Ökologie,  Politik

Jürgen unterwegs

Klimerelevante Orte in Bonn

Ganz dem Thema Klimanotstand in Bonn gewidmet, lade ich euch ein, mir zu einigen klimarelevanten Orten Bonns zu folgen. Hier könnt ihr noch tief durchatmen.

Jürgen Huber

Das Messdorfer Feld

Als einstiger Bewohner am Rande des Messdorfer Feldes kann ich euch einiges zu der im Bonner Westen liegenden, größten zusammenhängenden, natürlichen Freifläche von circa 150 Hektar erzählen. Umrandet wird es von den Stadtgebieten Duisdorf im Süden, Endenich im Osten, Messdorf und Lessenich im Südwesten sowie Dransdorf im Norden. Mittendurch fährt die Voreifelbahn (S23), die euch an der Station Bonn Endenich Nord oder Helmholtzstraße den Einstieg in diese Fläche ermöglicht. Auch Buslinien führen euch an die Ränder des Feldes. In eure Wanderung solltet ihr auf jeden Fall die kurze Strecke am „Alten Bach“ mit einbeziehen. Vom Burgweg stoßt ihr auf den Bach, an dem es sich schön entlang wandern lässt. Den Burgweg erreicht ihr mit der Buslinie 610 und 611. Das Messdorfer Feld wirkte schon immer sehr inspirierend. Schon August Macke und Hans Thuar verweilten gerne hier mit ihren Staffeleien. Heute laufen die Menschen eher mit der Digitalkamera übers Feld, besonders nach seltenen Schneefällen bieten sich hier wunderschöne Fotomotive. Aufgrund der Größe könnt ihr euch schon denken, wie wichtig das Messdorfer Feld für das Bonner Klima und als Naherholungsgebiet ist. Es bietet auch der dort vorkommenden Zauneidechse noch ausreichend „städtischen“ Lebensraum. Einigen von euch ist vielleicht noch das „Grüne C“ bekannt, ein architektonisch äußerst fragwürdiges Projekt mit Betonbänken und künstlich angelegten „Baumtoren“. In die Wege eingelassen sehen wir Kilometrierungen, deren Sinn wir erst einmal nicht verstehen, bis irgendwann das Wort Rhein zu finden ist. Es sollte die Kilometer bis zum Rhein an der Mondorfer Fähre anzeigen. Das gesamte Projekt, nicht nur auf dem Messdorfer Feld, kostete uns Steuerzahler*innen gute 18 Millionen Euro und wurde recht schnell wieder eingestellt, da es bei der Bevölkerung nicht sonderlich gut ankam. Die „Trümmer“ bleiben uns trotzdem erhalten.

Der „Lorth Zipfel“ und das Klima

Eine solch große Fläche, die größtenteils landwirtschaftlich genutzt wird, bewirkt Erwartungen dort Wohnraum zu schaffen. Schon Anfang dieses Jahrtausends wurde der sogenannte „Lorth Zipfel“ am südlichen Ende des Feldes zum Baugebiet erklärt und bebaut. Was wir hier eher selten finden, sind Wohnungen für Menschen mit geringem Einkommen. Auch heute noch ist der planerische Zugriff auf das Messdorfer Feld äußerst groß, sehen doch einige Ratsparteien hier nach wie vor großes Bebauungspotenzial auf dieser für die frische Bonner Atemluft wichtigen Fläche.

Die Schwarze Brücke

Ein kleiner Schritt zurück zur Eisenbahn. Als die Dampfloks noch fuhren, waren sie genötigt, an einer Steigung ordentlich Dampf zu machen. Die schwarzen Rußwolken stießen gewaltig in den Himmel. Eine dabei zu unterfahrende Brücke färbte sich dadurch sehr schnell schwarz. So nannte der Volksmund sie die „Schwarze Brücke“. Damit die beiden auf dem Feld liegenden Brücken unterschieden werden konnten, wurde die Brücke am Burgweg dann einfach Weiße Brücke genannt. Schon war die „Geografie“ wieder im Lot.

