selten, weil den Flüchtlingen finanzielle Mittel fehlen und Transit- und Zielländer sie behindern. Sie suchen eher Zuflucht nahe ihrer Heimat. Syrische Flüchtlinge gibt es v. a. in der Türkei (2016: 2,7 Mio.), im Libanon (1 Mio.), in Jordanien (600000). Die Zahl der Binnenflüchtlinge innerhalb Syriens lag noch höher (7,6 Mio.). Staaten des globalen Südens haben 2015 86% aller weltweit registrierten Flüchtlinge und 99% aller Binnenflüchtlinge aufgenommen. Während 2015 im Libanon 183 Flüchtlinge auf 1000 Einwohner kamen, in Jordanien 87, in der Türkei 32, waren es in Schweden 17, in Deutschland 9, in Ungarn 4. Diese Zahlen relativieren die europäische Hilfsbereitschaft, lassen einen still werden.

Hinkommen

„Ich hatte den Nullpunkt in meinem Leben erreicht. Den Punkt, an dem man sich über nichts mehr freuen kann. Ich hatte das Gefühl, verlernt zu haben, was Leben ist.“

Wie unermesslich hoch die Gefahren der Flucht sind, lässt sich aus ihren Erzählungen erahnen. 2016 sind laut UNHCR 5000 Menschen bei ihrer Flucht im Mittelmeer umgekommen. Noch 2013/2014 hatte Italien mit der Operation „Mare Nostrum“ 150000 verzweifelte Menschen vor dem Ertrinken gerettet. Dann hörte die Aktion auf. Seenotrettung wurde zum Anreiz für Flucht uminterpretiert. Dabei besagt das Seerecht, dass Menschen in Seenot gerettet werden müssen. Jetzt retten v. a. NGO-Schiffe wie Iuventa oder Sea Eye Flüchtlinge vor dem Ertrinken.

Doch Kapitäninnen wie Pia Klemp und Carola Rackete werden kriminalisiert. Rackete fuhr im Sommer 2019 mit einem Schiff voller Flüchtlinge gegen den Willen der italienischen Regierung Lampedusa an. Nach dem Nothafenrecht muss eine Hafeneinfahrt gestattet werden, wenn Menschenleben in Gefahr sind. Die aus Bonn stammende Pia Klemp, die wegen angedrohter Festnahme im Moment kein Schiff steuert, sieht sich nicht als Heldin oder Fluchthelferin. Ihr Antrieb ist Solidarität. Die Flüchtlinge seien die wahren Aktivist*innen.

„Die nehmen so viele Risiken auf sich, lassen sich durch nichts abschrecken. Gegen alle Widerstände nehmen sie ihr Recht auf Bewegungsfreiheit wahr.“

Pia Klemp

Wer sich in Schlauchboote begebe, müsse „viel erlitten haben, um das Risiko einzugehen, im Mittelmeer zu ersaufen“, so Norbert Blüm, und: Wenn 500 Millionen Europäer „keine fünf Millionen verzweifelte Flüchtlinge aufnehmen können, dann schließen wir am besten den Laden ‚Europa‘ wegen moralischer Insolvenz.“ Ähnlich äußert sich im Herbst 2019 auch der Bundesinnenminister:

„Es ist unglaublich, wenn man sich für die Rettung von Menschen vor dem Ertrinken rechtfertigen muss.“

Horst Seehofer

Am 23.09.19 haben Malta, Italien, Frankreich und Deutschland einen „vorübergehenden Mechanismus“ für die Seenotrettung beschlossen. EU-Migrationskommissar Avramopoulos erklärte am 16.10.19, dass 9 weitere EU-Länder großes Interesse und den Willen haben, an praktischen Solidaritätsmaßnahmen teilzunehmen; doch um den Beitritt zu diesem Mechanismus wird verhandelt.

Deutschland hat seit Juli 2018 225 Seenotflüchtlinge aufgenommen.

Derweil tritt die Stadt Bonn dem Bündnis „Sichere Häfen“ der Aktion Seebrücke bei und erklärt sich damit bereit, mehr Seenotflüchtlinge als vorgesehen aufzunehmen.

