Energie,  Politik

„Ich kann mich gar nicht entscheiden – Ist alles so schön bunt hier“

Was Nina Hagen einst punkig in den Saal rockte, kam am 28. September in der Pressekonferenz der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) wesentlich dezenter rüber. Aber es ging an diesem Tag auch um Entscheidungen, nämlich um erste Auswahlschritte hin zu einem Atommüllendlager. Und es sollte erklärt werden, wie aus einer ursprünglich weißen Landkarte, in der jede Region in Deutschland den gleichen Status hatte, eine differenziertere und bunte geworden ist.

Susanna Allmis-Hiergeist

Zur Erinnerung: Um die Jahreswende 2017/2018 hatten wir den Leser*innen in einer Artikelserie „Was aus dem Atommüll wird“ das Standortauswahlgesetz, die mit der Suche beauftragten Organisationen und einen rudimentären Zeitplan vorgestellt. Jetzt können wir die „Unendliche Geschichte“, wie wir sie damals nannten, wieder ein Kapitel weiter verfolgen. Nach langem Ringen mit geowissenschaftlichen Daten hat die mit der Endlagersuche beauftragte BGE einen Zwischenbericht vorgelegt, der ungeeignete Regionen ausscheidet und im Umkehrschluss ausweist, welche Bereiche von Deutschland weiter im Rennen sind.


Und ich war so gespannt …

Aber der Reihe nach: die von der BGE vorgelegte bunte Karte stellt ein Puzzle aus 90 Teilgebieten, das heißt endlagerfähigen geologischen Strukturen, dar. Diese orientieren sich nicht an administrativen Grenzen wie zum Beispiel Landkreisen, sondern bilden vom geologischen Untergrund her zusammenhängende Gebiete ab. Sie können ausgedehnt sein oder auch nur sehr klein wie zum Beispiel ein einzelner Salzstock. Im Bild wird farblich nach der Art des Wirtsgesteins der Teilgebiete unterschieden: Orange/Rot entspricht Tongestein und prägt weite Teile des Nordens, Blautöne mit Steinsalzen finden sich vorwiegend in der Mitte, im Südosten und Bayern dominiert Kristallingestein wie Granit. Bei uns in NRW sind Teilgebiete im Münsterland, am Niederrhein und in Ostwestfalen-Lippe ausgewiesen. Da nach jetzigem Kenntnisstand 54% der Fläche als potentiell geeignet markiert ist, werden die vehementen lokalen Proteste wahrscheinlich erstmal ausbleiben.

Eine mögliche erste Welle dieser Art soll zwischen Oktober 2020 und Juni 2021 durch eine Serie von Fachkonferenzen abgefedert werden. Federführend für die Beteiligung der Öffentlichkeit ist das Bundesamt für Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), das auch die atomrechtliche Aufsicht über die operativ tätige BGE führt. Die Auftaktveranstaltung unter Beteiligung von Kommunen, gesellschaftlichen Organisationen sowie Bürgerinnen und Wissenschaftlerinnen fand am 17./18.10. in Kassel statt. Eine online-Teilnahme war nach Anmeldung für jede/n Interessierte/n möglich (Bericht dazu in der nächsten BUZ). Das von BASE und BGE postulierte Ziel ist, auf diese Weise möglichst viel zusätzliche örtliche Expertise in den Suchprozess einfließen zu lassen. Umweltschützer kritisieren, dass die kenntnisreichen teilgebietskundigen Geolog*innen in der Regel nicht vom Himmel fallen, Zeit zur Einarbeitung brauchen und bezahlt werden müssen. Sie fordern finanzielle Mittel für alternative Studien und halten den Zeitpunkt Ende Juni 2021 für die Kommentierung des Zwischenberichts durch die Fachkonferenzen für zu knapp gewählt.

Parallel zur Bürgerbeteiligung arbeitet die BGE weiter an der Eingrenzung des Suchraums zum Beispiel durch planungswissenschaftliche Abwägungen (Siedlungsdichte, Naturschutzstatus usw.). Im Rahmen einer übertägigen Erkundung werden dann Standorte ermittelt, die später auch untertägig erkundet werden sollen. 2031 soll der Standortvorschlag stehen, ab 2050 erste Castoren eingelagert werden.


