Zukunft Bau Kongress 2023 im WCCB

23. Dezember 2023 | Ausgabe 1 / 2024, Dr. Susanne Gura, Gesellschaft, LRBS, Nachhaltigkeit, Politik | 0 Kommentare

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Aufbruch zum Bauen im Bestand

Nicht nur die Energieeffizienz von Gebäuden ist im Klimawandel mit 40 Prozent enorm relevant. Auch das Neubauen selbst ist bei mehreren 100.000 Wohnungen jährlich kein kleines Klimaproblem, sondern liegt in ähnlicher Größenordnung wie das Heizen sämtlicher bereits vorhandenen Wohnungen. Die guten Nachrichten des Zukunft Bau Kongresses: Trotz hoher Wohnungsnachfrage sind Neubauen und Abriss großenteils vermeidbar.


Susanne Gura


Die extrem hohe Klimaschädlichkeit des Neubauens ist die wohl wichtigste der vielen Erkenntnisse und Analysen, die man auf dem Zukunft Bau Kongress 2023 im WCCB auf hervorragend moderierte, unterhaltsame und, trotz der Klimaentwicklungen, ermutigende Weise erfahren konnte. Veranstaltet wird der Kongress alle zwei Jahre vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR, Sitz in Bonn).

Wer es genauer wissen will: Die Klimafolgen des Neubauens liegen zwischen 8 und 16 kg CO2-Äquivalenten pro Quadratmeter jährlich, bei einem Lebenszyklus von 50 Jahren. Hochgerechnet auf die Größenordnung des jährlichen Neubaus in Deutschland bedeutet sie Folgendes: Etwa 300.000 Wohnungen jährlich zu bauen, belastet das Klima fast ebenso stark wie das jährliche Heizen der vorhandenen ca 40 Millionen Wohnungen. Diese Schätzung ist eines der Ergebnisse einer 2023 erschienenen Dissertation (siehe Lesehinweise). Neubauen in der von der Koalition angestrebten Menge sei sogar fast ganz vermeidbar.

Potenzial im Bestand

Der Verband Bauen im Bestand hat mit dem Greyfield-Index einen Gradmesser für den Sinneswandel geschaffen: Das Verhältnis zwischen Um- und Neubau lässt erkennen, wie die Immobilienwirtschaft auf dem Weg zu mehr Klimaschutz vorankommt. Man ist auf dem richtigen Weg: In Deutschland werden immer weniger Wohnungen abgerissen. Im Jahr 2022 waren es knapp 16.500, der niedrigste Stand seit 1992. Klingt gut, aber Bau- und Abbruchabfälle machen dennoch mehr als die Hälfte des gesamten deutschen Abfalls aus. Deponiegebühren sind so gering, dass Abriss für den Investor die günstigste Lösung erscheint, jedoch die teuerste für die Gesellschaft darstellt.

Das „Abrissmoratorium“, eine Initiative von Umweltorganisationen und dem Bund deutscher Architekt:Innen, fordert eine Abrissgenehmigung unter Prüfung der sozialen und ökologischen Umweltwirkungen. So soll nicht nur sparsam mit „grauer Energie“ umgegangen werden, sondern auch Recycling von Bauteilen angeregt und soziale Spannungen in Ballungsräumen vermindert werden. In den Abriss-Atlas auf der Webseite der Initiative kann man gefährdete Gebäude eintragen.
Ein gutes Beispiel für vermiedenen Abriss ist die Umnutzung einer Bunkeranlage in Düsseldorf-Bilk. Unter intensiver Beteiligung der AnwohnerInnen wurden Nutzungsideen entwickelt und umgesetzt, sodass nach Jahrzehnten Leerstand der zentral gelegene Bilker Bunker seit 2023 Tag und Nacht als Probenraum, Treffpunkt, Fahrradabstellanlage und für Vieles andere genutzt wird.