Ankommen

„Ich dachte für einen Moment, dass ich nicht mehr kann. Aber wenn man einmal unterwegs ist und nicht weiß, wann das Ende ist, dann muss man es schaffen. Es gibt kein Zurück.

Politische und mediale Wahrnehmung steht Migration als potenzielle Gefahr für die Sozialsysteme, die innere Sicherheit, den gesellschaftlichen Frieden. Doch gerade im, vom und durch das Gebiet des heutigen Deutschland hat es eine Unzahl von Migrationsbewegungen gegeben, z. B. deutsche Auswanderer nach Übersee im 19. Jahrhundert, Gastarbeiter, Spätaussiedler, Flucht und Vertreibung während und nach des 2. Weltkriegs. Letzteres hat viele Menschen aus eigener leidvoller Erfahrung für das Schicksal der Gewaltflüchtlinge sensibilisiert und dazu bewogen, Geflüchtete ehrenamtlich zu unterstützen.

„Ich mag nicht zusehen, wie vor meinen Augen die Menschen ertrinken.“

Ehrenamtlicher Helfer aus Bonn

Auf der griechischen Insel Tilos, 18 km vor der türkischen Küste, helfen die ca. 800 Inselbewohner seit 2015 bei der Rettung der Flüchtlinge aus Schlauchbooten. Ohne Hilfe der EU oder des griechischen Staates, aber mit Hilfe der UN und der griechischen NGO „Solidarity Now“ zeigte die Gemeinde, dass mit Solidarität „eine Krise in eine Erfolgsgeschichte verwandelt werden kann“. Syrische Flüchtlinge fanden Unterkunft in Hotels und Privatwohnungen und Arbeit im Hotel, beim Bäcker. Sie sind Teil der Gemeinschaft und froh, nicht untätig auf ihr weiteres Leben warten zu müssen. Alle, Syrer und Griechen, sprechen von einem Miteinander und nicht von einem anonymen Nebeneinander. Integration erfordert eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.

Erfolgreiche Integration ist ein „langfristiger Prozess, ein Langstreckenlauf“, so die Flüchtlingshilfe Bonn e. V./ save me Bonn, Träger des Bonner Integrationspreises 2019 (im weiteren: save me). Das stellt Anforderungen an alle Seiten: An Flüchtlinge (Anpassung an Regeln des Landes, Lernen der Sprache als Voraussetzung für Kontakte) und Einheimische (Abbau der Angst vor dem Fremden und vor anderem kulturellen Verhalten). Es braucht Unterstützung, Mut und Ermutigung, um mit Respekt, Toleranz und Geduld die Realität mit der Erwartung in Einklang zu bringen. save me versucht, dies über Mentorenschaft zwischen Flüchtlingen und Ehrenamtlichen zu fördern. Wenn sich dann im Kontakt einer Mentorin mit einer syrischen Familie die Erwartung einer Kopftuch tragenden Frau nicht erfüllt, weil die Frau des moslemischen Manns evangelisch ist, hat sich schon etwas positiv verändert: „Da merkte ich, dass ich noch viel Neues lernen kann.”

Mitmachen

Die Erfahrung zeigt, dass der Weg in den Arbeitsmarkt viel langwieriger und oft auch frustrierender ist, als sich das viele vorstellen. Im Moment haben in Deutschland ca. 35% aller Migranten eine Beschäftigung, doch 67% im Niedriglohnsektor. Laut einer EU-OECD-Studie aus 2018 arbeiten 48% der hochgebildeten Migranten in der EU in Berufen, für die sie überqualifiziert sind. Damit schaden sich die Länder letztlich selbst. Es gilt, das Potenzial von Migranten als Quelle für wirtschaftliche und soziale Entwicklung anzusehen, mit Gewinn für beide Seiten.