Warum so gespannt?

Klar, was aus dem Salzstock Gorleben wird. Der verdiente amtliche Ausschluss des besterkundeten Standorts Gorleben würde das Vertrauen in die wissenschaftliche Objektivität des Verfahrens erhöhen, sagte ich mir. Andererseits waren bereits Milliarden investiert worden. Auf den ersten Blick ist es gut gegangen, auch wenn sich in Gorleben weiter ein schlecht geschütztes Zwischenlager befindet und um den Salzstock herum im Landkreis Lüchow-Dannenberg Teilgebiete mit Tonuntergrund ausgewiesen sind. Und jetzt nur nicht vorschnell weiterdenken.

Wolfram König, der Leiter der BASE, bemerkte kürzlich, eine künftig zu treffende Standortfestlegung sei in jedem Fall eine Zumutung, die nur durch die Gemeinwohlverpflichtung der betroffenen Region zu rechtfertigen sei. Das ist kühn, aber vermutlich richtig. Denn obwohl alles so schön bunt ist, muss eine Entscheidung getroffen werden. Oder alle Castoren bleiben am Ende doch in ihren jetzigen, dann technisch aufgerüsteten Zwischenlagern verteilt über die Bundesländer.

Erschienen in der BUZ Ausgabe 6_20

…und hier die drei Artikel zum Thema Endlager aus 2017 und 2018

BUZ-Serie: Was aus dem Atommüll wird (BUZ 5-17/ September und Oktober 2017)

Eine ziemlich unendliche Geschichte

Welch ein Missverhältnis: Wenn Ende 2022 alle verbliebenen Atommeiler abgeschaltet werden, steht in Deutschland einer ca. 60 jährigen Produktion von Strom aus Kernkraftwerken eine Periode von einer Million weiterer Jahre in Begleitung des strahlenden Restmülls gegenüber. Schwer vorstellbar, was erdgeschichtlich in dieser Zeit passiert. Wie und mit welchen Instrumenten die Folgen dieses anmaßenden Eingriffs in die Zukunft angegangen werden sollen, will die BUZ in einer Serie detaillierter erläutern. Der Stoff wird uns dabei vermutlich sobald nicht ausgehen.

Susanna Allmis-Hiergeist

Eines vorweg: Ich bin dafür, die Entsorgung des atomaren Mülls in staatliche Hände zu geben. Diese Aufgabe den zerfallsbedrohten Strukturen der heutigen Energieversorgungsunternehmen mit ihren möglicherweise kalkulierten Insolvenzen anzuvertrauen, wäre unverantwortlich und dauerhaftere Organisationsformen sind unbedingt vorzuziehen.

Geht man nicht eine Million Jahre in die Zukunft, für die ja jetzt geplant werden soll, sondern stattdessen eine Million Jahre zurück, landet man in der Altsteinzeit beim Homo Erectus, einem Vorfahren des Neandertalers und des Homo Sapiens, der immerhin schon mit Steingeräten wie z. B. Faustkeilen arbeitete. Die Evolution wird vermutlich auch in der nächsten Million Jahre nicht einfach ein gemütliches Päuschen einlegen, sodass bei der Entsorgungsplanung ein Zeitraum abgedeckt werden muss, der weder die Veränderungen des Menschen und des Lebens allgemein, noch die der Technik halbwegs überblickt. Die in den letzten Jahren präsentierten Kommissionsergebnisse, Gesetze und Verträge erscheinen vor diesem Hintergrund bei all dem auch ernsthaft hinein gesteckten Schweiß als brav mühsame Manöver, in deren Windschatten die Atomkraftwerksbetreiber geschickt ihre Interessen sichern konnten.