Die Rheinaue

Ungefähr genauso groß wie das Messdorfer Feld ist die Bonner Rheinaue. Bis zum Beginn der Bauarbeiten zur im Jahre 1979 stattfindenden Bundesgartenschau fanden wir auch hier landwirtschaftlich genutzte Flächen. Für die Gartenschau wurde das Gelände völlig umgekrempelt: Es entstand die Seenlandschaft, Wege wurden neu angelegt und geteert, zwei Restaurants auf der Bonner Seite sowie einen riesigen Parkplatz ließen die Baumaschinen entstehen. Nach meiner Erinnerung war dieser brutale Eingriff in eine intakte Auenlandschaft zum damaligen Zeitpunkt kein sonderlich heiß diskutiertes Thema bezüglich Umwelt- und Naturschutz.

Die Trajektbahn

In meiner Kindheit begegnete ich oft der Dampflok, die ab und zu auf der alten „Trajektbahn“ einige wenige Waggons mit Zuckerrüben abholte und zum Rangierbahnhof hinter dem Hauptbahnhof brachte. Diese Trajektbahn war ein in der Bahngeschichte nicht häufig zu sehendes Kuriosum. Die rechtsrheinische Eisenbahn endete damals in Oberkassel, sollte aber mit der linksrheinischen Eisenbahn verbunden werden, damit Züge bis Köln fahren konnten. Der Bahngesellschaft wurde auferlegt, diese Verbindung mit Hilfe einer Fähre zu ermöglichen. Nach und nach wurde die rechtsrheinische Strecke bis Köln weitergebaut, so dass im Jahre 1919 der Betrieb der Fähre eingestellt wurde. Die Zubringergleise rechtsrheinisch wurden über Jahre noch von der Oberkasseler Schiffswerft als Anschlussgleis verwendet. Linksrheinisch blieben die Gleise erhalten, nicht nur um uns Kindern einen riesigen Spielplatz zu bieten und uns ab und zu mit der Dampflok zu überraschen. Es ging damals noch so gemütlich zu, dass niemals ein böses Wort aus der Dampflok vernommen wurde. Der Lokführer grüßte uns mit breitem Grinsen.

Noch heute finden aufmerksame Beobachter*innen die Pfähle für die Fähre am Rheinufer in der Bucht am Ende des Schiffchensees. Auch die alten Gleise sind von der Station UN Campus bis zum Hauptbahnhof teilweise noch zu sehen.

Bis zum Beginn der Bauarbeiten für den Rheinauenpark gab es ungefähr dort, wo heute der Schiffchensee zu finden ist, eine kleine Eisenbahnersiedlung, bewohnt von Rentnerehepaaren der Eisenbahn. Die Folgen des Umzugs ins Altersheim hat nicht jeder der Menschen verkraftet.

Die Oberkasseler Schiffswerft

Die Oberkasseler Schiffswerft lag rechtsrheinisch und von Bonn aus kommend in der Bucht hinter der Südbrücke (Konrad-Adenauer-Brücke). Dort, wo der Weg eine große Schleife macht. Heute noch denke ich daran zurück, wie wir uns Gedanken machten, was für ein Schiff dort gebaut würde. Die Form erinnerte an ein U-Boot. Doch dazu passten die seitlich sichtbaren Bullaugen nicht. Die Beantwortung der Frage sehen wir noch heute auf dem Rhein herumschwimmen: „Moby Dick“ wurde dort gebaut.

