Kommentar

Schwerpunkt: Zeitenwende

Nach Corona in die Zeitenwende…

Der Jo-Jo-Effekt ist allen bekannt – demnach stellt sich nach einer Gewichtsabnahme in kurzer Zeit ein Übergewicht ein, wenn die alten Essgewohnheiten beibehalten werden. Auf die aktuelle Corona-Pandemie bezogen – die Welt hält inne. Ökologische Strategien sowie Anpassung oder Zurückdrängen mancher Lebens- oder Wirtschaftsweisen ermöglichen den Erhalt oder die Wiederherstellung des Naturraums. Zu unser aller Gesundheit und Wohl sollten wir unsere Chancen erkennen und nutzen.

Ralf Wolff

Die Zeitenwende nach Corona kann sich vielseitig zeigen. Unsere Zusammenstellung deckt dabei ein breites Spektrum ab. Wir laden Sie ein, in ein paar Aspekte tiefer einzutauchen. In der Vergangenheit gab es zahlreiche Zeitenwenden – erfreuliche und unerfreuliche. Aus diesen gilt es zu lernen, damit wir Gefahren erkennen und Chancen ergreifen lernen.

Zeitenwende im Denken

Den Mut zur Zeitenwende wünscht sich das Projektteam der Bertolt-Brecht-Gesamtschule. In der Reihe „Das Denken befragen“ sprachen sie in der Juli/August-Ausgabe dieser Zeitung mit dem Philosophieprofessor Markus Gabriel, der das rationale systematische Nachdenken als notwendige Voraussetzung zum Bewusstseinswandel in Gesellschaft und Politik benannt hatte. Nun setzt das Team die Gesprächsreihe mit Klaus von Stosch, dem Leiter des Zentrums für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften an der Uni Paderborn, fort. Für ihn sollte Religion die Kraftpotentiale der Spiritualität nutzen, um die Welt zu verändern. Dabei ist es ihm wichtig, im interreligiösen Dialog gemeinsame Lösungen für eine ökologisch gerechtere Welt zu entwickeln.

Zeitenwende aus Naturschutzsicht

Aus Naturschutzsicht müsste den Menschen doch nun klar werden, dass das wirtschaftliche Handeln nicht zulasten der Artenvielfalt gehen darf. Denn mit dem Artenschwund können immer öfter Viren, die zuvor im Lebensraum ihrer Wirte verblieben sind, über Zwischenwirte auf den Menschen überspringen. Diese Zusammenhänge beschreibt das Buch des Biologen Clemens Arvay mit dem Arbeitsgebiet Gesundheitsökologie.
Der Autor legt seiner Arbeit die Biophilie-Ethik nach Erich Fromm zugrunde. Wer auf der Grundlage der Biophilie denkt und handeln möchte, setzt sich mit leidenschaftlicher Liebe für das Leben und allem Lebendigen ein, ganz gleich ob es sich dabei um Menschen, Tiere, Pflanzen oder soziale Gruppen handelt.
In diesem Zusammenhang möchten wir Sie auf die Volksinitiative Artenvielfalt NRW aufmerksam machen. Machen Sie mit! Wenn 66.000 Stimmberechtigte dem Appell zustimmen, muss sich der Landtag mit dem Thema Artenvielfalt befassen (BUZ 6/20).

Ideensammlung Zeitenwende
Zeitenwende in der Energiepolitik

Auf eine Zeitenwende hin zur Nutzung der erneuerbaren Energieträger aus den natürlichen Elementen Sonne, Wind, Wasser und Erde warten wir nicht nur hierzulande, sondern weltweit. Auch muss bei der Frage der Atommülldeponierung ein gemeinsamer demokratischer Weg beschritten werden.
Der Bund scheint aus der Geschichte gelernt zu haben und bindet die Öffentlichkeit auf Basis des Standortauswahlgesetzes stärker in die Suche nach einer geeigneten Lagerstätte ein.
Somit kann die öffentliche Erörterung des Zwischenberichts Teilgebiete zur Endlagerung des Atommülls in einem partizipativen und transparenten Verfahren als Zeitenwende empfunden werden.
Die bei der Auftaktveranstaltung im Oktober eingerichtete Arbeitsgruppe zur Vorbereitung der Februar-Konferenz startet in Kürze einen „Call for Papers“, den Sie auch auf unserer Facebook-Seite finden werden.
Ziel ist es, Fragen, Einwände und Expertise zum Zwischenbericht zu sammeln, um eine kontroverse Diskussion zu ermöglichen. Lesen Sie mehr über die Eindrücke unserer Autorin aus den Konferenzen und wie es in 2021 weiter geht.

Zeitenwende postkolonial

Im postkolonialen Zeitalter sollte sich durch gleichberechtigten und wertschätzenden Austausch von Gedanken, Rohstoffen und Gütern der Weltbevölkerung auszeichnen. Das aktuelle Weltwirtschaftssystem bietet dabei nicht die beste Ausgangslage. Dass dennoch unter eingeschränkten demokratischen Verhältnissen eine Alternative entwickelt wurde, zeigt das ägyptische Projekt SEKEM (gemäß einer Altägyptischen Hieroglyphe Lebenskraft aus der Sonne), von der wir schon in der letzten Ausgabe berichteten. Das tiefe Verständnis der Natur und des Menschen ermöglicht durch biologisch-dynamische Verfahren („Demeter“) selbst Wüste fruchtbar zu machen. Davon können Europa und die Welt lernen, wie in einer ‚vermeintlichen‘ Einöde eine gesunde Lebensgrundlage für Mensch und Tier entstanden ist und weiter entwickelt wird.

Zeitenwende in der Baukultur

Eine resiliente Stadtentwicklung in Bonn, müsste ein grundsätzliches Umdenken in der Stadtentwicklungsplanung bedeuten, indem nicht immerzu auf investorengestützte neue Großbauten an erster Stelle gesetzt wird, wie zum Beispiel vor dem Hauptbahnhof, am Konrad-Adenauer- oder Bundeskanzlerplatz. Immer neu und immer schön viel Beton statt Holz. Dieser grundsätzlichen Frage zu Erhalten oder Neubauen inklusive anderer Aspekte einer resilienten Stadtentwicklung sollte sich die künftige Stadtentwicklungsgesellschaft widmen. Unser Gastautor stimmt uns mit seinem Beitrag auf den nächsten Schwerpunkt ‚Baukultur‘ ein.

Erschienen in der BUZ 1_21