Nachhaltigkeit,  Ökologie

Bauhütten für das Anthropozän

Bei Architects for Future haben sich Architekt*innen und Menschen, die mit dem Bauen zu tun haben, zusammengeschlossen. Einig sind sie sich darin, dass der heutige Bausektor nicht zukunftsfähig ist. Woran arbeitet die Initiative, was sind ihre Ziele?

Judith Ottich und Alexander Kleinschrodt

für Architects for Future Köln/Bonn

Jetzt also noch eine „for Future“-Gruppe? Ja, denn die Baubranche trägt in der Klimakrise eine große Verantwortung. Die Bauwirtschaft ist global betrachtet für die größten Güterbewegungen, den größten Ressourcenverbrauch und die meisten CO2-Emissionen verantwortlich. Dadurch sitzt die Branche aber an einem gewaltigen Hebel: Ihr Einsparpotenzial ist enorm.

Architects for Future (A4F) ist ein freier Zusammenschluss von Menschen, die mit dem Bauen zu tun haben und sich mit dem zentralen Ziel der Fridays-for-Future-Bewegung identifizieren: beim Klimaschutz endlich die Lücke zwischen Wissen und Handeln zu schließen. Gegründet wurde A4F im Juni 2019, von einer Gruppe junger Architekt*innen, die sich damals noch im Studium an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen befanden. Inzwischen ist A4F Deutschland e. V. als gemeinnütziger Verein anerkannt. Zwischen Hamburg und Wien haben sich im deutschsprachigen Raum zahlreiche Ortsgruppen gebildet.

Als eine Art Manifest hat A4F bald nach der Gründung ein Statement mit sieben zentralen Forderungen auf den Weg gebracht. Die Überwindung der Wegwerfmentalität in der Baupraxis nimmt dabei eine Schlüsselstelle ein. Renovierung, Umbau oder Erweiterung müssen die Regel sein, ein Abriss dagegen nur das letzte Mittel. Ein anderer entscheidender Punkt ist die Materialwahl. Viele Baustoffe belasten schon bei ihrer Gewinnung Umwelt und Klima. Deshalb muss zukünftig mithilfe einer einheitlichen, verpflichtenden Produktdeklaration klar erkennbar sein, mit welchem ökologischen Fußabdruck ein Baustoff daherkommt. Immer noch wird beim Bauen auch schadstoffhaltiges Material verwendet, zu dem es gesunde, nachwachsende oder regionale Alternativen gibt. Veränderungen schützen hier also die natürlichen Lebensgrundlagen und verbessern zugleich die Lebensqualität in Gebäuden.

Dass die Baubranche, so wie sie ist, auch von Gewinnmaximierung und Spekulation geprägt ist, wird – vor allem wegen des Mangels an günstigem Wohnraum – inzwischen von vielen Seiten kritisiert. Diesen Kräften fallen auch öffentliche Räume zum Opfer: Wenn ein Neubauviertel gedrängt, aber anonym und ausgestorben wirkt, wurde oft der Platz für Begegnungsräume eingespart. Architekt*innen sollten sich wieder vermehrt die Frage stellen, für wen sie eigentlich entwerfen und bauen und in wessen Dienst sie ihre Arbeit stellen. Städte und Gemeinden sollten Investoren nicht leichtfertig und ohne gestalterische Auflagen das Feld überlassen. A4F fordert deshalb: Entwerft für eine offene Gesellschaft!

Wenn eine Kreislaufwirtschaft auch für das Bauen das Ziel ist, dann müssen dafür die Grundlagen geschaffen werden – mit kreislaufgerechten Konstruktionen. Die heute verbauten Materialien können oft nur schwer voneinander gelöst werden, die verschiedenen Wandschichten der üblichen Wärmedämmverbundsysteme sind fest miteinander verklebt. Was aber nicht sortenrein zu trennen ist, landet gesammelt auf der Deponie. Dem gegenüber steht eine faszinierende Zielvision: Ein kreislaufgerecht konstruiertes Gebäude verliert am Ende seines Lebenszyklus nicht an Wert. An die Stelle von kostspieliger Entsorgung treten Abbau und Verkauf. Zwar wird schon heute Bauschutt weiterverwertet, doch der überwiegende Teil davon wird als Verfüllmaterial im Erd- und Straßenbau genutzt. Durch diese systembedingte Abwertung kann man in der Baubranche bisher kaum von Recycling sprechen, lediglich von Downcycling. Und genau das – so fordert A4F – gilt es zu vermeiden.

Die gebaute Umwelt nehmen wir bisher kaum als Materialspeicher wahr, sondern beuten weiterhin Rohstoffvorkommen andernorts aus. Primärrohstoffe sind endlich, aber noch fehlen uns zur Nutzung von Sekundärmaterialien die Strukturen. Durch die Digitalisierung ergeben sich jetzt gute Chancen zum „matchmaking“, also der Koordination von ausgebauten Materialien und bestehendem Bedarf. Direkt vor Ort braucht es dann Umschlagplätze für wiederverwertbare Materialien und Bauteilbörsen – sozusagen als städtische Bauhütten.

Nicht zuletzt hat das Bauen auch einen Einfluss auf die Biodiversität. Bisher ist er meistens negativ: Der Flächenverbrauch zerstört wertvolle Lebensräume der Tier- und Pflanzenwelt. Versiegelte Flächen verlieren zudem den Nutzen zur Nahrungsproduktion, Naherholung und Regenwasserversickerung. Ein verantwortungsvoller Umgang mit der Fläche könnte nicht nur der Zerstörung von Naturräumen Einhalt gebieten, er könnte sich sogar positiv auswirken und ökologisch wertvollen Lebensraum schaffen. Im Zeitalter des Anthropozäns gehört auch das zu den Herausforderungen der Menschheit.

Diese sieben Forderungen hat A4F zuletzt in konkrete politische Maßnahmen übersetzt und dieses Programm als Petition an den Bundestag gerichtet. Unter anderem sollen der Schutz von Bestandsgebäuden durch ein Gesetz geregelt und Sanierungen, über den Denkmalschutz hinaus, förderungsfähig werden. Außerdem müssen die gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden für eine Kreislaufwirtschaft und für die Bemessung von Nachhaltigkeit auf der Grundlage des gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes, von der Baustoffproduktion bis zur Entsorgung. Mit über 57.000 Unterzeichnenden hat die Petition im Januar das notwendige Quorum erfüllt – ein wichtiger Meilenstein für einen Wandel in der Baubranche.

Erschienen in der BUZ 2_21