Interview,  Nachhaltigkeit

Die Stadt im Blick

Interview mit Alexander Kleinschrodt, Münster Modell e. V.

Debatten zu Architektur und Städtebau verlaufen oft unübersichtlich und einseitig. Übersicht schaffen kann da ein plastisches Stadtmodell. Stefan Rethfeld hat mit Münster Modell e. V. in einer mit Bonn vergleichbaren Stadt eines auf den Weg gebracht. Alexander Kleinschrodt sprach mit ihm über neue Perspektiven auf den gebauten Raum und Leitplanken einer nachhaltigen Stadtentwicklung.

Stefan Rethfeld im Interview mit Alexander Kleinschrodt

Herr Rethfeld, worum geht es dem Verein Münster Modell?

Ganz einfach: Wir wollen das Bewusstsein schärfen für Stadt und Architektur. Ein Stadtmodell hilft dabei. Es ist für unterschiedliche Zielgruppen sehr reizvoll: Für Fachleute und Laien, für die Politik und die Verwaltung, für Planer und Investoren. Sie alle profitieren davon, dass man die Stadt insgesamt mal als Ganzes in den Blick nehmen kann. Solch ein Werkzeug wollten wir in Münster auch gerne einsetzen.

Welche anderen Städte waren denn Vorbilder?

Zürich zum Beispiel hatte schon lange ein Stadtmodell. Franz Eberhard, der damalige Stadtbaumeister, sagte mal: Wenn ich mit einem Investor spreche, höre ich vor allem, warum sein Projekt das Wichtigste für die Stadt sein soll. Doch sobald ich ihm das Stadtmodell zeige, erkennt er, dass er mit seinem Projekt zumeist nur ein Mosaiksteinchen im Stadtgefüge ist. Diese Anerkennung von gebauter, gewachsener Stadt ist immens wichtig.

Wie sieht Ihr Modell heute aus?

Es zeigt Münster im Maßstab 1:500, weil das meistens der Maßstab in städtebaulichen Wettbewerben ist. Wir haben ein Raster über die Stadt gelegt und die Fläche dann in einzelne Platten zu jeweils einem Meter im Quadrat gegliedert – in der Wirklichkeit entsprechen sie also jeweils 500 mal 500 Metern. Markante historische Bauten sind aus dunklem Holz, der sonstige Baubestand ist weiß, Neubauten kommen in hellem Holz dazu. Das Modell ist im Einsatz, wenn es ausgestellt wird, aber auch, wenn einzelne Platten in den Sitzungen des städtischen Planungsausschusses oder des Gestaltungsbeirates angeschaut werden, was regelmäßig passiert.

Gab es aus Ihrer Sicht ein Defizit in den Debatten zur Baukultur? Haben Sie versucht, mit dem Modell eine Lücke zu füllen?

Als wir Münster Modell e. V. 2006 gegründet haben, erlebten wir Münster als relativ dynamisch, was den Stadtumbau anging. Ein neuer Bahnhof wurde geplant, neue Parkhäuser, neue Quartiere in der Innenstadt. Um stadtstrukturelle und stadträumliche Fragen zu prüfen, reicht ein Stadtplan nicht mehr aus. Das Modell verstehen wir als eine Art Messgerät für das Verhältnis von Straße zu Haus. Auch lässt sich die Dimension von Neubauten damit darstellen. Ganz wichtig aber: Es ist ein Mittel zum Zweck, um über Stadt ins Gespräch zu kommen.

Gibt es aus Ihrer Sicht ein Problem, wenn die öffentliche Debatte um Baukultur stark von digitalen Renderings und Visualisierungen geprägt wird?

Technisch hat sich das sehr in den letzten zwanzig Jahren perfektioniert. Es gibt heute Programme, mit denen man Neubauten nahezu fotorealistisch simulieren kann. Es gibt sogar einzelne Architekten, die sagen: Wir arbeiten so präzise, dass mein fertiges Gebäude genauso aussieht, wie das Rendering. Ich erschrecke da immer etwas, weil man die Gleichung oft auch umdrehen kann: Das reale Haus sieht dann aus wie ein Computerbild. Das sind natürlich gestalterische Fragen. Doch neben der Einzelhaus-Betrachtung ist es wichtig, den städtebaulichen Kontext mit in den Blick zu nehmen. Hier ist das Stadtmodell schnell überlegen, da der Blick nicht gelenkt wird, sondern jeder Betrachter sein eigener Regisseur ist. Bei einem Stadtmodell ergeben sich unzählige Perspektiven. Vielfach lassen sich auch bislang unbekannte Bezüge entdecken und vergleichen.

Hat sich durch das Modell in Münster etwas verändert?

