Nachhaltigkeit,  Ökologie

Vorankündigung

Und was ist mit der Bauwende?

Der ökologische Fußabdruck des Bausektors ist groß, Beton und Stahl sind genauso ein Problem wie Kohle und Kerosin. Trotzdem wird das Bauen in der Öffentlichkeit noch kaum als Handlungsfeld des Klimaschutzes gesehen, allenfalls das Dämmen und Heizen von Gebäuden. Die Fachdiskussion dazu ist aber inzwischen in vollem Gang. Deshalb widmet die Bonner Umwelt Zeitung dem Thema Baukultur und Nachhaltigkeit einen Schwerpunkt – hier und in der kommenden Ausgabe.

Alexander Kleinschrodt

Als die Bonner Umweltzeitung auf Seite zwei der Ausgabe Juli/August 2020 eine „Wortwolke zum Klimanotstand“ veröffentlichte, konnte man ein eindrucksvolles Panorama gegenwärtiger Probleme („Hitzewelle“, „Billigflüge“) und möglicher Lösungen („Green Deal“, „Machen!“) studieren. Von Stichworten zum Bausektor war in der Wortwolke allerdings nichts zu sehen, obwohl sie hier eigentlich ihren Platz haben müssten – und zwar bei den Problemen wie auch bei den Lösungen. Versteht man die Wolke aber einfach als Spiegel der aktuellen Diskussion, dann ist dieses Fehlen absolut realistisch: Es ist ein Symptom für einen noch immer bestehenden blinden Fleck im Klimaschutz, über Bauen und Beton wird dabei noch viel zu wenig gesprochen.

Dass da bei den allgemeinen Prioritäten etwas schiefläuft, erkennt man schon an einem einfachen Beispiel. Plastikstrohhalmen, Wattestäbchen oder ähnliche kleine Alltagsprodukte, die nach einmaligem Benutzen im Abfall landen, gelten mehr und mehr als inakzeptabel. Wenn aber an einem Sonntagmorgen ein funktionsfähiges Hochhaus spektakulär gesprengt wird, dann pilgert die ganze Familie zum Ort des Geschehens, staunt über die große Staubwolke und denkt sich nichts dabei. Auch nicht angesichts der Baukräne und der vielen täglich an- und abfahrenden LKW, mit deren Hilfe dort dann wieder ein im Prinzip vergleichbares Gebäude aus Stahlbeton errichtet wird. Sicher ist es doch „viel zeitgemäßer“ als sein Vorgänger?

Das Beispiel ist nicht aus der Luft gegriffen: In der Bundesstadt wurde 2017 das Bonn-Center gesprengt. Für den Komplex am Bundeskanzlerplatz, der Ende der 1960er Jahre das neue Selbstbewusstsein der damaligen Bundeshauptstadt zum Ausdruck brachte, hatte es 2008 schon einmal Sanierungs- und Umbaupläne gegeben. Doch nach einem Eigentümerwechsel erschien das plötzlich nicht mehr als zweckmäßig. Der Bau war sicherlich kein architektonischer Meilenstein und stand damals in Teilen leer. Auch war der Abriss keineswegs ein besonderer „Sündenfall“, sondern Teil des normalen Betriebes. Zurzeit fallen überall solche manchmal als hässlich betrachteten, oft gar nicht bewusst wahrgenommenen Gebäude aus den vergangenen Jahrzehnten, um Platz zu machen für „Ersatzneubauten“. Wo also liegt das Problem?

Bauwesen nicht zukunftsfähig

Aktuell mehren sich die Stimmen, die das Bauwesen, so wie es heute ist, für nicht zukunftsfähig halten – genauso wie Kohlekraftwerke, steuerfreies Flugbenzin und Massentierhaltung. Eine besonders prominente Stimme in dieser Reihe ist die des Klimaforschers Hans Joachim Schellnhuber, dem langjährigen Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. In einem auch im Internet zu findenden Vortrag aus dem Frühjahr 2020 stellte er fest, dass der ökologische Fußabdruck des Bauens „lange vergessen“ worden sei. Wenn aber im Bausektor nicht ein tiefgreifender Wandel erfolge, dann „haben wir keine Chance, das Pariser Klimaabkommen umzusetzen“, sagt Schellnhuber dort und nennt zwei Zahlen: Gebäude und der Bausektor stehen für ungefähr 40 Prozent der globalen CO2-Emmissionen. Dennoch geht der Bauboom weiter, in Deutschland und auch global. Eine aufsehen­erregende Studie hat beispielsweise ergeben, dass in China zwischen 2008 und 2010 soviel Beton verbaut wurde wie in den USA während des gesamten 20. Jahrhunderts.