„Zukunftsperspektive Umwelthandwerker“

2016-18 führte die Handwerkskammer Hamburg (finanziert durch Bundesstiftung Umwelt/DBU) das Projekt „Zukunftsperspektive Umwelthandwerker“ durch, um Geflüchtete mit technischen Vorerfahrungen für Tätigkeiten im Bereich erneuerbarer Energien und Umwelttechnik zu qualifizieren und in den Arbeitsmarkt zu integrieren. 37 Teilnehmer aus Syrien, Afghanistan, Iran, Irak, Somalia und Eritrea nahmen an Förderkursen und Fachlehrgängen Umwelttechnik teil, mit z. B. Erwerb der Sprache, fachspezifischen Wissens und Vokabulars, Werkstattübungen und Betriebsbesuchen. Einige begannen dann eine Ausbildung, andere Fachqualifizierungen, z.B. als CAD-3D-Fachkraft. 22 Teilnehmer fanden schon im Projektverlauf eine Anstellung, z. B. als Techniker für Kälte-/Klimasysteme oder Leitung einer Biogasanlage.

Hasan Dakka, ein syrischer Brandschutzingenieur, durfte jahrelang ohne gesicherten Aufenthaltsstatus nicht arbeiten. Das Projekt qualifizierte ihn zum Arbeitssicherheit-Referenten, er hat jetzt eine Anstellung in Gebäudeleittechnik.

„Wir verhindern, dass Potenziale ungenutzt bleiben und zeigen, dass Integration als Maßnahme gegen den Fachkräftemangel Vorteile für die deutsche Gesellschaft hat.“

Projektleiter Heiko Hörnicke

Das Projekt ist als „ Projekt Nachhaltigkeit 2018″ ausgezeichnet worden und seit 2019 Teil der „Mission Zukunft“ des IQ Netzwerkes Hamburg.

Nour Taleb war im syrischen Aleppo Umweltingenieurin. Nach Flucht und Ankunft bei den Eltern in Dortmund 2015 absolvierte sie Deutschkurse und Praktika, schaute Baustellenvideos an, um das Fachvokabular zu lernen. Auf einer Podiumsdiskussion beeindruckte sie die Leiterin des städtischen Tiefbauamts mit Kompetenz und Selbstbewusstsein. Nun ist sie bei der Stadt angestellt, beaufsichtigt Straßenbauprojekte. Ihr Kopftuch macht keine Probleme. Im Team ist sie voll integriert. Im Sommer hat sie den Betriebsausflug organisiert: eine Kanutour statt, wie von ihr gewünscht, eine Segway-Fahrt. Sie wurde überstimmt: „So ist das eben in einer Demokratie“, sagt sie und grinst.

Aussicht

„Die menschliche Gesellschaft gleicht einem Gewölbe, das zusammenstürzen müsste, wenn sich nicht die einzelnen Steine gegenseitig stützen würden.“

Geflüchtete sollten nicht als Bittsteller angesehen werden, von denen möglichst viele wieder gehen sollen, sobald es die Umstände in ihrer Heimat zulassen. Geflüchtete sind eine Chance. Gerade auch durch Interaktion zwischen ihnen und den Einheimischen kann Integration gefördert werden.

„Bei uns regiert nicht so sehr Zukunftsgestaltung, sondern Zukunftsangst. Jeder igelt sich in seiner Position ein, schaut sich die Entwicklung nur aus der Perspektive an, was für ihn gefährlich sei, wo seine Besitzstände bedroht sind. So können wir wichtige Reformaufgaben nicht lösen. Damit kann man das konstruktive Potenzial nicht nutzen. Die Zukunft ist ein unbekanntes Land. Wir brauchen Zukunftszugewandtheit, die Bereitschaft, die Zukunft als offen anzunehmen.“

Wolfgang Huber/ehem. Ratsvorsitzender EKD, 2004

Samson aus Eritrea, gelernter Elektriker, ist fleißig und diszipliniert. Jeden Morgen fährt er mit dem Fahrrad zu seiner Arbeit nahe Bonn als Elektrikerhelfer. „Die Arbeit“ sagt er, und man glaubt es ihm ohne weiteres, „macht mir sehr viel Spaß“.