Wie gesagt: Das Modell ist dazu da, den Stadtkörper bewusster denken zu können. Für Architekten bedeutet es, dass ihre Planungen komplexeren Anforderungen gerecht werden müssen. Zu banale Ideen werden im Modell sofort entlarvt. Und auch die Stadtverwaltung muss viel mehr begründen, warum sie einen Bau in dieser oder jener Form zulässt. Die Politik kann nicht einfach etwas schönreden. Die Aussagen der am Bau Beteiligten werden stärker überprüfbar.

Das klingt noch theoretisch. Sind diese Möglichkeiten zu bestimmten Anlässen auch konkret nutzbar geworden?

Ja. Gerade wenn es um die Verdichtung von Stadt geht, müssen Projekte deutlich feiner geplant werden. Es gilt, vieles an Bestehendem neu zu vernetzen. Auch Hochhäuser können nicht einfach gefordert werden, sondern hier bedarf es viel umfangreicherer Standortanalysen. So wurden durch das Stadtmodell Hochhaus-Planungen sowohl schon verhindert als auch ermöglicht.

Dass so ein Modell dabei hilft, städtebauliche Qualität zu beurteilen und zu fördern, leuchtet ein. Kann es denn auch für eine nachhaltig angelegte Stadtentwicklung Impulse geben?

Auf jeden Fall. Nachhaltigkeit heißt doch, einen Stadtkörper mit seiner Dichte weiter zu entwickeln. Auch wenn unser Stadtmodell bislang nur die Innenstadt abbildet, ist natürlich an die gesamte Stadt mit ihren Stadtteilen oder auch die gesamte Stadtregion zu denken. Das gilt für Mobilitätskonzepte, für Wohnraumschaffung, für geschützte Naturräume und anderes mehr. Mir erscheint es wichtig, dass Bewohner sich ihrer Stadt gegenüber verantwortlich fühlen. Ein Modell bringt viele Menschen zusammen, man erfährt sich in einem gemeinsamen Maßstab und kann zusammen die eigene Stadt neu entdecken. Mit diesem lokalen Expertenwissen kann eine Stadt noch viel besser gelingen – und verfeinert werden. Die „Stadt der Zukunft“ ist eine Stadt der Dichte wie auch der Verfeiner­ung.

Wie gut kennen Sie Bonn? Könnte der Ansatz von Münster Modell auch hier etwas bewirken?

Bonn eignet sich ganz klar für ein Stadtmodell. Viele Bonner würden sicher staunen, wie mannigfaltig die Stadtviertel sind. Es wäre sicher sehr reizvoll die Stadt mit dem Rhein abzubilden, mit allen landschaftlichen Situationen. Bonn hat, ebenso wie Münster, eine gute Größe. So können die Vorteile der Großstadt genauso genossen werden wie die Nähe zum ländlichen Raum. Meines Wissens gibt es sogar schon ein Modell, das einmal für eine Immobilienmesse sehr schnell auf den Weg gebracht wurde – von den ansässigen DAX-Unternehmen.

Das Modell zeigte das Bundesviertel und den Bonner Bogen. Soweit ich weiß, hat man es schon länger nicht mehr gesehen.

Am Ende ist es eben wichtig, dass da ein Verein oder eine Stiftung als dauerhafter Träger dahinter steht. Uns war klar, dass wir einen langen Atem benötigen. Unser Modell befindet sich nunmehr im fünfzehnten Jahr. Das mag lange klingen, doch nicht nur Stadtentwicklung benötigt Zeit, auch der Prozess für ein Stadtmodell muss wachsen. Es ist auch nie fertig – genauso wie eine Stadt. Wenn ich noch einen Tipp geben darf: Man müsste frühzeitig darauf achten, dass auch ein Standort für das Modell geschaffen wird. Wir erleben in Münster, dass sich ein dauerhafter Ort gar nicht so leicht finden lässt.

Vor einigen Monaten drängte in Bonn ein Unternehmer in die Öffentlichkeit, der im Rheinauenpark einen 220 Meter hohen Event-Tower bauen möchte. Wie sähe Bonn damit aus?

Für mich sieht der Entwurf, ehrlich gesagt, eher aus wie ein Spielzeug. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass Bonn weitere Hochhäuser oder Türme benötigt. Die drei höchsten der vorhandenen Hochhäuser – Stadthaus, Langer Eugen und Post-Tower – erzählen bereits eine schlüssige Stadtgeschichte: einen Dreiklang von Stadt, Politik und Wirtschaft.

Stefan Rethfeld ist Architekt und Journalist. Er beschäftigt sich mit Architekturvermittlung und Architekturforschung, vor allem in Münster und Berlin. Derzeit kuratiert er eine Ausstellung über den Architekten Harald Deilmann (1920 – 2008), die ab dem Spätsommer 2021 im Baukunstarchiv NRW (Dortmund) zu sehen sein soll. Rethfeld war Mitinitiator von Münster Modell e. V. und engagiert sich seit 2006 als dessen Vorsitzender. In diesem Jahr feiert der Verein seinen 15. Geburtstag.
Mehr unter www.muenster-modell.de

Erschienen in der BUZ 2_21