Zementproduktion erzeugt zuviel CO2

Das Problematische am Beton ist der darin enthaltene Zement. Ein wesentlicher Schritt bei dessen Herstellung ist das Brennen von Kalk, das hohe Temperaturen von rund 1.400 Grad Celsius verlangt. Erzeugt wird diese Hitze in der Regel natürlich mit fossilen Brennstoffen – und übrigens auch durch das Verbrennen von Plastikabfällen. Das allein ist aber noch nicht entscheidend, denn sonst könnte man die Zementproduktion ja einfach auf erneuerbare Energien umstellen. Vielmehr werden beim Kalkbrennen selbst enorme Mengen an CO2 freigesetzt. An dieser einfachen chemischen Reaktion führt kein Weg vorbei und das alles geschieht schon, bevor überhaupt mit dem Bauen begonnen worden ist.
Soweit also das Grundproblem. Aber wie sieht es mit den Lösungen aus? Gilt auch hier der Satz, dass wo die Gefahr ist, auch das Rettende wächst? Tatsächlich gibt es längst eine lebendige Fachdiskussion zu einer an Nachhaltigkeit orientierten Baukultur, die allerdings noch kaum die breitere Öffentlichkeit erreicht hat. An Hochschulen werden Master-Studiengänge zum nachhaltigen Bauen eingerichtet, aber auch in der ganz normalen, „grundständigen“ Ausbildung von Architekt*innen und Stadtplaner*innen wird das Thema langsam zu einem selbstverständlichen Bestandteil. Das Interesse der Studierenden daran ist jedenfalls groß, man erkennt das auch an den Abschlussarbeiten: Als spannende Themen gelten nicht mehr der Entwurf einer Villa am See oder eines Flughafens, sondern Projekte, die gesellschaftliche Probleme im Blick haben – wie eben den Klimaschutz.

Natürlich gibt es auch beim Bauen Beharrungskräfte, die den Übergang vom Problembewusstsein zum Handeln erschweren. Etablierte Akteurinnen und Akteure werden erfolgreiche Geschäftsmodelle nicht so leicht umstellen wollen, angestellte Planerinnen und Planer am Anfang ihres Berufslebens sehen dagegen in ihrem Alltagsgeschäft kaum Möglichkeiten, wirklich etwas zu verändern. Vor allem aus der zweiten Gruppe haben sich inzwischen viele in dem noch jungen Verein Architects for Future zusammengeschlossen, um Erfahrungen auszutauschen, Handlungsspielräume auszuloten und politisch aktiv zu werden. Ihre Parole in den sozialen Medien: #baukeinenscheiss.

Wie beim Klimaschutz insgesamt wird auch im Hinblick auf das Bauen oft gesagt, dass die Lösungen ja bereits da seien. Das Prinzip „Cradle to Cradle“ könnte so etwas sein, ein Bauen als Kreislaufwirtschaft, bei dem vorhandene Gebäude den Rohstoff für neue liefern. Möglicherweise finden sich die Auswege aber nicht nur beim smarten Öko-High-Tech, sondern auch bei vergleichsweise simplen konstruktiven Kniffen zur Temperaturregulierung in Gebäuden, mit denen auf regionale Bautraditionen und natürliche Materialien zurückgegriffen wird.

So stellt es zum Beispiel der Bund Deutscher Architekten in seinem 2019 vorgelegten Positionspapier „Das Haus der Erde“ fest, das auch von Hans Joachim Schellnhuber als „großer Wurf“ gelobt wurde. „Das Einfache“, so heißt es dort, „ist letztlich übertechnisierten Konzepten überlegen.“ Technische Anlagen führten schließlich auf lange Sicht oft zu einem gesteigerten Energieeinsatz in der Nutzung und im Unterhalt. Auch bei den herkömmlichen Materialien zur Wärmedämmung werden hinsichtlich ihrer Gesamtbilanz Zweifel angemeldet. Den Berliner Architekten Arno Brandlhuber führte das zum Konzept seiner 2015 entstandenen Anti-Villa in der Nähe von Potsdam. Brandlhuber, für den „die Weiternutzung keiner Bauruine zu abwegig“ sei, habe damit ein „Monument gegen den Dämm-Wahn“ geschaffen, schrieb das Magazin BauNetz.

Weiternutzung ist das A und O

Überhaupt ist die Weiternutzung das A und O des nachhaltigen Bauens. Wenn der ganze Lebenszyklus eines Gebäudes betrachtet wird, mitsamt der „grauen Energie“ zum Beispiel aus der Zementproduktion, die in ihm steckt, dann sind Investitionen in den Bestand meistens nachhaltiger als selbst die effizientesten Neubauten. Schaut man so auf vernachlässigte Bauten der vergangenen Jahrzehnte, bei denen oft nur noch das Grundstück als begehrenswert gilt, dann erscheinen sie plötzlich als enorm wertvoll. Auch die gestalterischen Qualitäten etwa von Bauten der 1970er Jahre können dann neu entdeckt werden – man denke an das Farbfenster im leider schon seit zehn Jahren leerstehenden Bonner Viktoriabad. „Bauen muss vermehrt ohne Neubau auskommen“, fordert deshalb der Bund Deutscher Architekten. Aus Baukultur wird Umbaukultur.

Holz als Baustoff

Nicht zuletzt wird gegenwärtig der Holzbau wiederentdeckt. Inzwischen entstehen sogar erste Hochhäuser, bei denen fast alles, auch tragende Elemente, aus dem nachwachsenden Rohstoff gefertigt wird. Das Verblüffende ist, dass Gebäude so sogar zur CO2-Senke werden können, denn potentiell kann man der Atmosphäre mit dieser Art des Bauens die Treibhausgase entziehen, die der Baum im Holz eingelagert hat. Immer vorausgesetzt, die Bauten werden für lange Zeit genutzt und nicht nach kurzer Zeit wieder zu Müll.

Wie ein nachhaltiger Bausektor, wie eine wirklich zeitgemäße Baukultur aussehen soll, wird gerade neu ausgehandelt. Wie bei allen anderen Aspekten des Klimaschutzes geht das mit tiefgreifenden Veränderungen einher. Aber auch mit großen Chancen.

Viele der Themen dieses Artikels finden sich ausführlich in der nächsten Ausgabe der Bonner Umweltzeitung März/April 2021 wieder.

Erschienen in der BUZ 1-21