Wir wollen das in einer Serie konkreter beleuchten. Anika Limbach (AntiAtomBonn) hatte in der BUZ Juli/August 2016 schon einen Anfang gemacht, indem sie ihre Einschätzung zu den Empfehlungen einer Regierungskommission zur Finanzierung des Kernenergieausstiegs dargelegt hat. „Verantwortung und Sicherheit – Ein Entsorgungskonsens“ hieß das Papier. Anikas Fazit: Die EVUs sind zu billig weggekommen, alle Risiken liegen beim Steuerzahler. Um die Ergebnisse der Kommission gesetzlich abzusichern, wurde im Januar 2017 ein Entsorgungsübergangsgesetz als sogenanntes Artikelgesetz verabschiedet. Dabei handelt es sich um eine Rahmengesetzgebung, die die betreffende Thematik in einer ganzen Reihe von Fachgesetzen ändert. Übergang ist hier im Sinne von Verantwortungsübergang gemeint, nämlich für die Entsorgung der Brennelemente im Endlager, aber auch für die Zwischenlagerung an den Standorten der heutigen Atomkraftwerke. Der Trick: die AKW-Betreiber zahlen eine (allgemein als viel zu niedrig eingeschätzte) Summe in einen „Fond zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung“ und sind schon ab der ersten überwiesenen Rate von allen Lasten außer der fachgerechten Verpackung des strahlenden Mülls entbunden. Verzögert sich beispielsweise der kostspielige Bau des Endlagers, hat der Bund auch die Sanierung der Zwischenlager für dauerhafteren Betrieb in den Büchern stehen. Zur Krönung wurde dies alles im Juni 2017 in einem privatrechtlicher Vertrag zwischen den Energieversorgungsunternehmen und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie festgezurrt.

Welche Haken und Ösen diese technischen und rechtlichen Konstruktionen haben, wollen wir in den nächsten Ausgaben der BUZ näher beleuchten.

Erschienen in der BUZ Ausgabe 5_17

Foto: www.unsplash.com

BUZ-Serie: Was aus dem Atommüll wird (BUZ 6-17/ November und Dezember 2017)

Eine ziemlich unendliche Geschichte (2)

Im Jahr 2031 soll der Bundestag endgültig über den Standort des Endlagers für hochradioaktiven Atommüll aus Atomkraftwerken entscheiden. Noch ziemlich lange hin und die entscheidenden Phasen liegen wohl noch einige Jahre in der Zukunft. Doch diese Annahme ist trügerisch. Denn mit der Gründung der Bundesgesellschaft für kerntechnische Entsorgung (BGE) nimmt der Prozess der Endlagersuche noch in diesem Jahr einiges an Fahrt auf. Die Landesämter, die die notwendigen Geodaten als Basis für den mehrstufigen Findungsprozess liefern sollen, sind dabei in einer unbequemen Lage.

Susanna Allmis-Hiergeist

Rein wissenschaftlich und transparent solle es zugehen, die Öffentlichkeit sei umfangreich zu beteiligen und natürlich gelte bei der Kostenübernahme das Verursacherprinzip, so formulierte es die Regierungskommission zur Lagerung hochradioaktiver Abfallstoffe und so steht es auch im überarbeiteten Standortauswahlgesetz.

Was bisher geschah

Bereits nach dem Reaktorunglück in Fuku­shima und dem danach beschlossenen Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland wurde  2013 eine erste Version des Standortauswahlgesetzes beschlossen. Bestandteil der darin festgelegten Vorgehensweise war schon damals die Einrichtung einer unabhängigen, pluralistisch besetzten Kommission, die das Auswahlverfahren strukturieren sollte. Nach zweieinhalbjähriger Arbeit hat diese Kommission, in der auch der BUND vertreten war, Mitte letzten Jahres ihren Abschlussbericht im Deutschen Bundestag vorgelegt. Die darin enthaltenen Empfehlungen beantworten vorrangig vier Fragenkomplexe:

  • Welche Schutzziele haben Vorrang?
  • Wie sollte ein an ihnen orientierter Endlagersuchprozess gestaltet werden?
  • Welche Entscheidungskriterien, eingebunden in eine Sicherheitsmatrix, sollten zum Tragen kommen?
  • Wie sollte die Organisationsstruktur für Planung und Betrieb dieser sensiblen Prozesse optimiert werden?

