Kommentar

Immer wieder mal Zeitenwende

Zeitenwende bedeutet Beginn einer neuen Ära

Nicht immer ist der Beginn erkennbar, geschweige alltäglich erlebbar, oder die Zeitenwende kommt nur schleichend daher. Einige Zeitenwenden sind so gravierend, dass sich niemand entziehen kann. Manche Zeitenwende war willkommen, andere stellten eine gesellschaftliche Herausforderung dar. Zeitenwenden haben also unterschiedliche Dynamiken und Betroffenheiten.

Dr. Manfred Fuhrich

Eine Zeitenwende kündigt sich nicht an. Paradoxerweise fand die einzig angekündigte Zeitenwende nicht statt. Nach dem astronomischen Maya-Kalender endet deren Zeitrechnung mit dem 21. Dezember 2012. Daraus schlossen einige Zeitgenossen, dass dies ein Ende für die Menschheit darstellt. Die Mayas selbst gingen nicht von einem „Weltuntergang“ aus, sondern prophezeiten deutliche Veränderungen, was Raum für zahlreiche Spekulationen ließ.

Technik und neue Zeiten

Technologische Fortschritte haben in der Vergangenheit wiederholt eine Zeitenwende eingeleitet.
Mit der Erfindung des Buchdruckes konnte erstmals eine mechanische Vervielfältigung erreicht werden, ohne dass das Originalschriftstück handschriftlich abgeschrieben werden musste. Dies stellte damals eine Revolution dar. Dank dieser Technik konnte Martin Luther seine Thesen verbreiten – eine Zeitenwende nicht nur für die katholische Kirche.

Noch gravierendere Folgen zeigte die Erfindung der Dampfmaschine. Sie revolutionierte die Warenfabrikation und stellte eine profitablere Alternative zur Manufaktur dar. Sie begründete wirtschaftlichen Erfolg und ebenso großes Elend in der Arbeiterschaft. Es dauerte nicht lange bis auch eine mobile Variante der Dampfmaschine ein neues Zeitalter der Mobilität einleitete: die Eisenbahn. Noch wirksamer für die Entwicklung unserer Städte und letztlich für die Umweltprobleme war die massenhafte Fabrikation von Automobilen. Die „autogerechte Stadt“ war Ausdruck einer dauerhaften Zeitenwende.

Auch in der Kommunikation folgte eine Zeitenwende der nächsten: Telefon, Fernsehen, Internet, Smartphone. Allein die Weiterentwicklung des Schnurtelefons hin zum mobilen Computer veränderte die Kommunikationsmöglichkeiten nachhaltig. Was kommt da noch? Wie sieht die nächste Zeitenwende aus?

Gesellschaftliche Umbrüche markieren Zeitenwenden

Doch nicht alle gesellschaftlichen Veränderungen bedurften der technologischen Unterstützung. Schon in früheren Zeiten gab es Zeitenwenden im politischen Raum, die unabhängig davon waren: Die Reichsgründung vor 150 Jahren und nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg die Abdankung des Kaisers 1918 durch die Ausrufung der Republik waren Zeitenwenden, deren Auswirkungen wir heute zu interpretieren wissen. Die verhängnisvolle Zeitenwende durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 und deren Regime war bereits durch Propaganda in Radio und Film unterstützt.
Eine weitere Zeitenwende bedeutete die Kapitulation nach dem verlorenen Krieg, dem durch die Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik weitere Zeitwenden folgten. Erhard Eppler veröffentlichte Mitte der 70-er Jahre ein Buch mit dem Titel „Ende oder Wende“. Als sozialliberaler Querdenker setzte er sich kritisch mit der Industriegesellschaft ausein­ander. Seine Forderungen nach einer radikalen Veränderung für eine zukunftsfähige Wende blieben ohne Resonanz. Die letzte bundesweite Zeitenwende leitete der Fall der Mauer ein, in dessen Folge die Wiedervereinigung friedlich erfolgte.

Dieser historische Rückblick darf nicht den Blick auf aktuelle Veränderungen, Chancen und Bedrohungen verstellen. Vielmehr sollten wir daraus lernen und wachsam sein. Im Nachhinein lassen sich Daten für erfolgte Zeitenwenden definieren. Gerade weil es sehr schwierig ist, das Ausmaß einer Zeitenwende zu erkennen, sind auch die Folgen oder die Dringlichkeit aktueller Herausforderungen schwer einzuschätzen. Es besteht so die Gefahr, dass die Chancen neuer Entwicklungen nicht erkannt werden, aber auch die Möglichkeiten zum Gegensteuern bei gefährlichen Entwicklungen verpasst werden.

Hinweise auf Zeitenwenden

Aktuell stehen wir vor drei großen Herausforder­ungen, die das Potenzial haben, in späteren Jahren als Zeitenwende benannt zu werden. In erster Linie ist es der Klimawandel. Das Problem liegt in der unzureichenden Fähigkeit der Politik, Fakten Taten folgen zu lassen, harte unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen und in der mangelnden Bereitschaft der Bürger*innen, persönliche Einschränkungen zu akzeptieren.

Eine weitere Herausforderung liegt in der wachsenden Skepsis gegenüber dem Projekt „Europa“. Zunehmender Nationalismus, europafeindlicher Populismus und reaktionäre Fremdenfeindlichkeit erstarken in einzelnen Staaten. Die Abwendung von der Idee eines geeinten Europa in robuster Wertegemeinschaft lassen eine neue Wendezeit erkennen.

Anders sieht es in der dritten Herausforderung aus: Der Pandemie. „Corona“ hat uns voll im Griff und vielerorts wird es dramatisch. Es scheint so, dass wir vor einem großen Zeitenwechsel stehen. Noch ahnen wir nicht, was das langfristig bedeutet. Noch erfahren die politisch gesetzten Maßnahmen, die in unseren Lebensalltag eingreifen, hohe Akzeptanz. Doch was passiert, wenn die Restriktionen länger anhalten? Was bedeutet dies für die politische Kultur und das gesellschaftliche Miteinander, für die Zukunft einer freien Gesellschaft? Die nächste Wendezeit kommt bestimmt. Wir sollten wachsam sein.

Erschienen in der BUZ 1_21