Interview,  Nachhaltigkeit

Mit dem Museum Koenig die Artenvielfalt erforschen

Bioblitz auf dem Schulhof

Das Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig (ZFMK) ist den meisten Bonnerinnen und Bonnern bestens bekannt. Dinos und lebende Vogelspinnen waren hier schon zu bestaunen, interessante Vorträge locken immer wieder in das naturkundliche Haus. Doch auch die Forschung zum Thema Artenvielfalt hat einen hohen Stellenwert für das ZFMK. Professor Bernhard Misof, der die Leitung im Mai letzten Jahres übernommen hat, möchte die Besucher*innen aktiv in das Artenmonitoring einbinden. Im Gespräch erläutert er uns, wie er sich das vorstellt, aber auch, warum seine Institution die Volksinitiative Artenvielfalt NRW unterstützt.

Susanna Allmis-Hiergeist

Professor Dr. Bernhard Misof ist seit Mai 2020 Direktor des Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig (ZFMK) und ordentlicher Professor für spezielle Zoologie an der Universität Bonn. Zuvor leitete er von 2010 bis 2020 das Zentrum für Molekulare Biodiversitätsforschung und war langjährig stellvertretender Direktor des ZFMK.

Herr Professor Misof, die Arbeit des Museum Koenig folgt dem Motto „Artenvielfalt erforschen und erklären“. Welche Forschungsfelder stehen im Mittelpunkt?

Ein modernes naturkundliches Forschungsmuseum arbeitet in vier unterschiedlichen Ebenen. Da ist zum einen die klassische Forschung, die die Entdeckung und Beschreibung von Arten, von Artenvielfalt umfasst. Das heißt, wir gehen raus, zum Beispiel hier in Europa oder in den Tropen, und suchen nach Tieren, die eine noch unbeschriebene Art repräsentieren. Diese Entdeckungen werden veröffentlicht und in unseren Sammlungen für wissenschaftliche Untersuchungen aufbewahrt. Wenn man darüber nachdenkt: Wir fliegen bis zum Mars, aber auf der Erde sind möglicherweise nicht einmal 50 Prozent der Arten entdeckt und beschrieben. Neben dieser Basisarbeit stellt sich in der Forschung die Frage, wie diese Arten entstanden sind, Fragen zur Evolution, zur Änderung und Aufspaltung von Arten, was muss eigentlich an Grundparametern gegeben sein, damit ganz neue Arten entstehen. In dieser Ebene sind wir also sehr stark an den evolutionsgeschichtlichen Prozessen orientiert.

Ein drittes Standbein unseres Hauses ist die angewandte Biodiversitätsforschung. Um uns herum sterben Arten aus, es verändert sich die Biodiversität hauptsächlich durch uns Menschen, also anthropogen erzeugt, und wir beschäftigen uns in unserer dritten Forschungssäule genau damit. Was ist Artenwandel, welche Ursachen und Auswirkungen hat der Artenwandel, Artenverlust, und dazu brauchen wir ein gutes Monitoring der Artenvielfalt. Wenn man mit dem Feldstecher rausgeht, kann man den Vogel im Baum sitzen sehen, aber wenn wir uns beispielsweise mit der Vielfalt der Insekten beschäftigen wollen, müssen wir zuerst eine gute methodische Herangehensweise entwickeln.

Zukünftig werden wir uns auch noch mit der Publikums- und Besucherforschung beschäftigen, um in einer Art Rückspiegelung zu sehen, ob unsere Ziele bei den Besuchern ankommen. Konkret, wie wichtig Biodiversität als lebenserhaltende Ressource für uns alle ist, wie wichtig es ist, dass jeder seinen persönlichen Beitrag dazu leistet.

Welche aktuelle Bilanz ziehen Sie hinsichtlich der Entwicklung der Artenvielfalt?

Ich möchte ganz plastisch zeigen, wo wir stehen. Vor zwei oder drei Jahren hat eine Supermarktkette einen Versuch unternommen. Sie haben alle Produkte aus dem Regal genommen, die nicht mehr zu haben wären, wenn die Insekten aussterben. Und in Folge war der Supermarkt fast leer. Meistens machen wir uns kein Bild, wie wichtig Insekten bei der Bestäubung zum Beispiel von Obstbäumen oder bei der Bodenbildung, ja für die gesamte Landwirtschaft sind. Und wenn man dann beobachtet, wie rapide die Insektenvielfalt gesunken ist, dann muss man schon ernsthaft befürchten, dass unsere Agrarsysteme irgendwann nicht mehr funktionieren.