Die von der Kommission postulierten Schutzziele sind nachvollziehbar: Eine bestmögliche Sicherheit des Einschlusses für einen Zeitraum von 1 Million Jahren müsse gewährleistet sein, die bei hochradioaktiven Stoffen entstehende Zerfallswärme solle adäquat abgeführt werden und eine etwaige Strahlenexposition von Personal und Bevölkerung sei weitestgehend zu vermeiden. Weitestgehend? Was heißt das? Aber immerhin: die Endlagersuche soll laut Kommissionsbericht als lernendes System mit Fehlerkorrekturmöglichkeiten gestaltet werden und eine Rückholbarkeit und Bergbarkeit des strahlenden Mülls für 500 Jahre nach dem geplanten Verschluss im Jahre 2050 garantiert sein.

Entscheidungskriterien stellen Weichen

Wie aber entsteht nun aus der vielbeschworenen weißen Landkarte für die Standortsuche (inklusive Gorleben) eine nach Sicherheitskriterien geordnete regionale Reihung? Zu Beginn des Prozesses werden durch geowissenschaftliche Daten begründete No-Gos identifiziert. Das können von Vulkanismus gefährdete Regionen oder solche mit früherer bergbaulicher Tätigkeit sein. Auch nicht erfüllte Mindestanforderungen wie ein zu kleiner einschlusswirksamer Bereich würden zu einem roten Fleck auf der Karte führen. Als Ergebnis einer weiteren Bewertung sollen die verbliebenen Standorte aus Ton-, Salz- oder Granitgesteinen mittels geowissenschaftlicher Abwägungskriterien in eine relative sicherheitstechnische Reihung gebracht werden. Abwägungskriterien sind dabei z. B. die Möglichkeit der Wärmeabfuhr, die Bedingungen zur Minimierung von Gasbildung, die Robustheit des Deckenaufbaus, aber auch die Ermittelbarkeit der genannten Eigenschaften und die Prognostizierbarkeit des Verhaltens unter verschiedenen Belastungssituationen. Ein Standort könnte also auf der Basis vorläufiger Erkenntnisse hervorragende Eigenschaften aufweisen; wenn aber der zuständige Geowissenschaftler die Zuverlässigkeit seines eigenen Dateninputs mit ausreichenden Fragezeichen versieht, wäre die Region vielleicht doch noch aus dem Schneider. So ein Szenario ist natürlich rein hypothetisch, aber es zeigt, dass sich bei allen Beschwörungen des Vorrangs von „Wissenschaft vor Politik“ aus den Abwägungskriterien genügend Druckpunkte auf die geologischen Landesämter durch die betroffenen Regionen ableiten lassen. Und diese Maschinerie startet jetzt und nicht erst in ferner Zukunft.

Wer sitzt im Drivers Seat?

Dazu ein Blick in die kompexe Organisation, die den Bau des Bergwerks steuern soll. Die im ursprünglichen Endlagergesetz vorgesehene Behördenstruktur sei für eine operative Gestaltung des Endlagerprozesses zu unflexibel, befand die Regierungskommission. Das Ergebnis ist eine Teilentmachtung des Bundesamtes für Strahlenschutz, aus dem jede Verantwortung für die Betriebe in Gorleben, Schacht Konrad und Asse heraus gelöst und zusammen mit dem Prozess der Endlagersuche in eine neu gegründete Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) integriert wurde. Die gehört zu 100% dem Bund, wird aber nicht mehr vom Umweltmisterium direkt, sondern von einem vom Umweltministerium berufenen Aufsichtsrat gesteuert.

Um den ministeriellen Einfluss auf den gesamten Prozess dennoch zu unterstreichen, entstand neben dem weiterhin für Grundsatzfragen zuständigen Bundesamt für kerntechnische Sicherheit noch ein neues Bundesamt als Regulierungsbehörde, nämlich das Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE). Das BfE soll die verschiedenen Arbeitsschritte des BGE bis zur Endlagerentscheidung kontrollieren und genehmigen, die Abstimmung mit den parlamentarischen Gremien sichern und auch die Bürgerbeteiligung organisieren. Daneben gibt es noch die BGZ, die Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung; auch eine 100%ige Tochter des Bundes. Sie übernimmt den Betrieb der Zwischenlager (und damit auch die Kosten) an den AKW-Standorten und in Gorleben. Keine geringe Rolle spielt auch der Entsorgungsfond, eine Stiftung, die die dem Bund übertragenen 24,1 Mrd EURO aus den Rückstellungen der AKW-Betreiber managen und durch ausgeklügelte Anlagestrategien die immensen tatsächlich erwartbaren Kosten für die Zwischen- und Endlagerung in den kommenden Jahrzehnten einspielen soll. Sie halten das nicht unbedingt für eine schlanke Organisation? Zumindest sind bestimmt eine Menge lukrativer Positionen in den neu geschaffenen Behörden und Geschäftsführungen entstanden.

