Gesellschaft,  Nachhaltigkeit,  Ökologie

Unsere auf Sand gebaute Gesellschaft gerät an ihre Grenzen

Sand gilt für viele als unerschöpflich. Auf unserer Erde wird er aber immer knapper und seine Knappheit ist zum Problem geworden. Doch im Grunde sind erneut wir Menschen das eigentliche Problem. Unser Raubbau an den vielseitigen Körnchen führt schon längst weltweit zu ökologischen Desaster.

Ingo Heseler

„Was ist das, Mondenkind?“ „Ein Sandkorn“, antwortete sie. „Es ist alles, was von meinem grenzenlosen Reich übrig geblieben ist.“ — Diese Worte aus Michael Endes Roman Die unendliche Geschichte bringen die Botschaft meines Artikels auf den Punkt. Jemand (Bastian oder irgendeine entscheidende Mehrheit) schiebt ein notwendiges Umdenken oder Handeln so lange vor sich her, bis es zu spät ist, um noch etwas zu retten. Die Wesen Phantásiens hatten in Endes Erzählung immerhin noch Glück. Denn obwohl Phantásien darin bis auf seine Kindliche Kaiserin und jenes letzte Sandkorn komplett vom Nichts geschluckt worden war, konnte Bastian alles und alle zurückwünschen.

Unser Sandverbrauch ist extrem

Sand besteht aus vielen verschiedenen Mineralen, vor allem aus Quarz. Es sind über Hunderttausende von Jahren durch physikalische oder chemische Verwitterung winzig zermahlene Steinchen. Ein Sandkorn hat einen Durchmesser zwischen 0,0625 und 2 Millimeter und kann so groß sein wie der Punkt am Ende dieses Satzes.

Nach Wasser und Luft ist Sand die weltweit meistgenutzte natürliche Ressource – noch vor Öl und Gas. Wir finden ihn nicht nur auf Spielplätzen oder als eingeschleppte Erinnerung im Koffer unseres letzten Strandurlaubs. Sand begegnen wir auch, wenn er sich als Siliziumdioxid beispielsweise in Putzmitteln, Kosmetika oder in Zahnpasta befindet. Als Rieselhilfe oder Trennmittel wird er Lebensmitteln wie etwa Reibekäse, Speisesalz und Tütensuppen beigemischt. Fragwürdig ist die Verwendung in Lebensmitteln, da sich das Oxid in Nanopartikelgröße bewegt und dadurch wahrscheinlich zellgängig ist. Sand wird außerdem in der Glasindustrie, in der Elektronikindustrie, beim Fracking sowie beim Hoch- und Tiefbau verwendet.

Von allen erwähnten beansprucht die Bauindustrie den beträchtlichsten Sand- und Kiesbedarf – zur Betonherstellung. Fürs Errichten von Gebäuden, Brücken und Straßen fallen Mengen an, die so absurd groß sind, dass unser Verstand sie sich kaum vorstellen kann. Global werden jährlich zwischen 30 und 50 Milliarden Tonnen Sand und Kies abgebaut, in Deutschland um die 240 Millionen. Eines der nächstgelegenen Abbaugebiete für Quarzsand befindet sich in Frechen westlich von Köln. Es liegt nicht weit vom RWE-Braunkohletagebau Hambach entfernt. Und ähnlich wie der Hambacher Wald leidet auch Frechens Buschbeller Wald unter dem gewaltsamen Abbau des unter ihm ruhenden Rohstoffs.

Stellen wir uns einmal die Bedarfsmengen verschiedener Bauzwecke gesammelt in riesigen Würfelbehältern vor. Welche Kantenlängen hätten diese Würfel? Ein Einfamilienhaus braucht etwa 200 Tonnen Sand. Sein Würfel hätte eine Kantenlänge von circa fünf Metern. Jeder Autobahnkilometer verschlingt bis zu 30 000 Tonnen. Grob 27 Meter hoch wäre hier der Kubus. Der Burj Khalifa in Dubai, das mit 828 Metern höchste Gebäude der Welt, benötigte mehr als 390 000 Tonnen australischen Sand; ein 63-Meter-Würfel.