Es muss uns klar sein, dass die Umwelt, in der wir leben, in Deutschland, auch hier in Bonn, im Vergleich zur unberührten Natur sehr stark in ihrer Vielfalt eingeschränkt ist. Flora und Fauna werden durch Eingriffe des Menschen und durch den von ihm erzeugten Klimawandel in ihren natürlichen Möglichkeiten beschnitten. Das ist aber nicht für alle Arten von Nachteil. Wir stellen Verschiebungen fest: Wärmeliebende Arten kommen jetzt häufiger bei uns vor. Zum Beispiel gab es früher die Wespenspinne bei uns nicht und mittlerweile ist sie sehr häufig anzutreffen.

Was uns fehlt, sind gute Langzeitdaten. Die Krux ist, dass Wissenschaft in Deutschland nie auf lange Sicht finanziert wird, sondern eher projektweise. Eine Finanzierung von Langzeitmonitoring der Artenvielfalt gibt es eigentlich nicht. So kommt es, dass der Entomologische (Anm. d. Red.: insektenkundliche) Verein Krefeld mehr Langzeitdaten vorweisen kann als unsere Universitäten. Hier müssen wir ganz massiv etwas an der Forschungsfinanzierung ändern.

Wärmeliebende Arten werden also tendenziell vom Klimawandel begünstigt. Profitieren auch Generalisten, die mit unterschiedlichen klimatischen Situationen und Futterbedingungen zurechtkommen?

Dazu gibt es nicht viele Studien, die das flächendeckend dokumentieren. Von den wenigen Studien, die man hat, könnte man extrapolieren, dass es in der Tat so ist, dass Generalisten von den veränderten Bedingungen profitieren werden und dass stark spezialisierte Arten, die vielleicht auch nur in kleinen Arealen vorkommen, massiv bedroht sind. Aber auch Generalisten leiden zum Beispiel unter dem Pestizideinsatz. Das Pestizid wirkt auch generalisierend. Da ist es dann letztlich egal, ob die Raupe des Schmetterlings nur von einer oder von unterschiedlichen Futterpflanzen frisst.

Das Museum Koenig unterstützt die Volksinitiative Artenvielfalt NRW. Für die Zoologie, also für Ihren Bereich, welche der darin aufgeführten acht Handlungsfelder sind die wichtigsten?

Ich halte alle diese Handlungsfelder für wichtig. Aber der Flächenfraß, das ist eines der sehr großen Probleme. Auch ein Umstieg auf eine naturverträgliche Landwirtschaft ist dringend geboten. Wir wissen, dass konventionelle Landwirtschaft eine der Haupt­ursachen des Artensterbens ist. Das kann man nicht abstreiten, das geht nicht. Die acht Punkte der Volksinitiative sind genau die Themen, die das Feld beschreiben: einen bewussten Umgang mit der Natur, einen ressourcenschonenden Umgang mit der Natur. Denn wir brauchen die Biodiversität, sonst haben wir ein Problem mit unserer eigenen Lebensgrundlage.

Stichwort Lebensgrundlage. Kommt der Zeitpunkt, an dem der Mensch aufgrund seiner Eingriffe in die Natur selbst in seiner Art gefährdet ist?

Das ist eine überspitzte, krasse Formulierung, aber sie ist sicher nicht völlig falsch.

Ja, wahrscheinlich geht es erst mal nicht um das komplette Verschwinden des Menschen, sondern um einen Prozess. Die Nahrungsmittelproduktion verringert sich, es können weniger Menschen auf der Erde leben, und dann sind sicher am ehesten wieder die ärmeren Länder betroffen.

Ja, das ist genau das, was passieren wird. Die sozialen Ungerechtigkeiten, die sozialen Spannungen werden noch einmal massiv zunehmen. Das sehen wir jetzt gerade auch in der Pandemiesituation, die ja auch durch eine Biodiversitätskrise ausgelöst worden ist. Soziale Spannungen resultieren nicht nur aus den Folgen der Klimaveränderungen und den Fragen der allgemeinen globalen Gesundheit, sondern es sind genau auch Fragen zur Biodiversität und zum Biodiversitätswandel, die unsere Gesellschaften zerreißen, und wenn wir da nicht handeln, und wenn wir nicht ein Bewusstsein dafür schaffen, werden wir große Probleme haben.

Sie erwähnten die Pandemiesituation. Das Thema Artenvielfalt und Zoonosen, wie hängt das zusammen? Können wir durch den Schutz der Artenvielfalt auch die Gefahr des Überspringens von Krankheiten von Tieren auf den Menschen verringern?

