Nachhaltigkeit,  Ökologie

Werkstatt Baukultur Bonn

Putzen und benutzen

Als sich im Jahr 2011 die Werkstatt Baukultur Bonn gründete, war es ihr Anliegen, eine Lobby für die Nachkriegsarchitektur zu schaffen. Eine Architektur, die oft besser ist als ihr Ruf. Was das mit Klimaschutz und Nachhaltigkeit zu tun haben könnte, ging den Mitgliedern allerdings erst nach und nach auf. Ein Tagebuch aus zehn Jahren der Vermittlungsarbeit und des eigenen Dazulernens.

Alexander Kleinschrodt

Die drei Studierenden am Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn traf die Nachricht aus heiterem Himmel: Die Beethovenhalle soll abgerissen werden. Aber stand denn die bedeutende Konzert- und Stadthalle nicht bereits seit 1990 unter Denkmalschutz? Schnell war die Gründung einer „Initiative Beethovenhalle“ im Gespräch. Der Anstoß dazu kam von der Professorin Hiltrud Kier, die sich als eine der ersten in der Denkmalpflege neugierig und unvoreingenommen mit dem Bauerbe der Nachkriegsjahre befasst hatte. Sie riet den dreien zwar im Interesse des Studienfortgangs entschieden ab, unterstützte die Sache aber gleichwohl mit Begeisterung.

Der Abriss der Beethovenhalle war bald vom Tisch, die Initiative aber wurde mit dem Deutschen Preis für Denkmalschutz ausgezeichnet. Davon angespornt entschied das Gründungstrio, die Arbeit auf eine breitere Basis zu stellen: Die Werkstatt Baukultur Bonn trat 2011 an, um mit Veranstaltungen und Publikationen eine Diskussion anzustoßen zu Bonner Bauten der fünfziger und sechziger Jahre wie dem Frankenbad und der Oper. Am Institut bildete sich dazu ein Team aus Studierenden und Absolvent*innen, zu dem dann auch der Verfasser dieser Zeilen gehörte.

Wir staunten, als uns im folgenden Jahr der Katalog zum deutschen Beitrag bei der Architektur-Biennale in Venedig in die Hände fiel: In dem von Muck Petzet und Florian Heilmeyer entworfenen Ausstellung „Reduce Reuse Recycle“ wurde auch die „Initiative Beethovenhalle“ erwähnt. Die Wahrnehmung des Baubestandes gerade der Nachkriegszeit positiv zu verändern, hieß es da, ihn ressourcenschonend aufzuwerten und mit weniger Neubau auszukommen, das sei ein effektives ökologisches Programm. Dass wir uns faktisch nicht nur für Denkmal-, sondern auch für Klimaschutz einsetzten, war uns bis dahin ehrlich gesagt noch nicht in den Sinn gekommen.

Zu dieser Zeit beschäftigte uns gerade der Bonner Bahnhofsvorplatz. Als die abgetreppte Anlage 1979 fertig gewesen war, wurde sie zunächst gut angenommen, verfiel aber schnell und wurde zum berüchtigten „Bonner Loch“. Nach unserer Meinung ging es hier in der Tat um Wahrnehmung – und zur Aufwertung brauchte es nicht viel. Wir fegten den Platz einmal komplett durch und zeichneten mit Kreide auf, was inzwischen abhanden gekommen war: Hölzerne Sitzbänke, Bepflanzung, Wasser im Brunnen. „Putzen und benutzen“ nannten wir unseren Vorschlag. Der Slogan blieb unser Markenzeichen, der Bahnhofsvorplatz allerdings steht längst im Zeichen von „Urban Soul“.

Während in der Denkmalpflege inzwischen das Interesse an der umstrittenen Nachkriegsarchitektur schon groß war, änderte sich auch in der Architektur-Szene etwas. Deutlich wurde das, als 2015 Rem Koolhaas, oft bezeichnet als wichtigster Architekt der Welt, dem SPIEGEL erklärte, er sei „ganz generell der Meinung, dass wir keine Bauten abreißen sollten, die noch benutzbar sind“. Mit architektonischer Enthaltsamkeit habe das nichts zu tun, denn Umbauten seien ohnehin viel spannender als Neubauten.

Was vor Kurzem noch als Strategie der Denkmalpflege erschienen war, wurde unter dem Schlagwort „Umbaukultur“ jetzt mehr und mehr zum allgemeinen Ziel, befördert unter anderem durch klug formulierte Stellungnahmen des Bundes Deutscher Architekten. 2019 erschien schließlich die Initiative Architects for Future auf der Bildfläche, der die Transformation des Bauwesens zur Nachhaltigkeit keineswegs schnell genug geht. Ihre erste Forderung: „Hinterfragt Abriss kritisch!“

Wenn die Werkstatt Baukultur heute für die Sanierung des Bonner Stadthauses wirbt oder den Ausbau der Dachgeschosse in der
Amerikanischen Siedlung Plittersdorf anstelle von Neubauten in deren Parkanlagen unterstützt, dann sehen wir das inzwischen immer auch im großen Rahmen der planetaren Grenzen. Interessenkonflikte zwischen Geschichtsbewusstsein und Klimaschutz gibt es natürlich auch, aber im Großen und Ganzen gilt doch: Am (materiell) Vorhandenen festzuhalten war noch nie so zukunftsorientiert wie heute.

Erschienen in der BUZ 2_21