Gesellschaft,  Kommentar

Jürgen unterwegs

Jürgen Huber

Der anstrengende und außergewöhnliche Wahlkampf in Zeiten der Corona Pandemie ist vorbei. Im Rat und mit der Oberbürgermeisterin finden wir neue politische Konstellationen, die eine Verkehrswende im Sinne der Nachhaltigkeit möglich machen. Jürgen wird weiter wachsam durch Bonn schlendern und aufmerksam beobachten, ob den Wahlversprechen Taten folgen werden.

Der Turm

Das Ökozentrum erreichte vor geraumer Zeit ein Leserbrief zu dem von Herrn Burbulla geplanten AIRE Turm in der Rheinaue, den ich hier gekürzt wiedergebe:
Am letzten Wochenende lag ein Werbepaket für den Bau des AIRE – Veranstaltungsturm in vielen Briefkästen der Stadt, unter anderem eine Unterschriftenliste zum Bürgerbegehren für den Turm.
Gegen das angestrengte Bürgerbegehren spricht: Die Befürchtung, ein weiteres Großprojekt ist eventuell vom Steuerzahler zu tragen, ästhetische Gründe, bis hin zu ökologischen Bedenken.
Dann der aufwendig gestaltete Werbeflyer „Aire Mail“, mit dem Anspruch, eine „Zeitung für Bonn und die Zukunft“ zu sein. Großspurigkeit und Maßlosigkeit sprengen nicht zum ersten Mal die ökonomischen und ökologischen Grenzen der Stadt. Den Bilbao-Effekt (gezielte Aufwertung von Orten durch spektakuläre Bauten von Architekten) für sich in Anspruch zu nehmen passt in diese Haltung und Sichtweise, „ein neues Wahrzeichen und das gleich von Weltrang“ schaffen zu wollen.
Entlarvend, dass sich das Aire-Projekt mit anderen Zukunftsprojekten in einer Linie sieht: Die Fahrradbrücke über den Rhein, die „essbare Stadt“ analog zu Andernach und das „Autofreie Spiel“ in der Altstadt. Da fragt man sich schon, welche Zukunft Herr Burbulla meint und vor allem welche Kriterien er dabei für sich in Anspruch nimmt.
Die zuletzt genannten Projekte sind Ausdruck der konkreten Vision zu einer nachhaltigen und lebenswerten Stadt, ein klarer Beitrag zu einer klimafreundlichen Zukunft. Welchen Beitrag zur Nachhaltigkeit will Herr Burbulla mit seinem Projekt leisten? Wieviel Ressourcen verschlingt sein Projekt? Wie hoch ist der CO2-Verbrauch beim Bau des Turms?
Wie wäre es statt „für Konzerte in den Wolken“ und „einen Tanz unter den Sternen“ einen unvergesslichen Ort im „Showroom“ zu schaffen, indem nachhaltige Projekte und Visionen ausgestellt, diskutiert und weiterentwickelt werden, damit wir nicht nur „unseren Enkeln (von diesem Ort) erzählen“, sondern diese überhaupt noch die besagte Zukunft erleben können. Aber das wäre wahrscheinlich eine andere Bühne als die, von der Herr Burbulla träumt.
Dieser Leserbrief hat mich dazu animiert, mir das Projekt genauer anzuschauen!
Dieser Turm mit einer Höhe von 220 Metern, der Post Tower ist 162 Meter hoch, soll hart an der Grenze zum denkmalgeschützten Teil des Rheinauenparks entstehen. Ungefähr am Parkplatz Rheinaue Nordwest an der Charles de Gaulle Straße. Hier wird eine Kollision mit dem Denkmalschutz provoziert. Nicht nur der Standort ist „denkmalschutzrelevant“, sondern auch Beeinträchtigungen, wie zum Beispiel eine nachhaltige optische Störung des Denkmals, sondern auch die durch den Turm verschatteten Zonen. Das Bonner Denkmalschutzamt läuft vermutlich schon Amok! Abgesehen vom Denkmalschutz wird dieser Turm eine nicht gekannte landschaftliche Zerstörung beinhalten, denn der wird von fast jedem Punkt Bonns zu sehen sein und uns nachts heimleuchten.
Auch die Trasse der geplanten Seilbahn kann hier in Mitleidenschaft gezogen werden.
Der Bund deutscher Architekten spricht sich eindeutig gegen ein solches Vorhaben aus, denn „wir brauchen keinen weiteren Veranstaltungsort dieser Größe in Bonn, die bauliche Umsetzung und der nachhaltige Betrieb des Turmes sind wirtschaftlich risikoreich, Maßstab und Architektur sind inakzeptabel!“
Recherchen zur Vermarktung der großen Fernmeldetürme mit Restaurants wie Hamburg, Köln, Nürnberg etc. durch die Telekom Tochter Deutsche Funkturm GmbH ergab, dass es sich um ein schwierig bis unmöglich zu vermarktendes Segment handelt!