Wieso importiert Dubai überhaupt Sand aus Down Under, obwohl doch genug davon in seiner eigenen Wüste herumliegt? Ganz einfach: Wüstensand ist für bauliche Zwecke unbrauchbar. Seine Körner sind vom Wind so rundgeschliffen, dass sie in Beton keinen Halt bieten würden. Es wäre instabil. Für Beton ist kantiger, ungleichförmiger Sand nötig. Ihn gibt es in Sandgruben, in Seen und Flüssen, an Stränden und am Meeresgrund.

Weltweit werden inzwischen zwei Drittel aller Gebäude und Anlagen aus Stahlbeton gefertigt. Zudem hat sich der Bauboom in den vergangenen 20 Jahren verdreifacht. Allein China hat mit 6,6 Gigatonnen von 2011 bis 2013 mehr Sand verbaut als die USA im kompletten 20. Jahrhundert (4,5 Gigatonnen). Es wird so viel Beton hergestellt, dass damit entlang des gesamten Äquators jedes Jahr eine graue Mauer von 27 Metern Höhe und Breite gegossen werden könnte.

2018 waren die USA, die Niederlande, Australien und Deutschland die vier größten Sand-Exporteure; die größten Importeure: Kanada, China, Belgien/Luxemburg und Singapur.

Welche Probleme gibt es?

Geeigneter Sand wird allmählich knapp. So sehr, dass es sich mittlerweile lohnt, ihn zu stehlen. Eine regelrechte „Sandmafia“ hat sich bereits gebildet. Überall dort, wo es keine Schutzvorschriften gibt oder wo sie durch Korruption unterminiert werden, wird Sand unter kriminellen Bedingungen abgegraben. Und ist es nicht der sichtbare Strandsand an den Küsten, ernten Schiffe mit gigantischen Saugern die Meeresböden ab. Das ist dramatisch, weil mit dem Sand auch das komplette Ökosystem eingesaugt und zerstört wird. Es entstehen Krater, die bis zu 90 Jahre benötigen, um wieder den ökologischen Lebensraum zu beherbergen wie vor der Entnahme.

Wird Sand an einer Stelle im Meer entnommen, rückt er von höher gelegenen Böden nach. Diese höheren Böden sind am Ende immer die Küsten. Weltweit sind bereits 75 bis 90 Prozent aller Strände auf dem Rückzug. In Florida sind von den insgesamt 800 Sandstrandkilometern etwa 400 künstlich angelegt – mit Sand, den sich das Meer immer wieder zurückholt. Und vor Indonesien sind seit 2006 mehr als 80 Inseln verschwunden.

Kleine und dennoch gewichtige Randnotiz: Die Betonproduktion ist für bis zu neun Prozent aller menschengemachten CO₂-Emissionen verantwortlich. Sie gehört somit zu den Hauptverursachern von Treibhausgasen.

Gibt es Lösungen?

Die Forschung entwickelt Verfahren, Wüstensand bautauglich zu machen. Das rettet dann vielleicht die Meere und Strände, geht aber anderen Biomen an den Kragen.

Potenzial, den Sandraub abzuschwächen, hat Sandrecycling. Es ist eine erprobte Methode, Sand, Kies und Stahl aus Bauschutt zurückzugewinnen. In Deutschland ist bislang aber nur die Nutzung von bis zu 45 Prozent recycelter Baustoffe erlaubt, null in Frischbeton. Es werden Schwächen im Material befürchtet. Expert*innen postulieren hingegen, dass bis zu 90 Prozent problemlos wiederverwendet werden können. In der Schweiz sind bei entsprechender Qualität bis zu 100 Prozent Recyclingsand erlaubt. Des Weiteren kann auch auf andere ressourcensparende Bauweisen zurückgegriffen werden. Doch die effizienteste Lösung lautet: einfach viel weniger (neu) bauen!

Kommt denn kein Nachschub?

Zu den bedeutendsten „Sandproduzenten“ zählen Flüsse. Ihr fließendes Wasser schiebt und zermahlt allmählich das darin befindliche Gestein immer weiter Richtung Seen und Meere. Aber auch hier gibt es einen Zivilisationshaken: Durch die immens vielen Staudämme ­– weltweit sind es mehr als 850 000 – bleibt der Nachschub an neugebildetem Sand allmählich aus. Sand ist also keine unendliche Geschichte mehr.

Eine gekürzte Fassung dieses Artikels erschien in der BUZ-Ausgabe März/April 2021.