Gesellschaft,  Ökologie

Die japanische Naturmedizin

Wald auf Rezept

Shinrin Yoku ist mehr als ein simpler Streifzug durch den Wald. Die immer bekannter werdende  Therapieform aus Japan (shinrin bedeutet im Japanischen „Wald“ und yoku meint „Bad“) ist ein alle Sinne beanspruchendes und erfrischendes „Bad“ in der Waldatmosphäre, das seit einigen Jahren auch wissenschaftlich näher auf seine Wirksamkeit hin erforscht wird.

Melanie Alessandra Moog

Der Mensch und seine Liebe zur Natur

Wir Menschen sind von Grund auf biophile Wesen, so erklärt es der japanische Forscher Dr. Quing Li. Der Begriff der Biophilie stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Liebe zur lebendigen Natur“. Beim Waldbaden kommt diese in unseren Genen eingeprägte Tendenz, uns in der Natur wohl, gesund und gelassen zu fühlen, ganz auf ihre Kosten. Dass wir uns mit allen Sinnen für die uns umgebenden natürlichen Eindrücke öffnen, ist laut Li ebenso wichtig wie regelmäßiger Sport und eine ausgewogene Ernährung.  In Japan gibt es das Waldbad daher sogar bereits vom Hausarzt auf Rezept.

Modernes Leben und Technostress

Wird die Empfehlung zum bewussten Waldbad, die der Waldforscher und Mediziner Dr. Li ausspricht, denn in westlichen Kulturen berücksichtigt? US-Amerikaner verbringen täglich im Schnitt 10,5 Stunden vor Bildschirmen, bei den Briten sind es ca. acht Stunden und 40 Minuten pro Tag. Im Jahr 2018 stieg der allgemeine Medienkonsum im Falle Deutschlands bei den über 14 Jahre alten Nutzer*innen erstmals auf über neun Stunden pro Tag an. Mehr Zeit vor dem Bildschirm bedeutet häufig weniger Zeit im Freien – in jedem Fall bedeutet es weniger bewusste Zeit in der Natur, das heißt, entspannt, tief atmend und mit allen Sinnen. Tatsächlich verbringen US-Amerikaner*innen im Schnitt 93 Prozent des Tages in Gebäuden oder Fortbewegungsmitteln, während es unter den Europäern*innen ca. 90 sind. Doch welche negativen Auswirkungen kann es auf uns biophile Lebewesen haben, unserer Erholung in der Natur zu wenig Zeit und Bewusstsein zu schenken? Die WHO identifiziert Stress als die Epidemie des 21. Jahrhunderts. Bereits im Jahr 1984 wurde zudem der spezielle Begriff Technostress geprägt. Er beschreibt den exzessiven Umgang mit modernen Medien, der unsere Gesundheit belastet. Die Tendenz zum Technostress hat in den letzten Jahren noch zugenommen: entstehend aus dem ständigen Drang, neue Nachrichten auf dem Handy zu prüfen, sich zu vernetzen und Updates zu posten, macht sich Technostress unter anderem anhand von Symptomen wie Unruhe, Depressionen, Reizbarkeit und Schlafstörungen bemerkbar. Allein Krankheitsfälle durch Unruhe und Depression beeinträchtigen den Alltag zahlloser Menschen und kosten europäische Gesundheitssysteme ca. 170 Billionen Euro jährlich. Besonders Kinder leiden in noch unerforschtem Ausmaß an einem Zuviel an Medienkonsum und an der fehlenden Zeit, die sie an der frischen Luft verbringen könnten, wie der amerikanische Journalist und Autor Richard Louv in seinem Buch Last Child in the Woods warnt.

Die Wohltaten des Waldbadens

Als ein besonders wirkungsvoller, ökologischer und kostengünstiger Ausgleich zu unserem durch Medienkonsum provozierten Technostresslevel erweist sich das japanische Shinrin Yoku. Mittlerweile existiert eine seit 2004 entwickelte, belastbare Datenbasis, die bestätigt, dass das Waldbaden nicht nur Stress reduziert, sondern auch Blutzuckerwerte und den Blutdruck senkt, den Kreislauf stärkt, die Verdauung fördert und den Energielevel hebt, Gedächtnis, Kreativität und Konzentrationsfähigkeit begünstigt, Depressionen und Schmerzen lindert sowie das Immunsystem und die Gewichtsreduzierung unterstützt. Bei all diesen positiven Effekten, die durch das Waldbaden bewirkt werden können, lohnt sich ein genauerer Blick auf diese japanische Wellness- und Gesundheitspraxis. Das erstmals im Jahr 1982 in Japan durch eine nationale Gesundheitskampagne beförderte Waldbaden wird von geschulten Begleiter*innen angeleitet und auf ausgewiesenen, besonders geeigneten Waldwegen durchgeführt. Bei einer Temperatur von 30° C sondern Bäume, darunter vermehrt immergrüne Arten, übrigens am meisten Phytonzide ab, antibiotisch wirksame Substanzen aus Pflanzen, die den Bäumen zur Kommunikation untereinander und zum Schutz vor Feinden dienen. Diese Pflanzenstoffe stimulieren unsere natürlichen Killerzellen und stärken daher unseren Körper.

Vom Walderlebnis zum Umweltschutz

130.000 Quadratmeter Wald werden jährlich weltweit gerodet – das entspricht fast der Größe Englands. Nach dem UN-Waldjahr 2011 und der Deklarierung des 21. März zum Internationalen Waldtag fehlt es weltweit allerdings noch immer an der nötigen Sensibilisierung und am Schutz für natürliche Lebensräume. Auch aus diesem Grund setzt sich der japanische Waldforscher für das Waldbaden ein: Sensibilisieren wir uns mehr für die Umwelt und treten mit ihr in Kontakt, so sind wir auch eher dazu geneigt, sie zu schützen und sie in einem intakten Zustand für künftige Generationen zu bewahren. Das Waldbaden ist also, so bringt es der Bundesverband Waldbaden e.V. auf den Punkt, Naturschutz- und Gesundheitskonzept in einem. Mit 11,4 Millionen Hektar Wald gehört Deutschland zu den waldreichsten Ländern Mitteleuropas und bietet bundesweit neben zahlreichen Wanderwegen auch Waldbadführungen und –ausbildungen an. Im Rhein-Sieg-Kreis etwa offeriert das Unternehmen RobinWoods attraktive Aktivitäten rund um das Waldbaden, die es interessant machen, das japanische Shinrin Yoku einmal selbst auszuprobieren.