Gesellschaft,  Nachhaltigkeit

Jürgen unterwegs

Diesmal sehen wir den sogenannten Bausünden der 1970er Jahre ins Auge. Nur wenige Meter trennen die beiden Fotos voneinander. Das untere Bild bietet sich den in Bonn ankommenden Reisenden direkt beim Verlassen des Bonner Hauptbahnhofes mit dem Blick auf Urban Soul. Auf der anderen Straßenseite stehend erblickt er den im Jahre 1844 eröffneten Bonner Hauptbahnhof auf dem oberen Bild. Dieser hat es wegen der baukulturellen Qualität bis ins Sortiment der Firma Faller geschafft.

Jürgen Huber

Heute laufen wir durch Bonn, allerdings um ungefähr ein halbes Jahrhundert zurückversetzt. Es treibt mir Tränen in die Augen, zum einen ob des wunderbaren Anblicks der überall zu sehenden schönen Fassaden der sogenannten Gründerzeithäuser, zum anderen ob der Bausünden, die damals begangen wurden. Ob es sich wirklich um Bausünden handelt, ist heute wie damals umstritten.

Schauen wir erst einmal in die Bonner Innenstadt, zu einer Zeit, als der Münster-, Markt- und ebenso der Friedensplatz noch von Autos befahren wurden und es dort noch oberirdische Parkplätze gab. Damals glaubten viele Bonner*innen, das Amt des Oberbürgermeisters sei vererbbar, denn bis auf eine kleine Ausnahme befand es sich in der Hand der Familie Daniels. Wilhelm Daniels leitete von 1956 bis 1969 und sein Sohn Hans Daniels von 1975 bis1994 die Geschicke Bonns.

Ich erinnere mich noch gut an meine Lehrzeit von 1967 bis zum Jahre 1971 in Friesdorf. Wie oft sind wir von unserer Arbeitsstätte nach Bonn in die Maximilianstraße gefahren, um in einem dort befindlichen Fischrestaurant einen leckeren Fisch zu Mittag zu genießen? Dieses befand sich übrigens ungefähr dort, wo jetzt das Hotel Piazza entstanden ist. Warum ich das schreibe? Die Häuserfront an der Maximilianstraße bestand damals aus schönen Fassaden, so wie sie jetzt noch gegenüber von Urban Soul stehen geblieben sind.

Urban Soul – „Die verkaufte städtische Seele“ vom Eingang des Hauptbahnhofs gesehen

Bereits im Jahre 1967 beschloss der Stadtrat den Bau einer U-Bahn. Viele stellten sich die Frage: Bonn und eine U-Bahn, wie unsinnig ist denn das? Aber der „Großstadtwahn“ hatte bei der damaligen Bundeshauptstadt voll durchgeschlagen.

Gut war der Plan, dass dabei die Verteilung der diversen Straßenbahnhaltestellen über das Bahnhofsvorgelände zentralisiert werden sollte. Ich betone hier ausdrücklich das Wort „sollte“! So hatten die Bahnlinien H (Bonn–Bad Honnef) und S (Bonn–Siegburg) der elektrischen Bahnen der Kreise Bonn-Stadt, Bonn-Land und des Siegkreises (SSB) ihre Endhaltestelle vor der Sparkasse in der heutigen Thomas-Mann-Straße. Die Köln-Bonner Eisenbahnen mit Rheinuferbahn und Vorgebirgsbahn, heute Linien 16 und 18, hatten ihren Bahnhof am „Hansaeck“ schräg gegenüber der Sparkasse, nördlich des Bahnhofsgebäudes. Auch die Linie BGM (Bad Godesberg–Mehlem), seit 1975 nicht mehr existent, hatte ihre Endhaltestelle dort. Nach fast 50 Jahren wurde sie im vergangenen Jahr durch die Buslinie 610 annäherungsweise ersetzt. Die Linien 1 (Dottendorf–Rheindorf Hafen) und 2 (Dottendorf–Beuel Bahnhof) der SWB Bonn hielten direkt vor dem Haupteingang des Bahnhofes, weil sie dann in die Poststraße abbogen. Leider hat sich die Situation für Umsteigende danach verschlechtert. Um von der heutigen Linie 61 oder 62 zur U-Bahn zu kommen, sind längere Wege zu bewältigen als früher.

