Gesellschaft,  Politik

Jürgen unterwegs

Jürgen Huber

Über Jahre ärgere ich mich schon über die verfehlte Verkehrspolitik in Bonn. Von den Staustunden her ist Bonn Spitze in NRW und unter den ersten Plätzen bundesweit! Das Autofahren ist in Bonn nicht die angenehmste Beschäftigung, genau wie zu Fuß gehen, Radfahren oder mit Bus und Bahn zu fahren. Um Euch in Erinnerung zu rufen, wo es in Bonn hakt, reisen wir heute mit dem Umweltverbund durch Bonn.

Was ist ein Umweltverbund?

Unter dem Begriff Umweltverbund ist die Kooperation der umweltfreundlichen Verkehrsmittel zu verstehen. Hierzu zählen zu Fuß gehen, das Fahrrad und der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV: Bahnen und Busse). Das Carsharing ist ebenfalls als Ergänzung des Umweltverbundes zu betrachten. Schauen wir uns das in Bonn einmal genauer an.

Beginnen wir unsere gemeinsame Reise auf dem Bahnhof Bonn-Mehlem. Nach der Fertigstellung der Eisenbahnstrecke Köln–Bonn im Jahre 1844 wurde die Strecke 1845 bis nach Rolandseck auf Betreiben der einflussreichen Aktionäre der Eisenbahngesellschaft, die ihre Villen bequemer erreichen wollten, verlängert. Bis dahin fuhren sie von Bonn bis Mehlem sehr zeitaufwändig in der Kutsche. Die Fahrtzeit von Köln bis nach Mehlem reduzierte sich durch die Eisenbahn so stark, dass es Wilhelm Ludwig Deichmann als einem der Eisenbahn – Aktionäre nun möglich war, im Sommer jeden Abend auf seinen Landsitz in der Deichmannsaue zu fahren.

Dieser Bahnhof weist mindestens zwei Kuriositäten auf, denn er liegt mitnichten im Ortsteil Mehlem, sondern auf der Grenze der Ortsteile Lannesdorf und Rüngsdorf. Den Namen Mehlem erhielt der Bahnhof in der einen Version, weil Lannesdorf niemand kannte. Meine Vermutung geht eher dahin, dass die Deichmannsaue in Mehlem liegt und Herr Deichmann seinen Einfluss geltend gemacht hat.

Mit der Eingemeindung von Bad-Godesberg nach Bonn erhielt er im Jahre 1971 den Namen Bonn-Mehlem. Die zweite Kuriosität ist die Anordnung der Bahnsteignummern. Vom Mittelbahnsteig aus erreicht ihr Gleis 1 und 3, direkt am Bahnhof liegt Gleis 2.

Fahren wir von Mehlem mit der Eisenbahn nach Bonn, benötigen wir zehn Minuten Fahrzeit. Im Gegensatz zu der Fahrzeit ist die Wartezeit auf die selten pünktlichen Regionalzüge erheblich länger.

Unseren Bus nach Beuel auf dem Busbahnhof erreichen wir, indem wir uns zwischen ankommenden und abfahrenden Bussen durchkämpfen. Fährt der Bus los, ist das Einfädeln in den fließenden Verkehr meistens ein Kräftemessen, denn hier hat er keine Vorfahrt. In Zukunft könnte dieser Bus, hat er dann seinen Weg auf die Straße geschafft, im Stau des City Ringes stehen, weil die CDU ihre Mehrheit zur Wiedereröffnung des City Ringes gefunden hat.

Shoppen im Beueler Zentrum?

Auf viel zu schmalen Bürgersteigen ist das Flanieren, in die Schaufenster Schauen und „Shoppen“ kein Spaß! Es ist unmöglich, vor den Schaufenstern stehen zu bleiben, sich bepackt mit Einkaufstaschen als Fußgänger*in zu begegnen. Von Begegnungen mit Kinderwagen oder Rollatoren ganz zu schweigen. Denn der Stadt Bonn sind auf dem Bürgersteig parkende Autos wichtiger als die Fußgänger*innen, obwohl unterirdisch gute 300 Plätze vorhanden sind. Ich weiß um die gleiche Situation im Ortsteil Kessenich.

Vorfahrt für Bus und Bahn in Bonn?

Oh je, es ist an der Zeit wieder nach Hause zu fahren. Die schnellste Möglichkeit besteht darin, die Straßenbahn 62 zum Hauptbahnhof zu nehmen. Im Gegensatz zum Bus befahren wir die Kennedybrücke auf eigener Trasse, was uns zu Zeiten des Berufsverkehrs einen Zeitvorteil bringt. Den verlieren wir aber wieder, denn schon lauert eine rote Ampel nach der nächsten bis zum Hauptbahnhof auf uns. Eine Vorrangschaltung wäre hier sehr sinnvoll! Bus oder Bahn nähern sich einer Ampel und lösen frühzeitig einen Kontakt aus, der die Räumung der Kreuzung in Gang setzt. Bis die Kreuzung erreicht wird, springt die Ampel auf Grün und ohne zu bremsen kann die Kreuzung von der Bahn passiert werden. Gleiches gilt auch für den Bus! An dieser Stelle füge ich einen Text der Stadt München ein:

Die Trambeschleunigung durch Vorrangschaltung hat in mehrfacher Hinsicht einen Mehrwert für die Fahrgäste erzielt: kürzere Fahrzeiten, höhere Pünktlichkeit, komfortablere Haltestellen und ein besseres Angebot durch neue Linien, die aus dem „Beschleunigungsgewinn“ finanziert wurden. So konnte die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit der Münchner Tram um 22 Prozent angehoben werden; die Pünktlichkeit der Trambahnen stieg von durchschnittlich 58 Prozent auf 80 Prozent. Mit den Maßnahmen konnte eine Fahrzeugeinsparung von 14 Zügen erreicht werden und damit eine Reduzierung der Betriebskosten von 4,2 Mio. Euro pro Jahr. Quelle: https://www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Kreisverwaltungsreferat/Verkehr/Verkehrssteuerung/Bus-Tram-Beschleunigung.html

Mit dem Rad unterwegs – ratlos?

Heute ist ein schöner Tag, ideal mit dem Fahrrad nach Bonn zu fahren. Das Rheinufer ist nicht weit, also rauf aufs Rad und in die Pedale. An ein entspanntes Fahren ist selten zu denken, denn selbst am Rhein ist der Radweg für den heutigen Radverkehr viel zu schmal angelegt. Ein verträumtes Genießen der Landschaft ist unmöglich, der Gegen- und Überholverkehr erfordert ganze Konzentration. Bald wird es breiter, auch die Möglichkeiten der Wegeauswahl sind vielfältiger. Aber der nächste Engpass lauert schon, in der Umgebung der Südbrücke wird der Radweg echt unzumutbar schmal! In der City angekommen, fahren Radler*innen zwischen Fußgänger*innen durch die Fußgängerzone, denn dort ist Radfahren meistens erlaubt. Ich fahre hoch zur City, verfolgt von einem Bus, denn er kann nicht an mir vorbei. Eine schöne Einrichtung ist der neue geschützte Radweg vom Bahnhof zum Rhein, hier entfällt das lästige Zickzackfahren durch den Hofgarten. Aber das ist ja was für den Rückweg. Auf dem Münsterplatz gibt es einen Pavillon, das frühere Milchhäuschen. Im Jahre 2004 wurde es nach 40 Jahren treuer Versorgung der Bürger*innen mit Milchgetränken abgerissen. Es entstand der heutige „Glaspalast“.

Hier sitzen wir mit Blick auf das 1845 eingeweihte Beethovendenkmal. In meiner Jugend war der Münsterplatz noch von Autos befahren, vor dem Gebäude der Commerzbank waren sogar Parkplätze vorhanden. Die Haltestelle Münsterplatz der Straßenbahnlinie 1 und 2 befand sich vor der Hauptpost. Das Fürstenbergische Palais wurde von 1751 bis 1753 erbaut und diente seit 1877 als Hauptpostamt.

Wohin jetzt mit dem Rad? An die Umrandung der Bäume anketten oder irgendwo auf den Platz stellen? Wäre die Kreativität zum Schaffen von Abstellflächen für Fahrräder in Bonn so wie die für Autos, es gäbe eine Radfahrersorge weniger.

Der nächste Bonner Fehltritt?

Fahren wir mit der Linie 66 in Richtung Siegburg, finden wir kurz hinter der Station Vilich- Müldorf an der Grenze zu St. Augustin eine riesige Wiese. Vor einiger Zeit wurden dort Spuren der Merowinger ausgegraben. Dort soll ein gewaltiges Baugebiet ausgewiesen werden, der sogenannte „Wohnpark II“. Durch großflächige Versiegelung, das Fehlen von Infrastruktur zur Versorgung der Bewohner, ebenso von Arbeitsplätzen, würde dies alles zu einer deutlich stärkeren Klimabelastung durch erhöhten Pendlerverkehr in Bonn führen.

Wenn schon ein Neubauviertel auf der grünen Wiese entstehen soll, dann bitte nur nach strengen ökologischen und städtebaulichen Maßstäben.

Einwendungen gegen die Planungen können in der Zeit der öffentlichen Auslegung des Bebauungsplans vom 20.08. bis 21.09. 2020 im Stadthaus Bonn erhoben werden.

Fazit

In Bonn gibt es noch eine Menge für Fußgänger- und Radfahrer*innen zu tun. Ebenso ist es um den ÖPNV bestellt. Die erneute Öffnung des City Ringes ist der Beweis, dass in Bonn der Klimaschutz nicht konsequent verfolgt wird. Zu viel ist das Auto noch im Fokus der Bonner Politik, des Bonner Einzelhandels und der IHK. Der Mut, dem Auto Raum wegzunehmen, eine vernünftige Bebauungs- und Verkehrsplanung zu erstellen, fehlt völlig. Damit der Pendler-, aber auch der Einkaufsverkehr in Zukunft weniger wird, ist das die Grundvoraussetzung. Das sehen wir beim oben beschriebenen Wohnpark. Schauen Sie sich die Antworten zu den Wahlprüfsteinen in dieser Ausgabe an und entscheiden dann, mit welcher Partei Ihre Vorstellung der „Verkehrswende“ am besten zu realisieren ist.

Erschienen in der BUZ Ausgabe 5_20