Die Schloßallee in Mehlem

Nach soviel Heimatkunde jetzt noch etwas Unerfreuliches aus Mehlem. Schon in der vergangenen Ausgabe erwähnte ich, dass eine Architekt*innengruppe  in der Mehlemer Schoßallee eine größere Bebauung plant. Nach Ansicht von Teilen der Bürgerschaft passt diese Bebauung jedoch so gar nicht in das Ortsbild. Die dort geplante Installation eines Vollsortimenters (Supermarkt) spricht gegen den in Mehlem installierten Einzelhandel, der eine bunte Palette kleiner Geschäfte bietet, mit allem, was auch über den täglichen Bedarf hinaus benötigt wird. Daher wurde eine Bürgerinitiative mit dem Namen „Mehlemer Bürger*innen reden mit, Bebauung Schloßallee“ gegründet. In dieser Bürgerinitiative geht es um eine dem Ortsbild angepasste Bebauung sowie einem den Bedürfnissen angepassten Stadtentwicklungsplan. Dieser bestimmt, wohin sich die räumliche, historische sowie strukturelle Gesamtentwicklung dieses Ortsteiles bewegt. Wer informiert werden möchte, kann sich durch eine E-Mail an Schlossallee-Mehlem@web.de einschreiben. Eine Unterschriftenliste liegt in vielen Mehlemer Geschäften aus.

Die Bürger*innenbeteiligung in Bonn

Jetzt  machen wir einmal etwas ganz Verbotenes und Gefährliches. Wir wandern gedanklich über die A565, das Tausendfüßler genannte Stück zwischen dem Autobahnkreuz Bonn-Nord und der Abfahrt Bonn-Endenich. Auf leisen Sohlen schleicht sich hier eine massive Verbreiterung der Autobahn an. Viele Bonner*innen sind immer noch der Meinung, es handele sich nur um eine Sanierung der Autobahn, wie es von Teilen der Politik gerne missverständlich dargestellt wird. Mitnichten, durch eine dritte Fahrspur und einem Standstreifen wird dieses auf Stelzen befindliche Autobahnstück bald in doppelter Breite unsere schöne Stadt zerschneiden. Auch die bis zu zwölf Meter hohen Schallschutzwände werden den vom Messdorfer Feld her wehenden frischen Wind aufhalten. Im Zeichen des ausgerufenen Klimanotstandes eine fatale Fehlentscheidung. An dieser aus einer circa zwanzig Jahre alten Planung entstandenen Entscheidung werden noch viele Bürger*innen in den kommenden Jahren verzweifeln. Wenn ihr das mit eurer Stimme verhindern möchtet, schaut euch diese Seite genauer an: www.moratorium-a565.de/

Zukunftskunst

Zukunftskunst lautet das Motto einer Aktion, die gemeinsam von der Unicef-Hochschulgruppe und Students for Future ins Leben gerufen wurde. In einer Zeit, in der die Corona- als auch die Klimakrise unsere Gesundheit und die Existenzen vieler Menschen bedrohen, ist es wichtig, kreativ neue Ideen zu entwickeln.

Auf euren eigenen Sohlen könnt ihr diese Kunstwerke erwandern, wenn ihr dieser Karte folgt: https://umap.openstreetmap.fr/en/map/kunstprojekt-zukunftskunst_445249#15/50.7336/7.1056

Seid ihr müde von den vorhergehenden Wanderungen, so könnt ihr auch von eurer Couch aus diese Werke erwandern. Schaut hier nach: https://studentsforfuture.info/ortsgruppe/bonn/ – dort gibt es auch Social-Media-Adressen.

Schlusssatz

Bürgerinformation scheint in Bonn nie ein wirklich ernst gemeintes Thema gewesen zu sein. Heute wehren sich immer mehr Menschen in Bonn nicht nur gegen den Verbrauch kühlender Flächen. Ich würde mir in der nächsten Ratsperiode eine bessere Information der Bürger*innen und ein vernünftiges Wohn- und Verkehrskonzept wünschen. Ich finde es schön, dass ihr wieder so zahlreich mit mir gelaufen seid, und freue mich auf die nächste Wanderung, sicher ganz im Sinne der bevorstehenden Kommunalwahl.

Erschienen in der BUZ 4_20