Zurück zu den Gründerzeithäusern in der Maximilianstraße. Ihr könnt es euch schon denken, ja, sie standen dem U-Bahnbau im Wege und wurden kurzerhand mit seinem Beginn abgerissen. Schlauer gehandelt wurde Anfang der 1980er Jahre beim Bau der Cassius Bastei. Hier blieben wenigstens die Fassaden in der Maximilianstraße stehen. Nach dem U-Bahnbau entstand anstelle der abgerissenen Häuser das berühmte „Bonner Loch“, ein gut gemeinter Aufenthaltsort für Besucher*innen der Innenstadt und müde Reisende. Leider entstand hier mangels anderer Aufenthaltsmöglichkeiten ein Treff für die Drogenszene. Natürlich installierte die Stadt auch eine Parkplatzanlage. Südlich der Poststraße entstand die Südüberbauung, ein einfallsloser, viereckiger Kasten. Auch die in den 1870er Jahren gebaute Kaiserhalle am Kaiserplatz fiel dem U-Bahnbau zum Opfer. In meiner Erinnerung war vor dem Neubau der Südüberbauung der Bereich vor dem Hauptbahnhof weiträumiger, wenn auch damals schon viel Verkehr vor dem Bahnhof herrschte. Grüner war es in jedem Fall, denn gegenüber dem Bahnhof standen noch Bäume.

Jetzt haben wir aber genug U-Bahn gebaut und schauen doch mal in deren fertige Stationen hinein. Der U-Bahnhof Bonn Hauptbahnhof, inzwischen unter Denkmalschutz, ist sicherlich ein Beweis der damals herrschenden Einstellung zur Baukultur.

Dieser gleicht äußerlich denen vieler anderer deutscher U-Bahnhöfe ähnlicher Baujahre. Funktional gestaltete Zugangstunnel, rutschfester Fußbodenbelag mit Gumminoppen sowie farblich im Charme der 1970er Jahre gestaltete Wandverkleidungen und Bestuhlungen prägen sein Erscheinungsbild. Die meisten Reisenden bemerken gar nicht, was sich hinter den Wandverkleidungen und Türen befand. Dieser U-Bahnhof war nämlich gleichzeitig als Eingangstor für eine ganz andere Verwendung vorgesehen. In der Zeit des Kalten Krieges wurde an dieser Station ein Zivilschutzbunker eingerichtet. „Denn der Russe konnte ja jeden Moment einmarschieren.“ Dieser Bunker hat die Stadt Bonn viel Geld gekostet, da die schweren Stahltore und das Fundament des Bunkers beim teilweisen Abriss zum Bau von Urban Soul Probleme bereiteten. Das schlug sich dann in den mehrere Millionen Euro betragenden Residualkosten, also Mehrkosten durch unerwartet auftretende Probleme, nieder. Auch schlechtes Vertragswerk ist Ausdruck von Baukultur.

Vielen ist auch nicht bewusst, dass sich in den Tiefen der U-Bahnröhre noch der Abzweig für die damalige Hardtbergbahn befindet, die ebenfalls unterirdisch in Richtung Poppelsdorfer Allee verkehren sollte. Dieses Projekt ließ sich infolge von Protesten von Bürger*innen sowie aufgrund grober Fehler in der Planfeststellung bis heute nicht realisieren.

Verlassen wir den U-Bahnhof in südlicher Richtung, erreichen wir den Busbahnhof, der im Rahmen des U-Bahnbaues geplant und gebaut wurde. Auch hier schlägt uns der baukulturelle Charme der 1970er Jahre entgegen. Obwohl die Busse länger wurden, die Fahrgastzahlen erheblich anstiegen, hat er bis heute keine Veränderungen erfahren. Es ist zu hoffen, dass durch neue Ratsmehrheiten Bewegung in einen Neubau mit zeitgemäßer Architektur kommt.