Unsichtbarer Wohnraum

In seiner kürzlich erschienenen Dissertation schätzte Daniel Fuhrhop das Potenzial des unsichtbarem Wohnraums: Einliegerwohnungen, oder ungenutzte Zimmer in großen Wohnungen, oft ehemalige Kinderzimmer bei alleinstehenden älteren Menschen, die den Raum ihrer eigenen Einschätzung nach nicht benötigen. Es wurde, anders als in anderen Untersuchungen, ausdrücklich nicht abgeschätzt, wieviel Wohnfläche eine gesamte Bevölkerungsgruppe sparen könnte, sondern es wurde erforscht, wie man selbst konkret Flächen sparen könnte. Das Modell »Wohnen für Hilfe« wurde im Detail untersucht: Junge Leute wohnen bei Älteren, zahlen keine reguläre Miete, sondern helfen im Garten oder im Haushalt. Bei über dreißig Vermittlungsstellen von »Wohnen für Hilfe« wurde ein Potenzial von jährlich bis zu 30.000 Vermittlungen gefunden, wobei sie meist weit darunter blieben. Aus der Fallstudie zu »Wohnen für Hilfe« ergaben sich anhand von internationalen Erfahrungen umfangreiche Verbesserungsmöglichkeiten.
Ergänzend zur Fallstudie wurden andere flächensparende Wohnpraktiken betrachtet. Die Ausschöpfung aller -freiwilligen- Möglichkeiten des unsichtbaren Wohnraums ergab ein Potenzial von 100.000 Wohnungen. Um es zu nutzen, wurde erstens eine Wohnberatung in Kombination mit Energieberatung empfohlen, und zweitens ein Fördermodell, das ökologisch und ökonomisch nachhaltigeres Wohnen ermöglicht.
Zusätzlich wurde in der Dissertation über den unsichtbaren Wohnraum hinaus weitere Möglichkeiten klima- und flächenschonender Wohnraumbereitstellung abgeschätzt. Wegen mangelnder Forschungsdaten kam der Autor zu einem nur groben Ergebnis von 200.000 Wohnungen. Zusammen mit dem unsichtbaren Wohnraum bestünde also ein Potenzial von 300.000 klima- und flächenschonender Wohnungen. Dies entspricht in der Größenordnung dem jährlichen Neubau.


Abriss der Landwirtschaftskammer Roleber verhindern!

Im Oktober hat die Koalition alle bisherigen Vorgaben durch neue ersetzt, u.a. Verkleinerung der Baufläche des „Kragens“ und Bewahrung der Lindenalleen.
Auch wenn man den Abriss nicht verbieten kann, so kann man die Weiternutzung des Gebäudes durch Vorgaben an den Investor nahelegen. Ob der Beschluss der Koalition gut genug war, wird man sehen. Besser wären jedenfalls die Vorschläge der kleinen Fraktion „Rheingrün“ gewesen.
Schon 2013 lag dem Stadtrat eine Planung für den wirtschaftlichen Umbau des ortsprägenden Baus im römischen Landhausstil in circa 100 Wohnungen vor. Die Eigentümerin seit 2017, Sahle Wohnen GmbH, plant Abriss. Bis zur nächsten Kommunalwahl 2025 ist das Gebäude für ukrainische Flüchtlinge angemietet.
Im Abrissatlas ist das Kammergebäude nun aufgeführt: Abriss Atlas (crowdnewsroom.org)


Vom Mehr zum Weniger

Während der letzten drei Jahrzehnte lebten hierzulande immer mehr Menschen in Einpersonenhaushalten. Diese Lebensform stieg um 47 Prozent, während die Gesamtbevölkerung seit 1992 nur um 4 Prozent insgesamt wuchs. Trotzdem wurden immer größere Wohnungen und Häuser gebaut: 2022 betrug die durchschnittliche Wohnfläche je Wohnung 92 Quadratmeter. Dreißig Jahre zuvor waren es noch zehn Quadratmeter weniger. Der durchschnittliche Wohnraum pro Person wuchs erheblich, von 35 auf 47 Quadratmeter. Jetzt geht es darum, im Durchschnitt kleiner zu bauen.

Der Kongress diskutierte weitere Themen: Suffizienz, Recycling von Materialien, und auch Wege, die trotz langwieriger Änderung rechtlicher Vorgaben raschen Fortschritt bei der Bestandsnutzung erlauben. Baurecht und Normen, aber auch die Architektenhonorarordnung sollten endlich auf Bauen im Bestand ausgerichtet werden.

Lesehinweise:

  • Dokumentation des Kongresses auf der Webseite des BBSR
  • abrissmoratorium
  • Daniel Fuhrhop (Dissertation 2023):
    Der unsichtbare Wohnraum

Neues vom Regionalplan
Die Bearbeitung des Entwurfes zieht sich weiter hin, jetzt ist Frühjahr 2024 angestrebt.Deswegen ist auch unsere Petition „STOP Riesen-Siedlungen im Naturpark“ weiter verlängert, siehe www.ennertaufstieg.de
Bitte unterschreiben! Inzwischen haben die Kommunen eine paralleles Projekt „Nachhaltige Entwicklung durch Interkommunales Landmanagement in der Region Bonn/Rhein-Sieg/Ahrweiler (NEILA)“ abgeschlossen und dabei Karten mit Siedlungsbereichen erstellt. Und Folgendes findet man darin: In Königswinter-Vinxel sind im Vergleich zum Regionalplanentwurf von 2022 etwa 10 Hektar Siedlungsbereiche nicht verzeichnet, die als aufgehobener Bebauungsplan 50/19 bekannte Fläche. Auf Bonner Gebiet der Siebengebirgsregion sind in Hoholz und Gielgen drei zusätzliche Flächen verzeichnet, die der Stadtrat aus dem Regionalplanentwurf wegempfohlen hatte. Rechtlich ausschlaggebend ist allein der Regionalplan, sobald er beschlossen ist.


Mehr Infos: ennertaufstieg – Das Neueste
Kontakt: sg@siebengebirgsregion.de

Dr. Susanne Gura Archive – Bonner Umwelt Zeitung

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