Gesellschaft,  Kommentar

Durch den Ernährungsdschungel

Kolumne

Es ist nicht einfach im undurchdringlichen Dickicht des Ernährungsdschungels eine verbindliche Orientierung in Essensangelegenheiten für sich selbst zu finden.

Was war das Leben früher doch einfach: Als es nach der Kriegszeit und den Hungerjahren endlich wieder etwas gab, galt es zuerst einmal, satt zu werden. Es wurde gegessen, was auf den Tisch kam. Essen an sich war schon ein Genuss. Da ging es weder um ausgeklügelte Rezepte noch um die Menge der Kalorien oder Nährstoffe, sondern allein um deftige Hausmannskost und einen möglichst hohen Sättigungsfaktor. In den Fünfziger Jahren galt der Wohlstandsbauch als Statussymbol und der verständliche Nachholbedarf sorgte dafür, dass viele Deutsche bald einen hatten.

„Die Mayonnaise quillt, die Stimmung ist gut“ (Untertitel eines Fotos im „Stern“)

Aber schon Mitte der Sechziger änderte sich das. Twiggy prägte ein neues Schönheitsideal und Ulrich Klever, Journalist, Autor und Fernsehkoch, propagierte Anfang der Siebziger die kalorienbewusste Ernährung. Schlank sein wurde hip und anschließend zum Gesundheitsdogma. Nach „FdH“ = Friss die Hälfte kam die Brigitte-Diät und alle möglichen Wunderwaffen im Kampf gegen den Wohlstandsspeck: Ananasdiät, Eierdiät, Suppendiät und sonstige Kuriositäten (Essigdiät: ess‘ ich oder ess‘ ich nicht?), die allesamt eine andere Art von Mangelernährung waren. In den nächsten Jahrzehnten entwickelten sich dann Ernährungstrends und Gesundheitslehren von Heilfasten über Buchinger bis Vollwertkost, vegetarischer Ernährung, Säure-Basen-Balance und Rohkost.

Trotz der vielen Ernährungsempfehlungen und verfeinerten Kenntnisse der ernährungsphysiologischen Vorgänge oder gerade deswegen hatten die Menschen noch nie so ein entfremdetes Verhältnis zu Lebensmitteln und zum Essen wie heute. Viele wissen nicht mehr, wie man sich gesund ernährt, was ihr Körper braucht und was Lebensmittel sind, die diesen Namen verdienen. Es gibt jede Menge Kochshows im Fernsehen und gleichzeitig wird in deutschen Küchen zunehmend weniger regelmäßig frisch gekocht. Es wird vermehrt auf Convenience Food zurückgegriffen; sogar im Bio-, Veggi- und Vegan-Bereich.

Fatalerweise geben Eltern ihre Unkenntnis und Verunsicherung auf direktem Wege an ihre Kinder weiter. Deshalb müsste inzwischen in Schulen wieder Kochen unterrichtet und Kindergartenkindern ein gesundes Frühstück aufgetischt werden. Richtig essen wird scheinbar immer komplizierter. Als könne sich nur gesund ernähren, wer irgendeiner Lehre folgt oder Ökotrophologie studiert hat. Vielleicht wenden sich auch deshalb Viele resigniert dem abgepackten und bunt bedruckten Fertigessen zu und vertrauen dem MHD = Mindesthaltbarkeitsdatum mehr als ihren fünf Sinnen, womit sie wegwerfen, was längst noch nicht verdorben ist. Und die Politik versucht hilflos dem Dschungel aus Phantasie-, Öko- und den wenigen ernstzunehmenden Siegeln, mit Ampeln und noch mehr Reglementierungen beizukommen.

Wer wissen will, was in Fertigprodukten drin ist, muss unbedingt die kleingedruckte Zutatenliste studieren. Verbraucherschützer*innen kritisieren zu Recht fehlende Angaben bedenklicher Bestandteile. Aber statt darauf zu warten, dass die Hersteller sie sorgfältig verklausuliert nachliefern, lässt man besser die Finger von Artikeln, in denen mehr als fünf Zutaten sind oder Zucker schon an zweiter Stelle steht. Auf jeden Fall sollte man beim Einkauf die Lesebrille nicht vergessen.

