Nachhaltigkeit,  Ökologie

Potentiale der Holzbauweise

Holz im Haus ist nicht nur gut für das globale, sondern auch für das Wohlfühl-Klima

Bauen ist momentan in aller Munde. Geld auf der Bank ist wenig gewinnbringend oder kostet gar. Alternative Anlagen müssen her. Außerdem herrscht Wohnungsnot. Es wird also gebaut; egal ob privat oder gewerblich. Laut Statistischem Bundesamt waren in 2018 17,8 Prozent dieser Neubauten überwiegend aus Holz. Ziemlich wenig. Woran das liegt, erklärt der Bonner Fachberater für nachhaltigen Siedlungsbau, Dipl.-Ing. (Arch.) Holger Wolpensinger.

Tobias Landwehr

„Zuerst sollten wir die Begriffe sortieren“, steigt Wolpensinger in das Gespräch ein, „Massiv- ist nicht das Gegenteil von Holzbauweise.“ In der Tat finden sich bei einer kurzen Internetrecherche oftmals genau hierfür Vergleiche. „Gegenüberzustellen sind mineralische und hölzerne Bauweisen“, so der Fachberater für nachhaltiges Bauen. Immerhin gibt es auch die massive Holzbauweise wie den Blockbohlen-, den Brettsperrholz- oder den Brettstapelbau. Daneben stehen Leichtbauweisen wie Holzrahmen, -ständer- oder -skelettbau, die in fast allen Fertighäusern zum Einsatz kommen.

Die dabei immer wieder vorgebrachten Nachteile wie Brandgefahr, mangelnde Schallisolierung oder statische Probleme seien technisch schon längst im Griff. „Auch beim Preis ist die Zurückhaltung unbegründet. Richtig geplant, kann das Bauen mit Holz sogar günstiger sein“, bestätigt der Diplom-Ingenieur.

Gesellschaft

Nun scheint es verschiedene Gründe zu geben, die Bauherr*innen davon abhalten, an Holz als Baustoff zu denken. Dabei lägen die Vorteile wie Raumklima, Verfügbarkeit, Nachhaltigkeit – nachwachsender Rohstoff mit sehr guter Klima- und Ökobilanz – oder geringe Bauzeit doch auf der Hand.

Eine schnelle Umfrage im Freundeskreis des Autors ergab: Es wird gebaut, was der Nachbar baut. „Oder was der Architekt bzw. der Bauunternehmer empfiehlt und anbietet. Ohne Angebot, keine Nachfrage!“, ergänzt Wolpensinger.

Laut Holzbau Deutschland, dem Bund Deutscher Zimmermeister im Zentralverband des Deutschen Baugewerbes e. V., herrschen dabei regional starke Unterschiede. Baden-Württemberg, Hessen, Bayern und Rheinland-Pfalz lagen 2018 mit einer Quote über 20 Prozent der genehmigten Wohngebäude in Holzbauweise über dem bundesweiten Durchschnitt. Der Baufachberater vervollständigt: „Auch in Österreich und der Schweiz ist das Bauen mit Holz stark verbreitet und im Erscheinungsbild sowie der Baukultur der Regionen verankert. Viel mehr als das bspw. in NRW der Fall ist. Wobei es auch hier sehr viele Fachwerkhäuser mit einer tragenden Holzkonstruktion gibt!“

Branche

Es ist anzunehmen, dass auch wegen dieser geringen Nachfrage Architekten und Unternehmen ihren Schwerpunkt eher in Richtung Bauen mit mineralischen Rohstoffen ausrichten. In dieser Wechselwirkung scheint es unwahrscheinlich, dass reine Marktmechanismen für einen Anstieg der Quote beitragen werden.

Einigen Fachartikeln in Branchenzeitschriften („Bauen mit Holz“ etc.) ist trotzdem zu entnehmen, dass mittelständische Unternehmen des Zimmerhandwerks mit 100 Beschäftigten rund 20 Millionen Euro pro Jahr umsetzen; Tendenz steigend. Das größte Kuchenstück seien hierbei allerdings Großprojekte.