Zoonosen kennen wir schon lange. Wenn wir über die von Insekten übertragenen Viren in den Tropen sprechen, aber auch bei uns über Zecken, dann ist das eine Ebene, die nicht neu ist für den Menschen. Wenn wir aber dazu übergehen, wie es jetzt beim Coronavirus, möglicherweise, der Fall war, dass über den Verzehr von Wildtieren neue Viren übertragen werden, dann sieht man, worum es geht. Unser enger, extrem enger Umgang mit der Natur, hier also Aufessen, wird immer wieder dazu führen, dass Viren auf den Menschen überspringen, mit denen wir nicht umgehen können. Wir hatten bisher nur Glück, weil zum Beispiel Ebola oder die Vogelgrippe nicht die gleiche Fatalität wie Covid-19 erreicht haben, weil sie anders wirken. Jetzt haben wir ein Virus, das genau die richtige Übertragungsfrequenz, genau die richtige Viralität hat, sodass es sich perfekt in unserer Community, unserer Gesellschaft verbreiten kann.

Im Kopf habe ich noch nicht die Brücke, wieso der Artenschwund Zoonosen begünstigt…

Im Grunde wissen wir das auch nicht so genau. Man kann die Hypothese aufstellen, dass mit dem Verschwinden von Arten auch das Reservoir an Wirten für das Virus reduziert wird, dass der Artenpuffer zwischen Mensch und Virus geringer wird und die Virusträger näher an den Menschen heranrücken. Aber das ist, wie gesagt nur eine Hypothese.

In einem WDR-Interview sagten Sie, die Bonner*innen sollten als Besucherinnen in Ihr Haus kommen und es als Mitarbeiter*innen verlassen. Wie kann man sich das vorstellen?

Ich versuche es an einem Beispiel zu skizzieren. Es kommt eine Familie zu uns, mit ihren Kindern, und hier lernen sie, wie sie ihren eigenen persönlichen Garten umgestalten, etwas für die Biodiversität tun können. Und wenn sie uns dann noch zurückmelden, was sie alles in ihrem neu eingerichteten Garten gefunden haben, dann sind sie Mitarbeitende geworden. Mit einer App ginge das noch einfacher. Mit einem Foto und den GPS-Daten des Handys hätten wir nicht nur das Bild zum Beispiel eines Käferchens, sondern auch den Fundort und die entsprechende Zeit. Das wäre ein Riesengewinn für ein flächendeckendes Artenmonitoring.

Im Moment haben wir zu wenig Menschen, die die Arten erfassen. Es gibt eine Organisation namens BION, ein Netzwerk aller Organisationen, die in Bonn an Biodiversität forschen oder arbeiten. Aus der Netzwerkarbeit ist der Biodiversitätsatlas für die Stadt Bonn entstanden. Der weist dann aus, dass Meckenheim eines der größten biodiversitätsreichsten Gebiete von Bonn ist, weil dort einige Amateurwissenschaftler leben und sich mit Insekten beschäftigen. Das ist gut, gibt aber insgesamt ein verzerrtes Bild. Es muss die Aufgabe eines Museums sein, die breite Fläche zu erschließen, den Menschen zu zeigen, was sie persönlich beitragen können.

Mit Schulen gehen wir Bildungspatenschaften ein und führen sogenannte Bio­blitz-Aktionen durch. Biologen nennen das so, wenn sie in ein Gebiet gehen, wo noch niemand war, zum Beispiel im tropischen Regenwald. Sie versuchen dann in drei Tagen alle Arten zu erfassen, die sie finden können, um eine erste Vorstellung von dem Gebiet zu bekommen, ob es besonders artenreich ist. Das übertragen wir auf den Schulhof. Wir gehen mit den Kindern ins Schulgelände und versuchen an einem Tag so viel Arten wie möglich zu finden. Da sind viele dabei, die in der Frühe sagen, ha, wieso soll ich da mitmachen, und im Laufe des Tages sind sie selber ganz fasziniert, was sie alles entdeckt haben. Und natürlich zeigen wir ihnen dann auch, wie sie ihren Schulhof noch artenreicher gestalten können.

Und wenn sie noch Wünsche äußern dürften?

Einmal, dass das artenreiche Kronendach, der zweite Teil unserer Regenwaldausstellung, bald für die Besucher geöffnet sein wird. Und ich hoffe auf eine Nach-Corona-Zeit, in der wir wieder gemeinsam mit den Besuchern an einem Museum arbeiten können, das für alle relevant ist, das wäre mir wichtig.

Erschienen in der BUZ 3_21