Ökologie,  Politik

CORONA – können wir daraus lernen?

Die Angst vor Fragen und Antworten

Wir sind alle von der Corona-Pandemie betroffen und es ist augenscheinlich, dass ganz grundlegende Dinge geändert werden müssen, damit wir nicht in fünf oder zehn Jahren von der nächsten Krankheit überwältigt werden.

Ingeborg Renckendorf, Greenpeace Bonn

Ein neues Virus verursacht Krankheit, Ansteckung und Tod – natürlich bekommen wir Angst. Sofort entstehen Fragen: woher kommt das Virus? Von welchem Tier? Werden, wenn das übertragende Tier identifiziert ist, die Probleme gelöst sein? Was ist möglich als Abhilfe aus dieser Pandemie und Vorbeugung für die nächste?  Die Benennung eines „unschuldig Schuldigen“ wird zu oberflächlich sein, um eine Problemlösung darstellen zu können.

Hilft es, Viren zu kennen?

Diese in der Evolution aus Zellen herausgespaltenen, „selbstständig“ gewordenen „Kern-Gebilde“, die gar nicht wirklich lebendig sind, außer – ja außer dass sie sich in ganz bestimmten Wirtszellen vermehren lassen? Und deren gesamte Lebensabläufe stören bis zerstören? Nicht nur, dass sie fremde Erbsubstanz in unsere Zellen einschleusen, sie verändern ihre eigene sogar so, dass sie eine Krankheit erzeugen, während sie vorher im Tier ganz harmlos und hilfreich existierten.

Die Kenntnis  hilft nur teilweise. Warum machen die Viren manche  Menschen gar nicht krank, andere aber heftig? Welche Menschen? Tiefere Fragen nach Krankheitsursachen führen oft zu Schwäche des Organismus, zum Beispiel durch Angst, Sorge, drängende Probleme, Übergriffe durch Mitmenschen, Hetze usw. Auch geschwächte Pflanzen werden von sogenannten Schädlingen befallen, gesunde kaum.

Tiere und wir

Mit den meisten höheren Tieren verbindet uns das elementare Bedürfnis nach einer Individualdistanz. Wir fühlen uns verunsichert, wenn jemand Fremdes ohne unsere Zustimmung eine bestimmte Grenze überschreitet, unsere Individualdistanz missachtet und uns zu nahe kommt. Bei Tieren ist das vielfach ebenso. Sie werden dann aggressiv oder angstvoll. Auf chinesischen Wildtiermärkten zum Beispiel sind die Tiere grundsätzlich so eng zusammengepfercht, wie es niemals ihrer Art entsprechen würde, was, zusammen mit ihrem Leidensdruck, zu Schwäche und Krankheits-Bereitschaft führen muss. Leicht können dadurch Viren in die verschiedenen Tierarten überwechseln, und da die Menschen als Händler und Kunden in der Enge des Marktes den Tieren unnormal nahe kommen, können Viren auch auf sie überwechseln. Sie passen sich dann ihren neuen Wirten an und werden Krankheitserreger.

Distanzunterschreitung, Distanzlosigkeit hat in der Geschichte der Menschheit schon oft zu neuen Krankheiten geführt: von Kühen erhielten wir die Masern und die Tuberkulose, von Schweinen den Keuchhusten und von Enten die Grippe. Diese Reihe ging aber in der Neuzeit auch bei Wildtieren ungebremst in der Form weiter, dass die Menschen fortschreitend in die Natur siedelnd, Naturschätze entnehmend und meist zerstörend eindrangen und eindringen. Dabei kommen sie den dort lebenden Tieren und Viren in großem Maßstab zu nahe und missachten zwangsläufig die Individualdistanzen. Viele Krankheiten waren und sind die Folge: Die Lentiviren der Affen im Kongo wurden zum HIV, aus einem Wasserbakterium in Bangladesh wurde der Cholera-Erreger und so weiter. 60 Prozent der Erreger gefährlicher Krankheiten stammen von Tieren und 60 % von diesen von Wildtieren. In den Tieren sind die Viren harmlose Mitbewohner. Das fremde Milieu der nahekommenden Menschen veranlasst sie, zu Krankheitserregern zu mutieren. Noch ein konkretes Beispiel: 2017 zeigte eine Untersuchung, dass in solchen Gebieten Zentral- und Westafrikas, in denen Wälder in großem Stil gerodet wurden, kurz danach das Ebola-Virus besonders grassierte. Es hat seinen Ursprung in verschiedenen Fledermaus-Arten. Diese waren aus ihren Wäldern vertrieben worden und waren auf die Bäume in Farmen und Gärten ausgewichen, wo sie leicht in Berührung mit Menschen kommen.

Die Reihe lässt sich leicht bis zu unserer europäischen Landwirtschaft fortführen: die Massentierhaltung erzeugt unverarbeitbare Mengen von Ausscheidungen als Lebensraum für potentielle Krankheitserreger, verbunden etwa mit der Entstehung vieler antibiotikaresistenter Mikroorganismen durch bedenkenlosen Gebrauch dieser „Notfall-Mittel“.

Die Anforderung an unsere Lernwilligkeit und –fähigkeit

Dies alles lässt die Frage entstehen, ob wir als Menschheit der ganzen Erde an einer entscheidenden Grenze angekommen sind. Wenn weltweite Distanzlosigkeit der Natur, den Tieren gegenüber, unser übergriffiges Verhalten im Streben nach Gewinnmaximierung und Ausnutzung der Lebewesen zunehmend zu schweren Krankheiten, auch Pandemien, führt, ist es dann nicht an der Zeit, unsere Einstellung zur Natur mit den Tieren zu ändern?  Wildlebende Tiere sind unlöslich mit ihrer Lebensumwelt und Mitwelt verbunden. Gibt es Möglichkeiten, unser eigenes Leben zu verwirklichen und gleichzeitig die Würde, das Lebensrecht der Tiere und das gesunde Leben der ganzen Natur in ausgewählten Teilen der Erde zu respektieren und unangetastet zu lassen? Wäre es denkbar, zum Beispiel in Naturschutzgebieten weder Energiegewinnungsanlagen zu bauen noch Erdöl, Gold oder Palmöl zu gewinnen? Einfach die Natur so leben zu lassen, wie sie es nach ihren eigenen Gesetzen braucht? Wir würden von einem Zeitalter der Missachtung und Ausbeutung in ein Zeitalter der Rücksichtnahme, Achtung und Pflege der lebendigen Natur überwechseln.

Die Corona-Pandemie zeigt dem denkenden Menschen jetzt wieder, dass wir mit der Natur der Erde unlösbar zu einem Ganzen verbunden sind und uns dessen zunehmend bewusst werden sollten.

Erschienen in der BUZ 4_20