Politik

Ein Grund dafür könnte die Novellierung der bundesländereigenen Bauordnungen (LBO) sein. Demnach seien zweigeschossige Bauvorhaben aus Holz der Willkür der Baubeamt*innen der zuständigen Zulassungsbehörde ausgesetzt. „Bundesländer wie Bremen, Hamburg, Berlin, NRW, Baden-Württemberg und Bayern haben diesen Wettbewerbsnachteil aufgehoben. In NRW trat die LBO-Novellierung im Januar 2019 in Kraft. Die anderen Länder haben auf der Landesministerkonferenz im September 2019 aus Gründen des Klimaschutzes erfreulicherweise beschlossen, nachzuziehen“, so Wolpensinger. „Damit kommen dann wesentliche gesetzliche Hindernisse für den Holzbau bundesweit vom Tisch, was zu weiter sinkenden Baukosten in diesem Segment führen wird“

Andere Möglichkeiten für die örtlichen Verwaltungen, Holz als Baustoff zu fördern, könnten gezielten Ausschreibungen von Bauprojekten oder Festlegungen im Bebauungsplan sein. „Letzteres funktioniert nicht überall“, diagnostiziert der Baufachberater. So seien ihm Projekte bekannt, bei denen entsprechende Grundstücke einfach nicht verkauft wurden. „Ein Verbot mineralischer Materialien für die tragende Konstruktion kann kontraproduktiv sein.“

Bei eigenen Bauprojekten seien die Behörden allerdings frei, klimafreundliche Holzbauweisen einzukaufen: „Öffentliche Einrichtungen sollten hier eine Vorreiterrolle einnehmen. Oftmals sind Kindergärten, Rathäuser und andere städtische Gebäude als Neubau bereits in Holzbauweise geplant bzw. umgesetzt. In den 80er Jahren war Bonn bei Kindertagesstätten in Holzbauweise schon mal weiter. Heute sind es allerdings vorwiegend private Bauherren, die Holzbauten realisieren.“

Vorzeigeprojekte

In Bonn gibt es einige Wohnbauvorhaben, die mehr oder weniger umfangreich in Holzbauweise umgesetzt wurden beziehungsweise. werden sollen.

Auf der Internetseite www.siedlungen.eu stellt Holger Wolpensinger diese und andere Projekte vor.

In Bonn gibt es demnach sieben Wohnbauprojekte. Darunter die erste Niedrigenergiesiedlung des städtischen Wohnbauunternehmens VEBOWAG in Bonn-Tannenbusch. Das Architekturbüro Pilhatsch & Partner plante hier in Holzbauweise mit Dachbegrünung, Solarthermischen Anlagen und Niedrigenergie.

Oder die Musterhaussiedlung für ökologisches Bauen und regenerative Energien mit 90 Wohneinheiten in Bonn Tannenbusch. Die ursprünglich vom Architekten Joachim Eble ambitionierte Brettstapel-Holzbau-Siedlung wurde dann leider doch mit einem konventionellen Konzept umgesetzt.

Ein Holzbauprojekt der Superlative – allerdings kein Wohnbau – ist das „Rhein-Palais Bonner Bogen“ unweit der Rohmühle. Es ist eines der größten deutschen Bürobaugebiete mit einer Fassade in Holztafelbauweise. Leider sieht man den Büros und Ladenlokalen ihren hölzernen Ursprung nicht an, denn die Holztafelelemente sind komplett verputzt. Der Investor hat sich aber wohl in erster Linie für diese Bauweise entschieden, weil es die preiswerteste Lösung war.

„In der UN-Stadt Bonn, die sich gerne mit dem Begriff der Nachhaltigkeit schmückt, ist ansonsten leider wenig los“, konstatiert Wolpensinger. „Die Modellgebäude und -quartiere für Nachhaltigkeit sind in anderen Städten zu finden. Warum das hier nicht längst ein gesetzter Standard ist, erschließt sich mir ehrlich gesagt nicht. Wir wissen schon lange, dass die nachhaltigen Quartiere, in denen der Holzbau immer schon eine wichtige Rolle spielt, wirtschaftlicher und günstiger zu betreiben sind.“

Im Gegensatz zu Bonn ist beispielsweise Bremen sehr viel umtriebiger bei Holzbauprojekten im städtischen Wohnungsbau. Dort gibt es unter anderem die „Überseeinsel“: Auf 15 Hektar des ehemaligen Kellogg-Geländes entsteht dort ab 2021 ein neues gemischtes Stadtquartier für 3.000 Bewohnerinnen und Bewohner sowie Gewerbebauten mit 3.000 neuen Arbeitsplätzen. Ein Mix aus Wohnen, Leben und Arbeiten trifft auf moderne ökologische Mobilitäts- und Energiekonzepte.