Ernährungstrends

Trotz dieser Helikopterfürsorge wird die Menschheit in den westlichen Ländern immer dicker. Die Ernährungstrends und neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse mit Garantie auf ewige Jugend geben sich die Klinke in die Hand. Was gestern noch galt, ist heute ins Gegenteil verkehrt. Und die Lebensmittelindustrie springt auf jeden erreichbaren Zug gerne auf. Sie versteht es geschickt, uns ultimatives Superfood schmackhaft zu machen. Gojibeeren werden aus dem chinesischen Hochland importiert und leistungsstarke Smoothie Mixer zu horrenden Preisen angeboten, um die der stets um Optimierung bemühte Mensch nicht herumkommt. Ich möchte nicht wissen, wie viel von diesem Lifestyle-Schnickschnack inzwischen schon im Keller steht oder im Küchenschrank verschimmelt. Was früher ein Fall für das Reformhaus war, ist heute ein einträgliches Warensortiment im Supermarkt: gluten- und laktosefreie Lebensmitte. Und das, obwohl nur ein verschwindender Prozentsatz der Bevölkerung wirklich an einer dieser Unverträglichkeiten leidet. Nicht zu reden von den fettreduzierten Produkten, die, des Geschmacksträgers Fett beraubt, dafür umso mehr Zucker enthalten.

Schauen wir auf die Speisezettel von Kulturen, in denen sich Fastfoodketten noch nicht oder erst wenig etabliert haben, stellen wir fest, dass dort ein Großteil unserer Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, Krebs, Adipositas usw. viel seltener auftreten und bei Naturvölkern weitgehend unbekannt sind.
Das mühsame Schneisenschlagen durch den Ernährungsdschungel verdirbt mir den Appetit. Wenn Essen zur Wissenschaft wird und ich zwischen all den, sich oft widersprechenden, Ernährungsweisheiten nicht mehr weiß, was gut für mich ist, kriege ich Lust, trotzig Kuchen und Schokolade in mich hinein zu schaufeln, obwohl ich es natürlich besser weiß.

Essen ist ein emotionales Thema

Bei der Beschäftigung mit dem Thema Ernährung wird mir einmal mehr bewusst, wie umfangreich und emotionsgeladen es ist und wie wenig ich ihm auf diesem begrenzten Raum gerecht werden kann. Dennoch ist es vielleicht gar nicht so schwer: Besinnen wir uns auf unsere heimischen Obst- und Gemüsesorten mit ihren vielen Spielarten, von denen viele zu Unrecht in Vergessenheit geraten oder schon ausgestorben sind. Sie enthalten genauso gute, wenn nicht für unsere Breiten sogar besser auf uns zugeschnittene Nährstoffzusammensetzungen und Vitamine als jegliches Superfood. Vermeiden wir deshalb Fertigprodukte und stark verarbeitete Lebensmittel. Nehmen wir Abschied von dem Glauben an Ernährungsmoden und Heilslehren jeglicher Art. Hören wieder auf unsere Körpersignale und unseren gesunden Menschenverstand, nach dem Motto: Iss nichts, was deine Großmutter nicht als Essen erkannt hätte.*

Und wenden wir uns einer Küche mit den vielfältig vorhandenen heimischen und möglichst unverarbeiteten Lebensmitteln zu. Nehmen wir die Probleme der Massentierhaltung für die Fleisch- und Milcherzeugnisproduktion ernst und reduzieren unseren Fleisch- und Milchkonsum wieder auf ein für die Umwelt und den menschlichen Verdauungstrakt erträgliches Maß. Vermeiden wir unnötige Importe von exotischen Lebensmitteln, die nicht so gut sein können wie unsere eigenen am Baum und auf dem Feld gereiften, und für die es einen hohen logistischen Aufwand erfordert, um einigermaßen genießbar in unsere Läden zu gelangen.

Haben Sie schon einmal einen in Südfrankreich gereiften und auf dem dortigen Markt verkauften Pfirsich gegessen? Ein unvergessliches Geschmackserlebnis! Außerdem wirken wir damit der Umweltzerstörung in den Herstellerländern entgegen, für die wir Verantwortung tragen. Nehmen wir uns etwas Zeit für uns und unseren Körper und den Genuss eines selbst gekochten, frischen Essens. Und machen wir uns klar, dass es keine allgemeingültige Ernährungsweise für alle gibt, sondern Jede*r selbst herausfinden muss, welche Nahrung ihr oder ihm gerecht wird. Mehr braucht es nicht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
In diesem Sinne: Guten Appetit!

*Michael Pollan: 64 Grundregeln Essen, Goldmann

Susanne Behrendsen