Der Phasen-Plan

Wie auch immer man das gewählte Konstrukt beurteilt, sind die genannten Akteure nun in der Verantwortung, in den nächsten Jahren die Zuspitzung der Entscheidung auf einen einzigen Standort voran zu treiben. Das heißt:

  • zuerst aus der mit Hilfe der Abwägungskriterien ermittelten Rangfolge eine Vorschlagsliste für oberirdische Erkundungen durch den Bundestag zu bringen,
  • danach auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse Kandidaten für die unterirdische Erkundung konsensfähig zu machen
  • und schlussendlich nach unterirdischer Erkundung und Umweltverträglichkeitsprüfung im Jahr 2031 einen definitiven Standortvorschlag zu präsentieren.

Die Partizipation der Bürger soll dabei über Regionalkonferenzen sicher gestellt werden, die vor jedem Bundestagsentscheid maximal einen Nachprüfungsauftrag platzieren können. Wie dies alles und insbesondere die Lagerung des strahlenden Mülls dauerhaft finanziert werden soll, dazu mehr in Folge 3 dieser Serie.

Erschienen in der BUZ Ausgabe 6_17

BUZ-Serie: Was aus dem Atommüll wird (BUZ 2-18/ März und April 2018)

Eine ziemlich unendliche Geschichte (3)

Nachdem die ersten beiden Teile unserer Serie versucht haben, die komplizierte Organisation und die vorgesehenen Prozessschritte der Endlagersuche für Atommüll zu verstehen, geht es in diesem dritten Beitrag um das brisante Thema der Finanzierung.

Susanna Allmis-Hiergeist

Rund 24 Mrd. EURO stehen aus den Rückstellungen der AKW-Betreiber zur Verfügung – aber nicht dem Umweltministerium direkt oder der für die operative Durchführung der Standortsuche verantwortlichen Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), sondern einer Fondsgesellschaft, die über ein Kuratorium mit Vorsitz des Wirtschaftsministeriums geführt wird. Das muss man sich näher ansehen:

Zur Erinnerung: Der Phasenplan für die Endlagersuche gliedert sich in mehrere Untersuchungsschritte, die den optimalen Standort skzessive herausfiltern sollen. Das Identifizieren von No-Go-Bereichen, übertägige Erkundung, untertägige Erkundung, Standortentscheidung in 2031, Beginn der Verfüllung in 2050 – alle diese Stichworte sind schon gefallen. Die rund 24 Mrd. aus dem Entsorgungsfond nebst der erwirtschafteten Rendite sollen die kalkulierten Kosten für die gesamte Prozesskette decken. Wie wird nun der Geldfluss zwischen dem Fonds und dem konkreten Bauprojekt gesteuert?

Fehlender Zeitplan?

Ein verantwortlicher Projektmanager würde normalerweise damit beginnen, das mühsam ausgehandelte Gesamtbudget für sein Projekt in relativ sicher kalkulierbare kurzfristige Mittel, einen mehrere Jahre abdeckenden Mittelfristplan und den die späten Projektphasen abdeckenden langfristigen Kapitalbedarf zu gliedern. Dies würde der Fondsgesellschaft einen Rahmen für ihre Anlagestrategie und die Planung ihrer Liquidität setzen. Deshalb zuerst die Frage an das Umweltministerium, wann denn erstmals größere Mengen Geldes für die verschiedenen Erkundungsphasen in die Hand genommen werden müssen. Antwort des Ministeriums:

„Der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) obliegt als Vorhabenträger die Durchführung des Standortauswahlverfahrens. Der konkrete Zeitplan orientiert sich dadurch primär an den Planungen der BGE. Ein belastbarer Zeitplan der BGE für die Vorlage eines Berichts mit dem Vorschlag für die übertägige Erkundung (Phase 2) liegt derzeit noch nicht vor“ – geschweige denn für die folgenden Phasen, möchte man ergänzen. Die Datenrückmeldungen der geologischen Ämter, Bergämter und Wasserämter seien zu uneinheitlich. Auch die innerhalb der BGE zuständige Abteilung bestehe bisher nur aus einem kommissarischen Leiter und 12 weiteren Mitarbeitern, die neben ihren eigentlichen Aufgaben in der BGE an der Standortauswahl mitarbeiten.