Oder das Klima- und Holzbauquartier „Ellener Hof“: Ab 2025 sollen hier Jung und Alt in rund 500 ressourcenschonend gebauten Wohnungen zusammenleben. Die verschiedenen Bautypen erstrecken sich vom Reihenhaus bis hin zu fünfstöckigen Mehrfamilienhäusern und sollen einem dörflichen Charakter entsprechen.

Aber auch unsere Nachbarn in Köln sind in Sachen Holzbau schon deutlich weiter als wir in Bonn. Die „Fordsiedlung“ in Köln-Niehl zum Beispiel wurde in 2010 saniert. 45 Wohnungen hat die Landesentwicklungsgesellschaft Wohnen NRW in Holzbauweise auf Bestandswohnungen aufgestockt, wodurch eine mietkostenneutrale energetische Sanierung und der Umbau der Wohnungen finanziert werden konnte. Außerdem hat die Stadt aus Klimaschutzgründen im Juli 2019 einstimmig im Rat beschlossen, künftig kommunale Neu- und Bestandsgebäude vorzugsweise mit Holzbaustoffen zu realisieren.

Probewohnen

Der allergrößte Vorteil, der nicht in Zahlen begreiflich gemacht werden kann, sei das Wohlfühlklima im Holzhaus. „Ich durfte schon häufiger in Holzhäusern wohnen. Das ist ein ganz anderes Gefühl als in einem Haus aus

Stein“, schwärmt Wolpensinger. Viele Anbieter und Bauprojekte bieten die Möglichkeit, für eine längere Zeit in einem entsprechenden Haus einmal auf Probe zu wohnen. Nur so ließe sich der größte Pluspunkt dieser Bauweise erlebbar machen.

Fazit

Die Gründe für die Zurückhaltung beim Bauen mit Holz scheinen facettenreich. Geschichtlich spielte sicherlich auch der Wiederaufbau in Verbindung mit der mangelnden Ressource Holz eine Rolle. Große Teile unserer Wälder litten im Zweiten Weltkrieg stark unter Brandrodung und Abholzung. Doch das dürfte heute nicht mehr ins Gewicht fallen. Durch große Mengen von sog. Käfer- und Bruchholz gibt es derzeit sogar ein Überangebot am europäischen Rohholzmarkt.

„Aber auch unabhängig davon wird regelmäßig in Studien nachgewiesen, dass der überwiegende Teil unserer Gebäude dauerhaft in Holzbauweise errichtet werden kann“, so Wolpensinger weiter. „Dazu müsste sich die Bauindustrie umstellen, die sich natürlich dagegen wehrt; ähnlich wie im Industriekomplex der Automobilbauer.“

Das ist eine große Transformation. So beschreibe es die Nachhaltigkeitswissenschaft. Bauverwaltungen, Planungsbüros und ausführende Handwerksbetriebe müssen solche enormen Veränderungen erst in ihre Arbeitsabläufe integrieren. Zwar schaffen die novellierte LBO in NRW und kommende Klimaschutzmaßnahmen von EU oder Bund weitere Anreize. Aber dieser Wandel wird wohl noch dauern. Zur Erhaltung des menschlichen Habitats und des Umweltschutzes ist das allerdings überfällig.

Schlüsselakteure sind die zukünftigen Bauherr*innen, Architekt*innen und Stadtplanenden. Sie erzeugen in großem Umfang die Nachfrage. Hier sind Informationen ausschlaggebend. Zentrale Anlaufstellen sind die kostenlose Baufachberatung und die Internetseite des Informationsdienstes Holz, die sich sowohl an Fachplaner*innen als auch an Bauherr*innen richtet.

Und Probewohnen lohnt sich auch. Eine Nacht im Holzhaus-Wohlfühl-Klima und das Steinhaus ist vergessen.