Nach der Eingemeindung von Beuel, Bad Godesberg und Duisdorf mit seinen Ortsteilen im Jahre 1969 sah sich die Stadtverwaltung Bonn gezwungen, neuen Platz für ihre Mitarbeiter*innen zu schaffen. Obwohl die Bezirksrathäuser Bad Godesberg, Beuel und Hardtberg bestehen blieben, sollte zentral in der Innenstadt die Möglichkeit bestehen, alle die Stadtverwaltung betreffenden Behördengänge zentral zu erledigen. Und so begann im Jahr 1973 nach einer ordentlichen Ausschreibung der Neubau des Stadthauses.

Der Standort dieses 72 Meter hohen Gebäudes zwischen Innen- und Nordstadt löste starke Proteste aus, denn diesem Neubau mussten viele historische Bauwerke weichen.

Ich erinnere mich noch an diesen Bereich. Da gab es die alte Feuerwache, vor der ich oft genug stand und die damals noch formschönen Feuerwehrfahrzeuge anschaute. Wenn sie mit ihren druckluftgespeisten Martinshörnern ausrückten, schlug mein Herz wie ein Trömmelchen. Auch ein Kino, ich glaube, dass es sich um das Maxim handelte, fiel dem Neubau des Stadthauses zum Opfer. In der Häuserreihe gegenüber dem Stadthaus, die nicht der Abrissbirne zum Opfer fiel und somit noch erhalten ist, auf dem heutigen Berliner Platz, befand sich das Lokal Violetta. Um das auf dem damaligen Sternplatz liegende Lokal machte ich als junger Mensch immer einen weiten Bogen, denn kaum ein Abend verging dort ohne Schlägerei. Vermutlich ging es dabei um Frauen, denn dieses Lokal war als „Baggerloch“ stadtbekannt. Der Begriff Baggerloch hatte nichts mit den anrückenden Baggern zu tun, sondern bezeichnete Lokale, in die man(n) ging, um sich mit Frauen zu amüsieren.

So ganz am Rande wurde gemunkelt, dass das Stadthaus als kommunales Gegenstück zu dem bis dahin weit sichtbaren einzigen Hochhaus in Bonn, dem „Langen Eugen“ im Regierungsviertel, gebaut wurde, und dass es eine städtebauliche Dominanz erzeugen sollte. So zumindest weiß Wikipedia zu berichten.

Baukultur hat auch immer etwas mit Ideen zu tun. So hatte ein Architekt namens Schürmann die Idee, in die Tiefe zu bauen, um den Flächenverbrauch zu mindern. Das Ganze geschah im Regierungsviertel unweit des Rheins. Während des Baues zum Ende des Jahres 1993 hatte der Rhein die Idee, mit einem ungewöhnlich hohen Pegel von über zehn Metern aufzuwarten. Der erhöhte Grundwasserspiegel ließ den ganzen Rohbau bis zu 70 Zentimetern aufschwimmen und verursachte einen hohen Schaden. Heute kann das nicht mehr passieren, denn ein ausgeklügeltes System flutet die Tiefgarage im Falle der Gefahr.

Fazit

Diese Worte zum Stadthaus waren am 18. Juni 2020 im Express zu lesen: „Jetzt droht dem alten Kasten aus den 1970er Jahren mit veralteter Technik, riesigen Räumen neben kleinen Hucken, Mobiliar, das reif fürs Museum ist, also der Abriss.“

Meine Einstellung zu den Bausünden der 1970er Jahre ist nicht zu verbergen. Dennoch sind die Bauwerke das Merkmal einer Zeit, in der nicht unbedingt auf Schönheit, sondern mehr auf Zweckmäßigkeit gesetzt wurde. Zumindest die U-Bahnstationen haben einen Charme, der heutzutage schon wieder als originell zu bezeichnen ist.

Diese Bauwerke abzureißen, ist aus vielerlei Hinsicht nicht angebracht. Zum einen waren wir damals sehr erzürnt, als die Gründerzeithäuser der Abrissbirne zum Opfer fielen. Soll dieser Fehler noch einmal mit in den Augen einiger Menschen hässlichen Gebäuden gemacht werden? Zum anderen, in Zeiten der sich deutlich herausstellenden Rohstoffverknappung, ist die Entsorgung und Neubeschaffung der Baumaterialien ein gewichtiges Argument gegen einen Abriss.

Erschienen in der BUZ 2_21