Neue Busse

Seit September sind in Bonn neue Fahrzeuge im Linienverkehr anzutreffen, die sogenannten MAN Lion’s City Hybrid-Busse. Die Stadtwerke Bonn Verkehr (SWBV) haben 24 Busse dieses Typs angeschafft. Schauen wir uns diese „Mild Hybrid Busse“ einmal genauer an. Laut Presseinformation der Stadtwerke Bonn verbrauchen diese Busse bis zu 26 Tonnen weniger CO2 und bis zu 30 Prozent weniger Kraftstoff. Wie wird das geregelt? Zum einen mit Hilfe eines Elektromotors, der zwischen Dieselmotor und Getriebe eingebaut wurde, zum anderen durch einen Ultra Cap Energiespeicher. Bei diesem Speicher handelt es sich um Kondensatoren, die schnell ge- und entladen werden können. Beim Bremsen des Busses wird der Elektromotor zum Generator, dessen Widerstand den Bremsvorgang unterstützt und gleichzeitig Ladestrom für die Kondensatoren liefert. Während eines jeden Stopps, bei dem der Motor ausgeht, wird das Bordsystem mit elektrischer Energie von diesen versorgt. Während der Fahrt regelt eine schlaue Elektronik die Unterstützung des Dieselmotors durch den Ultra Cap Energiespeicher, so dass auch hier Diesel gespart werden kann.Dass dieses ein Weg in die richtige Richtung ist, steht außer Zweifel. Dennoch mögen sich die SWBV langfristig einmal Gedanken machen, wie die Dieseltechnologie durch CO-2 neutrale Antriebsarten ersetzt werden kann, und ob der batteriebetriebene Antrieb wirklich das non plus Ultra ist.

Wohnpark II in Vilich-Müldorf

Während meines letzten Rundganges habe ich es bereits erwähnt, an der Grenze zu Sankt Augustin wird ein riesiger Acker in ein Baugebiet umgewandelt. Hier möchte ich noch einmal näher drauf eingehen: Die Planung für dieses Baugebiet basiert auf einem städtebaulichen Konzept der 1990er Jahre mit dem Hauptziel, Eigenheime für Familien mit Kindern auf Kleinstgrundstücken zu errichten. Geplant sind zwar einige innovative Elemente, mehrere Grundstücke für „innovative Wohnformen“, Energie-Effizienz-Häuser auf einigen Grundstücken, mehrere Versickerungsmulden für Starkregen sind vorgesehen. Nicht nur ich finde hier unter ökologischen und städtebaulichen Gesichtspunkten erhebliche Mängel. Eigenheime für Familien beseitigen nur zum Teil den Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Auch werden die Besonderheiten und Potentiale von sechs Wohnprojekt-Initiativen, die sich in der „Interessengemeinschaft Wohnpark II“ zusammengeschlossen haben, nicht berücksichtigt. Diese Projekte, die ich Ihnen in der nächsten Ausgabe genauer erkläre, sollen nicht auf nebeneinanderliegenden Grundstücken angesiedelt werden, sondern schön verteilt auf dem ganzen „Acker“. Diese suchen übrigens noch Interessierte, Mitstreiternnen sowie spätere Mitbewohnerinnen, mehr Infos unter: www.interessengemeinschaft-wohnpark2.de
Der Bebauungsplan wird voraussichtlich im Winter dieses Jahres vom Rat der Stadt Bonn beschlossen werden. Die Argumentation für eine schnelle Verabschiedung ohne große Änderungen ist die akute Wohnungsnot in Bonn. Außerdem will die Verwaltung nach über 20 Jahren Planungszeit für den Wohnpark I und II die Sache sicherlich gerne vom Tisch haben. Dagegen spricht allerdings, dass bei einer Verabschiedung in der jetzigen Form abermals eine klimaschädliche reine Schlafstadt auf der grünen Wiese entstehen würde. Hier hätten die über das gesamte Quartier verstreuten Wohnprojekte bestenfalls eine Alibifunktion.

Fazit:

Die neue politische Konstellation im Bonner Rat lässt uns auf eine Verbesserung in Sachen Nachhaltigkeit und Bewältigung desVerkehrsproblems hoffen. Innerhalb Bonns ist mit neuen Bussen ein entscheidender Schritt für eine Luftverbesserung getan. Die 24 Busse sollten aber die letzten von der SWB angeschafften Dieselbusse sein. Eines Turms zum feiern von Partys in luftiger Höhe bedarf es in Bonn sicherlich nicht. Das Wohngebiet am Bonner Ortsrand bedarf einer an die jetzige Zeit angepassten Überarbeitung.

Erschienen in der Ausgabe 6_20