Gesellschaft,  Kommentar

Jürgen unterwegs

Unser Reporter Jürgen Huber war wieder in Bonn unterwegs und hat die Eindrücke, Momente und Geschichte des Stadtteils Beuel niedergeschrieben. Außerdem stellt er die verschiedenen Oberbürgermeisterkandidat*innen vor. Zuerst hat er Lissi von Bülow im Stadtgespräch kennengelernt.

Jürgen Huber

Zur Geschichte des Stadtteiles Beuel

Lassen Sie sich diesmal von mir auf die „Schääl Sick“ entführen, in den Stadtteil Beuel. Zur Entstehung des Namens „Schääl Sick“ (schielende Seite) gibt es viele Spekulationen. Die für mich Einleuchtendste: Als es noch keine Dampfschiffe gab, wurden Schiffe mit Hilfe von Pferden auf dem sogenannten Leinpfad rheinaufwärts gezogen. Da die Pferde jedoch Angst vor dem Wasser hatten, wurde ihnen an das zum Fluss zeigende Auge eine Scheuklappe gesetzt. Somit konnten sie aber auch die Beueler Seite nicht mehr sehen, denn der Leinpfad befand sich auf der Bonner Seite.

Beuel nennt sich auch die „Sonnenseite Bonns“, da die Abendsonne den Beueler*innen noch einen warmen Abend mit schönem Sonnenuntergang beschert, während sie Bonn bereits im Schatten lässt. Diese Stunden lassen sich in verschiedener Art und Weise genießen: auf den Wiesen am Rheinufer, auf den Bierbänken einfacher Biergärten oder in bequemen Sesseln gehobener Lokale.

Weiberfastnacht wurde in Beuel erfunden. Hier wurde in vielen Wäschereien die Wäsche der Umgebung gewaschen. Die Männer fuhren am Donnerstag vor Rosenmontag nach Köln, um die Wäsche auszuliefern. Dabei gerieten sie natürlich in den Karnevalstrubel, dem sie ausgiebig nachgaben. So kam es, dass sich einige Wäscherinnen an diesem Tag zum Kaffeeklatsch trafen. Daraus gründete sich ein Karnevalsverein, der ausschließlich aus Frauen bestand. Schon Mitte der 1880er Jahre gab es den ersten Karnevals- umzug. Auch heute noch geht es in Beuel hoch her: Die Stürmung des Rathauses an Weiberfastnacht durch die sogenannten Möhnen gilt als Beginn des rheinischen Straßenkarnevals.

Lissi von Bülow beim Stadtgespräch

Im Rahmen der neuen Veranstaltungsreihe „Bonner Stadtgespräche“ des Forums Stadt Bau Kultur (SBK), wurden die derzeitigen Kandidat*innen der anstehenden Wahl zum/zur Oberbürgermeister*in Bonns eingeladen. Lissi von Bülow (SPD), Katja Dörner (Die Grünen) und Ashok Sridharan (CDU) haben zugesagt, sich den Bürger*innen vorzustellen.

Am 15. Januar stellte sich zunächst Lissi von Bülow als Kandidatin der SPD vor. Gut moderiert von Michael Lobeck, Vorsitzender des Forums SBK, startete die Veranstaltung mit der Frage, ob Frau von Bülow unter der Dusche singe. Dies verneinte sie. Aber musikalisch sei sie durchaus – sie spiele Cello.

Ihr Lebensweg

Lissi von Bülow, gebürtige Bonnerin, Tochter von Andreas von Bülow, dem ehemaligen Technologieminister unter Bundeskanzler Helmut Schmidt. Wie fand sie in die Politik? Eigentlich habe sie diesen Weg nie beschreiten wollen. Die Politik war ihr suspekt. Zu viel „Vitamin B“. Sie studierte Jura und Volkswirtschaftslehre in Bonn. Danach stieg sie in die Beratung von Familienunternehmen ein, merkte aber schnell, dass Machen ihr mehr liege als Beraten. So wurde sie zur Dezernentin in Bornheim.

Ihre Ziele als OB in Bonn?

Danach gefragt, ob sie nach ihrer Wahl die Koalition mit einer Partei ausschließe: „Bei der derzeitigen verfahrenen Situation und nach einer zehnjährigen Koalition zwischen CDU und Grünen, würde ich mir erst einmal keine Koalition, sondern wechselnde Mehrheiten wünschen, da dann miteinander geredet und um Lösungen gerungen werden muss.“ In Bonn gehe vieles nicht voran. Zeit und Geld zu vergeuden, könne Bonn sich nicht mehr leisten. Sie möchte, dass alle an einem Strang ziehen.

Auf die Gegensätze zwischen Wohnraum und Bäumen angesprochen (Postbankareal Kennedyallee) deutete sie an, ein Gesamtkonzept für Bonn entwickeln zu wollen. Wo installieren wir Plätze? Wo bauen wir Wohnungen? Stimmt die Verkehrsinfrastruktur? Die vom ADFC geforderte Fahrradbrücke finde sie gut. Als Vorgesetzte würde sie die Verwaltung stärken, möchte, dass Politik und Verwaltung nicht gegeneinander arbeiten. In mehreren Diskussionsveranstaltungen hätten sich Stadtplaner*innen gemeldet, aber die Rahmenbedingungen, insbesondere hinsichtlich des Miteinanders zwischen Verwaltung und Politik als kontraproduktiv empfinden.

Es könne nicht sein, dass Godesberg kein Schwimmbad habe. Die gewachsenen Stadtteile sollen ihre Infrastruktur behalten.

Zum Tausendfüßler befragt: „Weil die Planung vor 20 Jahren gemacht wurde, wird es jetzt schwierig, dies wieder aufzurollen“. Beim Radschnellweg parallel zur A 565 habe die Stadt ihrer Meinung nach zu schnell „die Flügel gestreckt“. Es müsse eine vertrauliche Zusammenarbeit zwischen Initiativen, Verwaltung, Wirtschaft, Politik und Vereinen geben.

Verbreiterung des Tausendfüßlers

In einer Informationsveranstaltung von Straßen NRW am 22. Januar wurde in Euskirchen die Verbreiterung des sogenannten „Tausendfüßlers“ vorgestellt. Es handelt sich dabei um ein gewaltiges Vorhaben: Die Autobahn soll von bislang vier auf acht Spuren erweitert werden. Durch Umweltschutzmaßnahmen müssten Schallschutzwände bis zu zwölf Metern Höhe installiert werden. Die Verbreiterung soll den Verkehrsfluss beschleunigen; sicherlich auch im Hinblick auf die zu bauende Rheinüberquerung zwischen Köln und Bonn. Sie wird Bonn einen erheblich erhöhten Durchgangsverkehr auch an Lkw bescheren.

Interessant war, dass aktuell nur der Abschnitt zwischen Endenicher Ei und Nordkreuz verbreitert werden soll. Für den Abschnitt vom Endenicher Ei zur Reuterstraße beginnen gerade erst die Planungen. Baubeginn wäre in frühestens fünf Jahren.

Sollte aufgrund des Klimanotstandes der Autobahnbau gestoppt werden, hätte die Bundesrepublik damit 290 Millionen Euro in den Sand gesetzt.

Erschienen in der Ausgabe März/April 2020