Wie soll also die Fondsgesellschaft einen Plan für die Kapitallieferungen an das Projekt aufstellen? Ich erfahre, dass die Frage sich in der Form nicht stellt, weil die BGE aus dem Bundeshaushalt finanziert wird und gar keine direkten Geschäftsbeziehungen zur Fondgesellschaft unterhält. Im Entsorgungsfondsgesetz ist zwar geregelt, dass der Bund den Fonds drei Monate vor Beginn eines Kalenderjahres über die für die kommenden drei Jahre geplanten Entsorgungsmaßnahmen inklusive deren Kosten unterrichten muss, aber bei derartig unsicheren Zeitplänen bleiben solche Mitteilungen vermutlich sehr im Vagen.

Nachhaltige Anlagestrategie?

Aus Sicht der Fondgesellschaft ist die unklare zeitliche Situation vielleicht sogar eher wünschenswert, da der Bund ohnehin erstmal mit der Finanzierung in Vorlage geht und ein weniger enges zeitliches Korsett ihren Spielraum bei der Anlagestrategie erhöht. Immerhin gilt es gemäß Entsorgungsfondsgesetz 4,58% Rendite zu erwirtschaften. Als von Niedrigzinsen gebeutelter Kleinsparer wäre man schon neugierig, wie sich das machen läßt.

Im Entsorgungsfondsgesetz sind keine Vorgaben zu finden, nach welchen Kriterien das Fondskapital angelegt werden soll. Anja Mikus, die Vorstandsvorsitzende der Fondsgesellschaft, hat sich bei öffentlichen Auftritten zu einer nachhaltigen Anlagestrategie bekannt. Konkret handelt es sich dabei um sogenannte ESG-basierte Strategien (Environmental, Social and Governance), die in ihrem Investitionskonzept u.a. Faktoren wie Umweltschutz, Sozialstandards, gute Unternehmensführung und Vermeidung von Korruption berücksichtigen. Hört sich erstmal gut an. Aber: da das Kapital des Fonds zur Risikominimierung breit gestreut werden soll, werden nur die summarisch schlechtesten der jeweiligen Branche aussortiert. Aktien von Firmen wie EXXON, dem japanischen AKW-Betreiber Tepco und letzlich auch der deutschen AKW-Betreiber wie RWE könnten bei sonst guter Benotung leicht wieder ins Portfolio des Fonds gelangen. Ein echter Coup für die Kraftwerker: Der so entstehende zusätzliche Rückenwind für ihre Aktien wäre sozusagen ein Sahnehäubchen auf das ohnehin fette Geschenk der endlagermäßigen Komplettenthaftung mit Einzahlung in den Fonds. Aber zugegebenermaßen sind das Spekulationen; die an den Fonds diesbezüglich gestellten Fragen blieben bisher unbeantwortet. Ebenso die Frage, ob die 24 Mrd. Fondseinlagen immer noch bei der KfW zwischengelagert sind, derzeit für einen 6-stelligen EURO-Betrag Strafzinsen pro Tag.

Richtig aufgestellt?

Die viel grundlegendere Fragestellung scheint mir jedoch zu sein, ob ein für die Umwelt und nachfolgende Generationen entscheidendes Projekt wirklich durch ein solch unübersichtliches Geflecht aus verschiedenen beteiligten Ministerien und nachgeordneten Ämtern und Gesellschaften effektiv gesteuert werden kann. Verfolgt man die ersten zähen Schritte, drängt sich der Eindruck auf, dass dies nicht der Fall ist. Eine künftige Bundesregierung sollte daher die Mammutaufgabe Endlagerung mit einer ressortübergreifenden straffen Projektorganisation zur Chefsache machen – damit eine ziemlich unendliche Geschichte überschaubar in einem tragfähigen Bergwerk endet.

Erschienen in der BUZ Ausgabe 2_18